Das politische Dschungelbuch | The European

Der Panther muss durchs Feuer

Richard Schütze31.01.2011Innenpolitik

Jetzt ist der Zeitpunkt, an dem sich Barack Obama beweisen muss. Gilt sein “Yes, we can“ auch unter den verschärften Bedingungen, die gerade die Lage in Nordafrika und im Nahen Osten umwälzen, und angesichts eines ideologischen Feindes, der zu einem wirtschaftlichen Vorbild geworden ist?

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gettyimages

In China bis über die Ohren verschuldet, durch Nordkorea und den Iran aufs Blut gereizt, in Afghanistan und im Irak vom Terror herausgefordert, in Pakistan unübersichtlich verstrickt, daheim um die Gesundheitsreform ringend, die Banken- und Finanzkrise noch in den Knochen und einen aufgeweichten Dollar unter den Pranken: Barack Obama, dem schwarzen Panther, steht ein schwieriges Jahr bevor. “Und jetzt droht die Welt auf dem schwarzen Kontinent und in den arabischen Staaten des Nahen Ostens aus den Fugen zu geraten(Link)”:http://www.theeuropean.de/debatte/5504-revolution-per-netz. Nur die Amerikaner scheinen in der Lage, die auflodernden Flammen in Ägypten, Tunesien, dem Jemen und in Jordanien eindämmen und den Feuersturm in kalkulierbare Bahnen lenken zu können. Neue Eliten buhlen um die Gunst der arabischen Massen und wollen die archaischen Strukturen wegspülen. Obama sieht sich überall mit der Frage konfrontiert: Wie viel Kraft steckt noch in seinem brüllenden “Yes, we can”?

Kein Zögern möglich

Dabei hat der gelbe Tiger gleich zu Beginn des Jahres das Territorium des Panthers aufgesucht und weitere Weltmachtansprüche angemeldet: Chinas Präsident Hu Jintao hat bei seinem Hauptschuldner im Weißen Haus nach dem Rechten geschaut. Und weil die Novemberwahlen den Republikanern die Mehrheit der Sitze im US-Repräsentantenhaus einbrachten, musste sich der Panther in seiner Rede zur Lage der Nation vor beiden Häusern des Kongresses wieder als wahrer König der Tiere beweisen. Wer kennt ihn nicht, den Klassiker “Das Dschungelbuch” im Zeichentrick Walt Disneys? Wer lächelt nicht, wenn dem Menschenkind Mogli am Ende ein friedliches Zusammenleben von Tier und Mensch ermöglicht wird? Drahtzieher der Geschichte ist Baghira, der schwarze Panther. Er sorgt dafür, dass eine Wolfsfamilie das Menschenkind aufnimmt und großzieht. Als der Tiger Shirkan auftaucht, gilt es, Mogli zu retten und in die schützende Menschensiedlung zu bringen. Auf seinen wirren Wegen begegnet der Junge vielen Dschungelbewohnern, ihrer Freundschaft, ihren Tücken. Der schwarze Panther ist immer auf dem Sprung: In Nullkommanichts ist er zur Stelle, wenn das arglose Menschenkind Hilfe braucht. Sein Credo: “Du musst immer daran denken, Mogli, es gibt keine größere Liebe, als wenn man sein Leben für seine Freunde einsetzt.” Diese große Geste hat Obaghira letzte Woche in seiner Rede zur Lage der Nation übernommen. Nur Amerika ist global präsent und nur unter Führung der westlichen Supermacht kann Zivilgesellschaften des Nordens ein über- und halbwegs geordnetes Zusammenleben mit den im Umbruch befindlichen Nationen auf dem schwarzen und dem eurasischen Kontinent gelingen.

Yes, Obaghira, if you can

Obaghira war sich bewusst: Ein zögerliches Anschleichen und vorsichtiges Wegducken wie bei der Havarie der Ölbohrinsel Deepwater Horizon im mexikanischen Golf wäre zum Desaster geworden; die Rede zur Lage der Nation musste groß inszeniert werden. Hatte er noch bei der Pressekonferenz mit dem chinesischen Drachenreiter Hu Jintao diesen mit schlaksig gekreuzten Beinen und seitwärts aufs präsidentielle Rednerpult gestützt angegrient, als der sich brav abmühte, “China als ein Land mit Menschenrechten zu porträtieren(Link)”:http://www.youtube.com/watch?v=ZvUYFAF5LhQ, so war nun mehr Pantherpower gefragt. Mit zuweilen bebender Stimme bot er dem Publikum die Stirn, streng vom Rednerpult nach links und dann wieder nach rechts blickend. Die linke Hand untermalte mit rhythmischen Auf- und Abbewegungen die Appelle des Präsidenten. In den eingestreuten Bewegungspausen lagen die Pantherpranken oft locker rechts und links am Rande des Rednerpults. Oder er faltete sie, sich sammelnd, vor sich auf dem Pult. Sie verliehen ihm dann die Aura der wachsamen Ruhe einer Großkatze, die ihre Tatzen vor sich übereinanderlegt: Obaghira beschrieb mit der Linken mitunter eine langsame Kreisbewegung und hob zur Untermauerung und Mahnung den Zeigefinger. Es galt, die Rolle der USA als Weltpolizei unter immer komplexeren globalen “clash”-Bedingungen zu interpretieren. Zu innenpolitischen Schwierigkeiten, in der Wirtschafts- und Gesundheitspolitik zeigte sich Obaghira als Mann der Mitte. Alle, Demokraten wie Republikaner, sollten sich vereinen: Nur eine geeinte Nation könne angesichts der Misere noch gewinnen. Obaghira erinnerte an Martin Luther Kings große Washingtoner Rede in den 60ern: “Take a chance on a dream!” Und entwarf eine Vision vom Kaliber John F. Kennedys: Amerika soll sich im Jahr 2035 zu 80 Prozent mit “sauberer Energie” versorgen und Wissenschaft und Fortschritt zu nie gekannten Leistungen vorantreiben – ein neuer Flug, weiter als zum Mond. Obamas “Sputnik-Moment(Link)”:http://www.youtube.com/watch?v=gM5Ued4LFfY der Neuen Zeit soll in den USA auch Arbeitsplätze schaffen und es ermöglichen, China und Indien in Schach zu halten, ja, sogar zu überragen. Obaghira will mit neuen Technologien für saubere Luft zu sorgen – und Menschenkinder und die Menschheit insgesamt vorm Untergang retten: Yes, Obaghira, if you can.

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