Ein schöner Sommer zum Sterben

von Richard Schütze6.06.2011Innenpolitik

Wieder sind deutsche Soldaten bei der vermeintlichen Verteidigung unserer Freiheit am Hindukusch getötet worden. Heike Groos hat ihre Erlebnisse in dem Buch – Ein guter Tag zum Sterben – bereits vor Jahren verarbeitet, die Lektüre rüttelte auf. Doch was haben wir aus dem Leid der Soldaten gelernt?

Im Herbst 2008 erreicht mich das Manuskript aus einem fernen Land, verfasst von einer Notärztin und Allgemeinmedizinerin. Ich überfliege den Text in einer Nacht, sende ihn gleich am nächsten Morgen zu einem sehr guten Freund, dem auch in Deutschland bekannten Autor und Verleger Halldór Gudmundsson nach Island. Er kabelt wenig später zurück: ein spannendes Stück, dazu gut geschrieben. Mit dem Zeug zum Bestseller. Zwischen 2002 und 2007 dient Heike Groos insgesamt zwei Jahre als Oberstabsärztin in Bundeswehrlagern in Afghanistan. Kommandiert Rettungseinsätze. Auch den Einsatz am 7. Juni 2003. Ein Selbstmordattentäter rast mit einem Taxi in einen deutschen Militärbus, der Soldaten zum Flughafen von Kabul bringt. Heute sollen sie in die Heimat zurückgeflogen werden. Als die Soldaten dem offenbar in seinem Auto eingeklemmten und verletzten Fahrer zu Hilfe eilen, zündet dieser eine in seinem Taxi versteckte Sprengladung.

Sie findet Kleidungsstücke und Körperteile

Heike Groos wird im Lager benachrichtigt, sie möge mit ihrem Rettungsteam zu einem „Unfall“ ausrücken. Vor Ort erkennt sie, dass da abseits der Straße ein ausgebrannter Bundeswehrbus liegt. Rundum findet sie Kleidungsstücke und Körperteile ihrer Kameraden. Noch am Vorabend hatte man gemeinsam Abschied gefeiert. Die 1960 geborene Frau mit langem blonden Haar ist Mutter von fünf Kindern. Seit diesem bislang schwersten Anschlag auf Soldaten der Deutschen Bundeswehr mit vier Toten und 29 Verletzten hat sich ihr Leben verändert. Der Leiter der S.-Fischer-Verlage ruft mich an. Ich solle das Buch keinem anderen Verlag mehr anbieten; Fischer wolle es haben. Es werde das wichtigste Buch im Non-Fiction-Bereich des zur Verlagsgruppe gehörenden Krüger-Verlags im Jahr 2009 sein. Ich schaue die Fotos auf meinem Laptop an; Heike Groos malt mit einem Filzstift orientierungslos umherirrenden Soldaten Nummern auf die Unterarme, um sie für die anschließenden Operationen einsammeln zu können. Sie darf keinen vergessen. Ärzte in blutüberströmter Kleidung, von den Schuhen gerinnt das Blut zu riesigen Lachen auf dem Fußboden. Unbeschreibliche Soldatengesichter, aufgequollen, wie Fleischklumpen. Ärzte versuchen, so viel wie möglich zu retten; dem einen oder anderen ihrer Patienten werden sie sagen müssen, dass sie ihm ein Auge amputieren müssen. Brandwunden … Als „Ein schöner Tag zum Sterben“ 2009 in den Buchläden ausliegt, zeigt Günther Jauch in „Stern-TV“ auf RTL die Fotos. Heike Groos im Studio verstummt. Tiefe Trauer schaut aus ihren Augen. Auch sie leidet an PTBS, der Posttraumatischen Belastungsstörung. Schwere Schicksalsschläge wie Tod, Entführungen, Unfälle oder auch Trennungen und Scheidungen können PTBS hervorrufen. Alles, was das Leben innen drin tief verwunden und vielleicht sogar zerstören kann. Bilder, die immer wieder aufsteigen, Geräusche, die aufschrecken, Situationen, die erinnern. Schweißausbrüche, Druckgefühl auf der Brust, Atemnot, Herzrasen und Rhythmusstörungen, zitternde Hände, Magenkrämpfe, Schwindelanfälle, die Unfähigkeit, zu reden … „Ein schöner Tag zum Sterben“ erreicht innerhalb weniger Monate die sechste Auflage, kommt als Paperback auf den Markt. Im Bundestag hält Oppositionsführer Trittin der Regierung das Buch vor Augen. Der damalige Bundesminister Karl-Theodor zu Guttenberg schwenkt ein; statt wie sein Vorgänger Jung weiter von einem „Stabilisierungseinsatz“ zu sprechen ist nun von „kriegerischen Zuständen“ die Rede. Wieder sind vier deutsche Soldaten innerhalb nur einer Woche seit dem 1. Juni 2011 getötet und zwölf verwundet worden; für einen von ihnen findet heute die offizielle Trauerfeier in der Heimat statt. Es sind nicht die ersten und es werden auch nicht die letzten sein. Seit dem Einsatz der Bundeswehr am Hindukusch 2001 sind 34 Soldaten bei Kampfeinsätzen oder durch Terrorfallen ums Leben gekommen. Und die Taliban haben eine große Sommeroffensive angekündigt. Was für Amerika der „Tod im Reisfeld“ in Vietnam war, könnte für Deutschland das Trauma auf den Mohnfeldern am Hindukusch werden. Verteidigungsminister Thomas de Maizière bekundet, dass das Sterben am Hindukusch „uns tief ins Herz trifft“. Man ringe um Fassung. Zweifel am Einsatz in Afghanistan seien „erlaubt und sogar notwendig“. Die Bundesregierung sei aber weiter vom Einsatz und von den Zielen in Afghanistan überzeugt.

Soldaten und Angehörige dürfen nicht alleine gelassen werden

Wenn „Terroristen“ aber „nie das letzte Wort haben“ (de Maizière) dürfen, dann darf man die vielen jungen und auch altgediente Soldaten nicht mit teilweise untauglicher Ausrüstung wie nicht einsatzfähigem Flug- oder mangelhaftem Minensuchgerät in eine äußerst gewalttätige Region senden, in der es keine funktionierenden staatlichen Institutionen und auch keinerlei erkennbare Schlachtordnung, sondern nur eine asymmetrische Kriegsführung (Michael Stürmer) und Chaos gibt. In der sich hinter den Gesichtern der afghanischen Sicherheitspartner in Wahrheit das geheime Antlitz eines Todfeindes verbergen kann. Dann darf man Soldaten und ihre Angehörigen mit psychischen Störungen nicht allein lassen und sie einem jahrelangen bürokratischen Hürdenlauf bis zur Anerkennung der Dienstunfähigkeit oder der Übernahme von Behandlungskosten und der Beantragung von Hilfen für Kinder und Hinterbliebene aussetzen. Dann muss endlich in Abstimmung mit den westlichen Bündnispartnern eine Strategie für die gesamte Region entwickelt werden, in der nicht nur die US-Geheimdiplomatie verborgene Fäden ziehen und pakistanische Atomraketen dem Zugriff von „Terroristen“ hoffentlich rechtzeitig und wirksam entziehen kann. Heike Groos engagiert sich weiter für die in Deutschland noch immer vielfach im Stich gelassenen Opfer in der Bundeswehr; sie plant eine Stiftung für traumatisierte Soldaten. Und sie hat ein neues Buch herausgebracht, in dem deutsche Soldaten von ihren Einsätzen in Afghanistan berichten: „Das ist auch Euer Krieg!“

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