Gradwanderung

Philip Reuchlin7.01.2010Gesellschaft & Kultur, Wirtschaft

Im Moment sind noch die Industrienationen Hauptverursacher der weltweiten Emissionen. Doch was passiert, wenn sich die Entwicklungsländer entwickeln und zu Industrienationen werden. Ihr gutes Recht und Ziel der weltweiten Armutsbekämpfung, doch eine weitere Bedrohung für das Klima.

Was sich in Kopenhagen abgespielt hat, war nichts weniger als der Versuch, den entscheidenden Funken zustande zu bringen, der das Feuer der nächsten “industriellen Revolution” entfachen soll. Denn schlussendlich steht uns eine globale Herausforderung in der Geschichte der Menschheit bevor: Wir müssen in weniger als 40 Jahren eine grundlegende Umwandlung unseres 200 Jahre Alten Wirtschafts- und Wertesystems vollbringen.

Was passiert, wenn die Armen aufholen?

Nicht nur weil Amerikaner, Europäer und Japaner derzeit gut leben, sondern weil in den Entwicklungsländern und den erfolgreichen Schwellenländern mehrere Milliarden Menschen so leben und konsumieren möchten, wie wir es derzeit tun. Es wäre irrsinnig, armen Ländern zu sagen, sie könnten den Bedürfnissen ihrer Völker nicht nachkommen, weil die Reichen schon zu viel CO2 ausgestoßen haben. Der Dialog verläuft folgerndermaßen: Die Armen fordern Emissionseinschränkung und saubere Technologien. Die Reichen sagen, sie hätten zum einen nicht das nötige Geld. Außerdem seien zum Zweiten die Technologien noch nicht reif. Zum Dritten seien die Entwicklungsländer die zukünftigen Klimakiller. Daher werden Sie nichts tun, wenn nicht auch die Armen einen Teil beitragen. China konsumiert derzeit über 50 Prozent des weltweiten Zements (1 Tonne Zement = 1 Tonne CO2) und wird in den nächsten 30 Jahren so viele Gebäude bauen wie wir in den letzten 200 Jahren in gesamt Europa. In Brasilien werden jährlich riesige Waldflächen in Ackerfelder umgewandelt, sprich CO2 ausgestoßen, um den wachsenden globalen Fleisch- und Agrarbedarf zu decken. Aber wehe dem, der sagt, dies seien ausschließlich Chinas oder Brasiliens Probleme! China braucht Zement, um Gebäude zu bauen für Einwanderer aus dem ländlichen Raum, welche dann in deutschen oder amerikanischen Fabriken arbeiten, damit wir billige Produkte herstellen können. Brasilien exportiert Fleisch und Soja in die ganze Welt, um sich ändernde Appetite zu stillen. Der globale Handel ist eine Realität, und somit kann man auch schwer sagen, wer jetzt für welche Tonne CO2 verantwortlich ist.

Zwei Grad sind auch nur ein Kompromiss. Mit Folgen

Dazu kommt noch die unangenehme Wahrheit, dass wir uns, auch wenn wir alle Lichter heute für immer ausdrehen würden, auf eine durch Menschen verursachte Erwärmung von 0,7 Grad gefasst machen müssen. Da dies unwahrscheinlich ist, hat man sich zynischerweise schon damit abgefunden, dass zwei Grad Erwärmung das Ziel sein sollten. Zwei Grad mag nicht nach viel klingen, wenn man gerade in einem gekühlten Auto sitzt, aber für viele der Ärmsten bringt so eine klimatische Veränderung verheerende Folgen mit sich, für die sie zu Recht von den Reichen kompensiert werden möchten. Es wäre deshalb unsinnig, nur Umweltminister darüber entscheiden zu lassen. Es hatten sich deshalb mehr als 100 Staatschefs in Kopenhagen zusammengefunden, unter enormen Druck, denn die Aufgabenstellung in Kopenhagen war keine geringere als das jemals schwierigste, komplexeste, kollektivste politische Problem zu lösen. Es vereint das Gefangendilemma, Trittbrettfahrer-Problematik und die Allmendeproblematik in einem. Wie angeblich Marx in einem verstörten Brief 1870 an Engels schrieb, als viele dachten die europäische Revolution stehe bevor: “Können sie denn nicht warten, ich hab Das Kapital noch nicht fertig.” Die Pseudo-Dringlichkeit zu handeln muss einer bedachten, gerechten und kosteneffektiven Lösung weichen, auch wenn diese erst in 6–12 Monaten zustande kommen kann.

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