Blaupause für die politische Krise

von Richard Schütze3.03.2011Innenpolitik

In den vergangenen Tagen gab es eine gewaltige Medienorgie rund um den Rücktritt von Karl-Theodor zu Guttenberg. Doch wie meistert man so eine Krise richtig? Ein Leitfaden in zehn Punkten für alle, denen selbst solch Ungemach droht.

In einer nie da gewesenen Medienorgie leidet und weidet sich das Land an „Aufstieg und Fall der Guttenbergs“ und der „12-Tage-Schlacht“ (“Bild(Link) ) des am Himmel verglühten adligen „Ikarus“ (FAZ(Link) . Die Zahl der Talkrunden, die sich hingebungsvoll einmal und dann gleich noch einmal des ehemals ministeriellen Plagiateurs annehmen, ist unüberschaubar. Eine vielfach schrill plärrende Heuchelei duelliert sich mit der um die eigenen gutbürgerlichen Prinzipien herumeiernde Entschuldigungsmaschinerie; dazwischen funkeln wie zwischen Mühlsteinen die abgewogenen Urteile derer, die die Komplexität der Welt und den Charakter der Menschen nicht schwarz-weiß malen. Was bleibt, ist ein „Idol und Star“ (Gertrud Höhler(Link) , dessen Auferstehung von den politisch Toten nach Meinung der Meinungsforscher von der Mehrheit der Leute schon jetzt herbeigesehnt wird.

Lehren für die politische Kaste

Zeit zum Innehalten: Was hat KTzG falsch gemacht – neben der Ursünde des „copy and paste“ bei der Anfertigung seiner Dissertation? Welche Lehren kann die politische Kaste aus diesem Absturz ziehen? *1. Issues katalogisieren und Krisen identifizieren* Jeder Fall liegt anders und birgt unterschiedliche Risiken in sich. Gerade im Zeitalter des Internets gilt es, potenzielle Krisenauslöser sorgfältig zu analysieren und Entwicklungen zu beobachten. Um schon bei den ersten Anzeichen präpariert zu sein und angemessen reagieren zu können. KTzG wusste, was es mit der Anfertigung seiner Promotionsarbeit auf sich hatte – egal, wie diese Arbeit nun zustande gekommen war. *2. Best-, Real- and Worst-Case-Szenarien durchdenken* Jeder Krisenfall muss mit allen möglichen Konsequenzen bis zum Ende durchdacht werden. Es ist höchst fahrlässig, darauf zu pokern, mit einfachem Ignorieren (KTzG: Abtauchen in Afghanistan) oder einem rabiaten Dementi („abstruse Vorwürfe“) bzw. verniedlichendem Bagatellisieren („Fehler gemacht … Blödsinn geschrieben“) durchzukommen. *3. Klugen Rat einholen* Statt „den Sand in den Kopf zu stecken“ (Lothar Matthäus), umsichtigen Rat einholen. Die Klugheit ist die „Mutter aller Tugenden“. Akzeptanz der Wirklichkeit: „Die Wahrheit wird Euch frei machen“ (Joh 8,32). Ein Rat ist zumeist dann gut, wenn er von vornherein die „heißen Kohlen“ anpackt, Geschwüre tabulos diagnostiziert(Link) 2 und als Therapie eher eine schmerzhafte Operation denn ein quälend vergebliches und allenfalls das Siechtum verlängerndes Gesundbeten offeriert. *4. Verlorene Positionen frühzeitig aufgeben* Keine brennenden Planwagen gegen anstürmende Indianer verteidigen: Unhaltbare Argumentationen und eigenes Fehlverhalten frühzeitig eingestehen und aufrichtig bedauern. KTzG musste von Anbeginn der Affäre klar sein, dass bei seiner Megaprominenz das Oberste zuunterst gekehrt und jeder Stein umgedreht werden würde – alle Katzen hielten die Enden des Stoffknäuels längst in ihren Krallen. Es macht einen kläglichen Eindruck, wenn man sich die Würmer aus der Nase ziehen lässt. *5. Sich ehrlich erklären* Das erwartungsvolle Publikum nicht darben und die Kollegen nicht mit ihrer verzweifelten Solidarität allein lassen. Das Feuer austreten, selbst wenn man sich dabei die Füße verbrennt. Nach einer Zeit der Heilung können die Wunden vernarben und eine neue Chance daraus wachsen(Link) . Deshalb: Gleich sagen, was wirklich Sache ist und wie man selbst dazu steht. Die Wahrheit nicht beschönigen. Alles offen darlegen, was zum Verständnis einer Situation und der eigenen Motivation bzw. den Absichten (damals und heute) nötig, d.h. die Erklärungs-Not wendend ist. Der Jurist KTzG weiß: „Da mihi factum, dabo tibi ius“. *6. Mut statt falschem Pathos* Mit Tapferkeit das sagen, was das Unangenehmste ist. Dreiste Tollkühnheit („ich war jederzeit bereit zu kämpfen …“) verleitet allzu oft dazu, die Dinge in ein relativierendes Licht zu stellen oder gar eine Verschwörung zu beschwören. Das stößt unangenehm auf. *7. Keine falsche Solidarität einfordern* Die Verleitung zu nicht gerechtfertigter Solidarität provoziert falsche Kumpanei; andere vor den eigenen Karren zu spannen, beschädigt das Ansehen der Partner und vergiftet Freundschaften und Vertrauen. *8. Andere nicht beschuldigen* Medienschelte und das Anklagen von Neidern oder missgünstigen Kontrahenten („Fischer war Steinewerfer“) sind verständliche Reaktionen, aber sie machen „klein“. Gerade in der Niederlage gilt es, Größe zu zeigen und die Schuld nicht bei anderen zu suchen.
 *9. Keine Schnellschüsse* Überlegt handeln. Keine Bauernopfer (Wichert, Schneiderhahn, Schatz) aufhäufen. Sorgfältig agieren bedeutet, sich genug Zeit für eine kluge Entscheidung zu nehmen und erst dann zügig zu handeln. *10. Aufrecht gehen und Konsequenzen ziehen* Bereit sein, die Konsequenzen des eigenen Handelns mit aufrechtem Gang zu tragen. Zum richtigen Zeitpunkt (Kairos) auch den „schmerzlichsten Schritt“ (KTzG) gehen. Ohne Selbstmitleid und Opfermentalität. Dann gilt: Jeder hat eine zweite Chance verdient.

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