Wulff gewinnt Format

von Richard Schütze28.02.2011Innenpolitik

Bundespräsident Wulff ist dabei, seine zweite und dritte Chance zu nutzen. Nach Spekulationen um Klüngeleien in Niedersachsen und Turbulenzen im Privatleben positioniert er sich geschickt erneut im Rampenlicht und gibt auf seiner Nahost-Reise eine gute Figur ab.

„Mehr Biss und etwas mehr Mut“ fordert er von Europa, in dessen „unmittelbarer Nachbarschaft“ er eine „historische Zeitenwende“ heraufziehen sieht. Der, den einst die Entourage des aktuellen SPD-Chefs Sigmar Gabriel vergeblich als „katholischen Warmduscher aus dem Emsland“ zu stigmatisieren suchte und den der listige ARD-Plauderer Beckmann als „Loser“ nicht an seinen Talktisch laden wollte, der übergeht abermals das eingeölte diplomatische Procedere, redet Tacheles und bezeichnet den “libyschen Despoten Gaddafi(Link) i schlicht als einen „Psychopathen“. Man dürfe die Erwartungen an Europa in dieser Stunde nicht verschlafen. Die Rolle Deutschlands dabei könne sein, einen Beitrag zur Öffnung und zu mehr Demokratie zu leisten. Bei seinem aktuellen Besuch in den Öl-Emiraten Katar und Kuwait(Link) l mag er bei der kuwaitischen Militärparade zum 50. Jahrestag der Unabhängigkeit und der Befreiung von der irakischen Besetzung vor 20 Jahren nicht dabei sein und den Abstecher ins Königreich Bahrain, wo die in Bedrängnis geratene Herrscherclique auf Demonstranten schießen ließ, hat er gleich ganz abgesagt; es sei nicht die Zeit, an waffenstarrenden Veranstaltungen teilzunehmen.

Spot an

Je mehr der Hoffnungsträger und Verteidigungsminister zu Guttenberg sich daheim verheddert und nach den Abgängen von Merz und Koch und dem blamablen Ausstieg des Ole von Beust in der Union(Link) g ein Vakuum nach dem anderen entsteht, umso mehr richten sich die Scheinwerfer wieder auf den jungen Bundespräsidenten. Fasst er mehr Tritt und gewinnt Statur? Im Windschatten des Schröder’schen Niedergangs in Berlin hatte der Niedersachse im Februar 2003 mit 48,3 Prozent der Stimmen den damaligen Ministerpräsidenten Gabriel in Hannover aus dem Amt gefegt und dann 2008 noch einmal 42,5 Prozent geholt. Wie aus dem Nichts schien nach dem Abgang von Horst Köhler im Juni 2010 seine Kandidatur für das Präsidentenamt zu kommen; dabei suchte Wulff eine neue Herausforderung, die es ihm erlaubte, entsprechend seinem Naturell Interessengegensätze auszutarieren und zugleich Führungsverantwortung zu übernehmen. Er war klug genug, zeitig den jungen David McAllister in die Ämter des CDU-Landeschefs und niedersächsischen Ministerpräsidenten nachrücken zu lassen und zugleich einem Showdown mit Kanzlerin Merkel aus dem Weg zu gehen.

Die Garde der Nachgeborenen

Hatte er im Juli 2008 noch abgestritten, ein politisches „Alphatier“ wie Angela Merkel zu sein, so war sein programmatischer Satz „der Islam gehört zu Deutschland“ in der Festrede zum Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 2010 ein rhetorischer Kracher, der eine aufwühlende kulturpolitische Debatte auslöste(Link) . Rasch versuchte er wenig später bei seinem Besuch in der Türkei, die Gemüter mit dem Spiegelsatz „das Christentum gehört zweifelsfrei zur Türkei“ wieder zu glätten und trat fortan für mehr Religionsfreiheit besonders auch in den islamisch geprägten Ländern ein. Mehr Gewicht wuchs ihm zu, als er mit seiner Tochter sichtlich ergriffen in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem auftrat und dann als erster deutscher Bundespräsident am 66. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz das Wort ergriff: „Wir tragen … eine historische dauernde Verantwortung, die unabhängig ist von individueller Schuld.“ Die Erinnerung an den Holocaust müsse „ewig wach“ gehalten werden. Es bestehe eine Verantwortung, dass „ein solcher Zivilisationsbruch nie wieder geschieht – in Europa und weltweit“. Die alte präsidiale Garde und geistig-politische Elite der Republik vom Schlage der von Weizsäcker, Herzog, Genscher, Schmidt und auch der noch juvenile Gauck waren geprägt durch die Erlebnisse von Nazi- und Kaltem Krieg, Totalitarismus und Wiederaufbau. Das Ringen um Freiheit und Rechtsstaatlichkeit spiegelte sich in ihren Zügen. Mancher verfügte zudem über eine profunde Bildung und fleißig erworbenes Wissen. Mit wenigen Worten vermochten diese „Elefanten“ viel zu sagen und zu bewirken. Christian Wulff führt nun als Präsident die Generation der Nachgeborenen an und es macht den Eindruck, dass er nach mancherlei überstandenen Turbulenzen im privaten Leben und Hannoveraner Klüngel mit den Herausforderungen wächst und seine zweite und dritte Chance nutzt.

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