Katzenfrühstück

von Richard Schütze7.02.2011Innenpolitik

Auch wenn es vorerst keine gesetzliche Frauenquote geben wird, haben Kanzlerin Merkel, Ministerin Schröder und Ministerin von der Leyen ihr Revier markiert. Die drei Damen haben der Männerwelt damit einmal mehr gezeigt, dass die Führungsetagen weiblicher werden müssten.

Konzentriert, energisch und pointiert: Als Arbeitsministerin Ursula von der Leyen im Januar ein Resümee zog, war für sie die vor rund zehn Jahren proklamierte freiwillige Selbstverpflichtung der Wirtschaft, mehr Frauen in Führungspositionen zu berufen, „krachend gescheitert“. Entschlossen krallte sich die Ministerin Industrie, Handel und Banken: „Angesichts der nur mit der Lupe erkennbaren Fortschritte“ müsse „jetzt eine breite Debatte über das Thema Quote“ geführt und dann müssten auch Konsequenzen gezogen werden. Wieder einmal schien sie geschickt den Kairos für einen beachtlichen Coup erwischt und ein lohnendes Beutethema aufgegriffen zu haben; die reichlich spät erwachende Frauenministerin Kristina Schröder hatte ebenso wie der liberale Koalitionspartner das Nachsehen.

Eine als rabiat empfundene Zwangsquote

Auch die Wirtschaft raffte sich erst nach einer Schockstarre zu zaghafter Gegenwehr auf; intern gaben nicht wenige Bosse von DAX-Konzernen an ihre Personaler den Ukas, ab sofort nach qualifizierten Frauen für die Besetzung von Vorständen und Aufsichtsräten Ausschau zu halten. Während von der Leyen androhte, noch 2011 eine gesetzliche Quote von 30% festzuschreiben, fahndeten Headhunter bereits nach so vielen kompetenten Frauen, dass auch ein Anteil von 50% in den Führungsorganen abgedeckt werden könnte. “Hier und da kehrte dann Ernüchterung ein, als sich herausstellte, dass aktuell nicht genug Frauen zur Verfügung stehen, die ein quasi zwangszölibatäres Leben rund um die Uhr im Dienst an der Firma erstrebenswert finden(Link)”:http://www.theeuropean.de/kerstin-plehwe/5615-der-streit-um-die-frauen-quote. Und den Personalern wurde vorgehalten, eine als rabiat empfundene Zwangsquote löse bei den um die raren Topjobs kämpfenden Männern Existenzängste aus. Die Verbände traten auf den Plan und deren Bedenken aufnehmend legte sich die FDP auf ein klares „Njet“ fest. “Dies war die Stunde der Frauenministerin, ihr Revier gegen die erfahrenere Konkurrentin zu behaupten(Link)”:http://www.faz.net/s/Rub594835B672714A1DB1A121534F010EE1/Doc~E84240C74F39D4B068FB1582D5C6C06BE~ATpl~Ecommon~Scontent.html; obwohl zaghaft im Ton, gelang es ihr doch, trotz einer etwas umständlichen Formulierung ihre Position zu markieren: Wenn sich der Anteil der Frauen in den Topgremien der Wirtschaft bis 2013 im Zuge einer nochmals zugestandenen freiwilligen Selbstverpflichtung nicht verdreifache, würden Unternehmen „ab einer gewissen Größe gesetzlich verpflichtet, für sich eine selbst bestimmte Frauenquote festzulegen und zu veröffentlichen“. An diesem Punkt fühlte sich Kanzlerin Angela Merkel an die eigene Selbstverpflichtung gebunden, ihre Richtlinienkompetenz wahrzunehmen und vor den wichtigen Landtagswahlen dem liberalen Partner ein Überleben mit Selbstachtung zu ermöglichen. Trocken und bündig fuhr sie dazwischen und ließ Regierungssprecher Seibert verkünden, sie suche einen „pragmatischen Weg, der aber das Ziel nicht aus den Augen“ verliere. Im Kabinett hatte sie zuvor von der Leyen kühl beschieden, dass es keine gesetzliche Quote geben werde; eine solche Regelung sei in der Koalition nicht durchsetzbar.

Wohl bekomm’s

Würde von der Leyen sich schmollend mit Katzenjammer zurückziehen und Schröder fauchend triumphieren? Wer dies annahm, kennt die disziplinierte Dressurreiterin und strategisch agierende, multitaskingfähige Ministerin wenig. Mit der öffentlich bekundeten Bereitschaft, Schröder „die Hand zu reichen“, und sich dem Vorschlag anzuschließen, den Unternehmen erneut eine Frist von zwei Jahren zur Erfüllung der Selbstverpflichtung einzuräumen, schwenkte sie gesichtswahrend auf eine intelligente Kompromisslinie ein. Zum Katzenfrühstück vertilgen die drei Unionsfrauen nun gut mundende Häppchen: Von der Leyen gebührt das Verdienst, wieder einmal eine strategische Debatte initiiert und zugleich Größe gezeigt zu haben; Schröder sonnt sich in dem unverhofften Glück, einmal erfolgreich über den großen Schatten der Amtsvorgängerin gesprungen zu sein, und Merkel durfte eine Kostprobe ihres rationalen Regierungsstils abliefern. “Und alle drei Ladys haben den unbegrenzten Machtanspruch der Herren der Wirtschaft verspeist(Link)”:http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/1250610/heute-show-vom-04.02.2011?bc=sts;suc#/beitrag/video/1250610/heute-show-vom-04.02.2011. Wohl bekomm’s Wirtschaft und Gesellschaft!

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Die AfD ist der Aufstand der Straße gegen die Zumutung des kategorischen Imperativs

Die mangelnde Problemlösungsfähigkeit, die den regierenden Parteien in Umfragen unterstellt wird, scheint mir das eigentliche Problem. Keiner behauptet, die AfD könne die Probleme lösen oder habe die Konzepte dafür; sie ist reine Protestpartei, inhaltlich nichts sagend.

Die DDR kommt wieder!

Zwei Drittel der Berliner befürworten einen Mietendeckel, wenn die Mieten zu stark ansteigen. Das Bundesverfassungsgericht sagt, dass „preisrechtliche Vorschriften, die durch sozialpolitische Ziele legitimiert werden, verfassungsrechtlich nicht ausgeschlossen sind“. Die Mietpreisexplosion in Be

Die AfD verändert die politische Geographie

Am 1. September wird in Brandenburg und Sachsen gewählt. Die ermatteten Volksparteien bekommen ihre Quittung für eine Politik politischer Lethargie. Die AfD pflügt seit Wochen die politische Landschaft um, aber warum hat sie so eine Macht in Ostdeutschland?

Die GroKo versagt in der Migrationspolitik

Die Bilder aus Lesbos sind ein Menetekel: Der „Türkei-Deal“ ist gescheitert. Die Balkanroute ist wieder offen, aber die Regierung verschließt die Augen. Die GroKo versagt auf ganzer Linie, nicht nur in der Migrationspolitik.

Deutschland investiert kaum noch und unsere Infrastruktur wird marode

Die schwarze Null und die Schuldenbremse sind einer der Götzen neoliberaler Politik. Seit einem Jahrzehnt weisen wir auf die verheerende Wirkung dieser Politik hin: unsere Schulen und Straßen sind in schlechtem Zustand, Schwimmbäder und Bibliotheken schließen, Brücken und Bahnhöfe verfallen. D

Auf welchem Stern lebt Peter Altmaier?

Ich frage mich wirklich, auf welchem Stern unser Wirtschaftsminister lebt, um einen solchen Unfug abzusondern. Aber es ist die typische Haltung von Regierenden im Raumschiff Berlin, fernab von der Lebenswirklichkeit, nichts mit den Menschen vor Ort im Sinn, überheblich und unverbesserlich.

Mobile Sliding Menu