Doktor seltsam

von Richard Schütze21.02.2011Innenpolitik

Zu Guttenberg ist eine Marke. Doch das Image bröckelt mit zunehmend schlechterem Krisenmanagement. Bleibt die Hoffnung: Erst in der Krise reift der Charakter.

Als Totilas den Parcours betrat, ging ein Raunen durch das Publikum. Wie ein strahlender Komet zog der Rappe die Menschen in seinen Bann. Bei der Dressur-Weltmeisterschaft hatte das Wunderpferd mit seiner erhabenen Kunst, seinem edlen Stolz und seiner Anmut mit Bestnoten alle drei Goldmedaillen gewonnen und die Herzen der Leute im ganzen Land erobert. Hoffnungen, Sehnsüchte und Erwartungen bündelten sich in ihm; mit Totilas erschien eine einzigartige Persönlichkeit am Firmament – und es war schön, ihm zuzuschau’n. Aber: War der Hengst bei seinen Auftritten gedopt? Hatte man ihm seine Lektionen mit brutalen Methoden eingehämmert? Verbarg sich hinter dem Wunderpferd nur eine im wahrsten Sinn des Wortes blendende Erscheinung?

Die Marke KTzG

Von Karl-Theodor zu Guttenberg ging eine Faszination aus, die an die Anziehungskraft von Totilas erinnerte. So formulierte ich es in einem ZDF-Interview am 29. Oktober 2010. Und noch immer sind zwei Drittel der Menschen in Deutschland von dem dynamisch und unverbraucht wirkenden Politiker überzeugt. Trotz aller Krisen von der “Kunduz-Affäre(Link) s über die Gorch Fock(Link) s bis hin zu den Plagiatsvorwürfen rund um seine Dissertation(Link) . KTzG hatte Persönlichkeit, Charisma und war zu einer Marke geworden; mehr noch: Er hatte sich zu einer Ikone entwickelt. Mit ihm verband man Prominenz; er war die Gallionsfigur, die der Politik neues Leben und Glanz einhauchte, die ihr neue Kraft, Vertrauen, Glaubwürdigkeit und Gestaltungswillen verlieh. Er versprach in einzigartiger Weise eine Führungspersönlichkeit mit Charakter, Tugenden und Werten zu sein, die eine überzeugende Orientierung bot. KTzG war die überragende Leitfigur der im Land gefühlten Leitkultur. Doch dann patzte er. Bei jeder Krise ein wenig mehr. Statt der Vorführung von geordnetem Krisenmanagement beobachtete das immer noch geneigte Publikum, wie er erstaunlich unprofessionell um sich schlug. Auch auf Kosten Dritter, die als Bauernopfer auf der Strecke blieben. Bekämpfte er die ersten Krisen noch mit Schnellschüssen und der pauschalisierenden Distanzierung, von den eigenen Leuten bewusst nicht richtig informiert worden zu sein, so sucht er in der aktuellen Affäre sein Heil in bagatellisierenden Dementis, es seien ihm wegen der seinerzeitigen Arbeitsüberlastung bei den in seiner Doktorarbeit monierten Textstellen allenfalls verzeihliche Fehler mit Fußnotenzitaten unterlaufen. Das KTzG-Krisenmanagement weist aber noch andere schwerwiegende Mängel auf: Statt einer _rapid reaction_ ging der Minister einen Tag lang auf afghanische Tauchstation. Statt einer offensiven und zufriedenstellenden Erklärung nach dem Muster einer Bischöfin Käßmann gab es den Affront gegenüber der Hauptstadtpresse, ließ er den Sprecher der Bundesregierung und auch den des eigenen Ministeriums ganz alt aussehen und machte so Tür und Tor sperrangelweit auf für allerlei Spekulationen und Gerüchte. Als KTzG deutlich angespannt endlich im eigenen Ministerium vor ausgewählte Journalisten mit Kamera und Mikrofon trat, erlaubte er sich als TV-Bildhintergrund ein Treppenhaus und niemand getraute sich mehr, ihn darauf aufmerksam zu machen, dass auch seine Brille schief saß.

Charakter reift in der Krise

Schlecht aufgezäumt und miserabel vorbereitet(Link) t aber würde Totilas keine Arena betreten und auch in der Stallgasse nicht um sich schlagen. Seinen Reiter und sein Publikum betrachtet er mit Respekt und Selbstsicherheit. Dabei vertraut er auf sein Können und das Bewusstsein, sich selbst zu beherrschen und _content_ zu besitzen. Und: Er lässt sich behutsam aufbauen. Gerade in einer Welt, die nach wahrem Glamour lechzt und oft nur oberflächlichen _Glammer_ erhält, schadet die Verführung zum Aufstieg mit Hochgeschwindigkeit der konsistenten Entwicklung von Persönlichkeiten. Weniger Karussell im Boulevard kann mehr nachhaltige Wirkung sein. Selbstreflexion über den Stall, aus dem man kommt, und die damit eingegangene Verpflichtung zu adliger Haltung und edlem Verhalten sind das Gebot der Stunde. Zuweilen reift der Charakter erst in der Krise. Dann wächst aus Talent und Verantwortung eine überragende Autorität.

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