Der letzte Preuße ist gefordert

von Richard Schütze14.02.2011Innenpolitik

Schwarz-Gelb schlingert momentan gewaltig. Merkel wirkt überfordert, auch Minister Guttenberg kommt nicht aus der Kritik. Eine Ausnahme gibt es: Finanzminister Schäuble verrichtet stoisch seinen Dienst am deutschen Staat. Seine Verantwortung ist inzwischen enorm.

Aufmerksam mustert er den Fragesteller, der in einem langen Monolog seine Sorgen zu allerlei Themen ausbreitet – verbunden mit Hinweisen auf die eigene Bedeutsamkeit und einer Huldigung an den “hochrangigen Podiumsgast”:http://www.youtube.com/watch?v=1aNO-PEmMe0. Wie viele Stunden mag er in seinem Leben schon bei Konferenzen und Talks mit interessierter Miene beim Dialog mit Bürgern oder auch im Disput mit seinesgleichen diszipliniert dagesessen sein? Ob er an das Bonmot von Christian Wulff denkt, dass insbesondere Angehörige der Politiker-Kaste nach ihrem Ableben im Jüngsten Gericht gefragt würden, wie viele Stunden Lebenszeit sie der eigenen Familie mit nutzlosen Sitzungen vorenthalten hätten? Endlich kann er ein paar Sätze erwidern, schnörkellos und mit Gewicht – wie sie so lapidar nur von den mit den Narben des Lebens übersäten weisen Häuptlingen wie einem Helmut Schmidt respektvoll entgegengenommen werden: „Der Mensch braucht Regeln; allein kann er das nicht schaffen“, formuliert Wolfgang Schäuble. Die Menschen seien „mit Freiheit begabt“, aber „auch fescht in der Sünde verwurzelt“. Es gelte, Ordnung zu schaffen, die auch „Raum für Freiheit gibt“.

Ordnung ist das halbe Leben

„Ordnung ist das halbe Leben“, lautet eine alte Volksweisheit. Für den Mann, der sich mit schütterem Haar, fahlem Gesicht und fast hagerer Gestalt in seinem Rollstuhl aufrecht hält, ist Ordnung im Staat zu schaffen und sie zu erhalten eine verpflichtende Lebensaufgabe. Erst meisterte er sportlich-dynamisch die Vereinigung der beiden deutschen Staaten in einer gesamtstaatlichen Ordnung, dann mühte er sich schon im Rollstuhl sitzend und mit gerader Haltung als Innenminister um polizeiliche Sicherheit bis hin zur diffizilen Abgrenzung der Sicherheitsinteressen des Staates und der Freiheitsgrundrechte des Bürgers. Und nun steht ihm als Finanzminister zum Abschluss seiner Karriere noch einmal ein gewaltiger Balanceakt bevor. Zwischen den Ungeheuern Skylla und Charybdis darf er keiner Verlockung erliegen, sonst erleidet der Euro und mit ihm Europa an diesen Riffen katastrophalen Schiffbruch. Zwischen der ungebremsten Lebenslust der romanisch-südeuropäischen Länder mit Dolce Vita und Berlusconi auf Pump auf der einen Seite und der Besorgnis der nordischen Euro-Skeptiker um die Währungsstabilität auf der anderen, gilt es einen Kurs zu finden, der ebenso den französischen Nicolas Bonaparte mit dessen fixer Idee einer europäischen Wirtschaftsregierung wie die verdienten Benelux-Länder und andere Kleinere in der EU einbindet. Mitten in diesem schwierigen Manöver stürzt der patzige Abgang von Axel Weber, dem unglücklichen Gralshüter der alten D-Mark-Philosophie, als Bundesbankpräsident die Regierung in ein heilloses Desaster.

Staatsdiener Schäuble

Einst hatte Friedrich Merz den in Freiburg geborenen Südbadener nach der CDU-Parteispendenaffäre als Unions-Fraktionschef im Bundestag beerbt; doch nun ist Merz ebenso von Deck und kommentiert das Geschehen mit intelligenten Artikeln nur noch von draußen: wie der 2005 von Merkel als Finanzminister designierte „Professor aus Heidelberg“ (Gerhard Schröder) Paul Kirchhof. Die Kanzlerin selbst weiß vielleicht nicht mehr weiter und sie erklärt vor allem ihren Kurs nicht; nicht nur das „Handelsblatt“ argwöhnt, Merkel sei “überfordert und orientierungslos”:http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/weber-zukunft-die-suche-nach-zwei-nachfolgern;2752055. Weit und breit ist niemand in Sicht, der sich aufrafft und Ordnung schafft. Der Staatsdiener Wolfgang ist allein zu Haus; wie damals, als er am 20. Juni 1991 im Bonner Parlament den separatistischen Rhein- und Saarländern entscheidend Paroli bot und mit einer “pointierten Rede”:http://www.tagesschau.de/multimedia/video/sendungsbeitrag95150.html die Entscheidung für Berlin als Bundeshauptstadt herbeiführte: „In Wahrheit geht es um die Zukunft Deutschlands. Das ist die entscheidende Frage“, rief der Protestant aus, der sich wie Helmut Schmidt einer Kantianischen Pflichten-Ethik verbunden fühlt. Nun geht es gar um die Zukunft Europas.

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