Kunststoff ist auf absehbare Zeit unverzichtbar

Reinhard Schneider1.02.2020Gesellschaft & Kultur, Medien, Wirtschaft

Kunststoff ist auf absehbare Zeit unverzichtbar. Diese Aussage wirkt aus der Feder eines Umweltpreisträgers vermutlich befremdlich. Doch es besteht kein Zweifel: Plastikhalme, Plastikbeutel und viele andere ähnliche Wegwerfprodukte sind durchweg ersetzbar.

Plastikhalme und Plastikbeutel dürfen nicht länger zur Verschmutzung von Meeren, Flüssen, Boden beitragen. Sie sind verzichtbar. Für viele andere Produkte gibt es bislang allerdings keine Alternativen aus anderen Materialien. Zum Bespiel dann nicht, wenn flexible, für bestimmte Stoffe zwingend neutrale und hygienische Behältnisse benötigt werden, so, wie es bei Reinigungsflüssigkeiten der Fall ist.

Aber auch solch unverzichtbares Plastik darf natürlich nicht als Müll in der Natur landen. Dass es immer noch so selbstverständlich regelmäßig geschieht, ist ein Skandal. Nicht zuletzt deshalb, weil es im krassen Gegensatz zu der aktuellen Umweltdebatte und übrigens auch besonders der Klimadiskussion steht. Auf der einen Seite gibt es keinen Zweifel daran, dass jetzt zu handeln ist. Und ebenso wenig daran, dass sich die extreme Verschmutzung der Meere vor allem durch Plastik auch auf den Naturkreislauf massiv klimaverändernd auswirkt. Auf der anderen Seite aber sind Politik, Wirtschaft und Verbraucher gelinde gesagt zögerlich, neben netten Lippenbekenntnissen auch vorhandene und bewiesene Lösungen konsequent in Gesetzen, Unternehmensstrategien oder Alltagsverhalten umzusetzen. Symbolkommunikation statt entschiedenem Handeln! An Ausreden mangelt es nie: Interessensausgleich, preisgünstigere Alternativen, erst sollen die anderen. Und inzwischen fliegt uns die Welt um die Ohren.

All dies ist auch deshalb so schlimm, da beim Plastikmüll mit vergleichsweise geringen Mitteln große positive Wirkungen und Veränderungen erzielt werden können. Denn eine bereits bewiesene, konstruktive Lösung ist, das Material als wertvollen, wiederverwendbaren Rohstoff zu definieren. Kunststoff muss nicht von der Pike aus immer wieder neu produziert werden, nur um dann mit weiterwachsenden Müllbergen nicht abgebaut werden zu können. Er kann zu hundert Prozent, ja, zu hundert Prozent, in die Kreislaufwirtschaft überführt werden.

Diese Wiederverwertbarkeit steht im Gegensatz zu absurden Scheinlösungen für das Problem wie dem Abfischen des Plastiks aus dem Wasser nach dem Motto: Erst verursachen wir die Katastrophe; dann wollen wir sie mit einem riesigen Finanz- und Energieaufwand wieder eindämmen. Mal abgesehen davon, dass sich weit über 95 Prozent des Kunststoffmülls im Meer außerhalb der Reichweite von solchen Sammelaktionen befindet. Man kann sich nur noch an den Kopf fassen ob solch paradoxer Abläufe. Und auch andere vermeintliche Lösungen funktionieren ebenso wenig. Sie erzeugen wahlweise wie die Verbrennung unnötige Co2 Emissionen oder verursachen inakzeptabel hohe Abbau-Zeiten wie beim Bioplastik.

Der Königsweg ist also die hundertprozentige Rückführung des benutzten Plastiks in die Kreislaufproduktion. Warum ist das immer noch nicht selbstverständlich geworden? Desillusionierend, aber einfach: Selbst die geringen Mehrkosten von wenigen Cent pro Kunststoffbehältnis werden von Großunternehmen mit Verweis auf angeblich mangelnde Zahlungsbereitschaft der Endkunden nicht akzeptiert. Dabei würde schon ab einer überschaubaren, etwas größeren Produktionsmenge der Skalierungseffekt eintreten. Er senkt den zunächst geringfügig höheren Preis ganz schnell auf null. Zugleich wäre der Gewinn für die Natur erwiesenermaßen riesengroß. Für Anfangskosten von ein paar Cent nimmt man also lieber gigantische Umweltschäden in Kauf. Da ist jedes Gerede von Naturschutzstrategien nur unglaubwürdig. Inzwischen steigt das Problem nur noch.

Es muss also anders gehen und es geht auch anders. Nämlich erheblich besser. In Mainz haben wir mittlerweile über 320 Millionen Kunststoffverpackungen aus 100 Prozent Recyclat hergestellt. Und verkauft. Damit wurden Machbarkeit und Marktfähigkeit demonstriert.

Hinzu kommt, dass bereits Recycling mehr als 60 Prozent der Energie im Vergleich zur Neuherstellung von Plastik aus Erdöl einspart. Die Gesamtbranche könnte hier viel weiter sein, denn wir stellen der Konkurrenz die entsprechenden Technologien größtenteils als Open Innovation zur Verfügung.

In mancher Hinsicht verstehe ich aber sogar die Manager großer Unternehmen, die aufgrund von Quartalsdenken und eigener Karriereorientierung auch nur vorübergehende Mehrkosten nicht verantworten wollen. Als mittelständischer Familienunternehmer jedoch kann und sollte man sich im Vergleich zu börsenabhängigen Konzernen einen längeren Planungshorizont leisten. Irgendwann will hoffentlich jeder Firmenchef seinen Kindern ein Unternehmen übergeben, das als Leistungskriterium neben dem wirtschaftlichen Erfolg den Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen stellt. Zumal beides miteinander einhergeht.

Nach wie vor gibt es aber mit kurzfristigen Kostenargumenten bei Konsumgütern noch immer viel zu viel Etikettenschwindel mit intransparenten und nur wenig konsequent regulierten Umweltgütesiegeln. Durch verwirrende, teils irreführende Kommunikation gerät das Markenvertrauen mittel- und langfristig jedenfalls zum Nachteil der gesamten Branche unter Druck. Wo man der Werbung eh wenig glaubt, zählt zunächst nur noch der Preis. Echte Nachhaltigkeit ist bei marktschreierischem Greenwashing kaum zu identifizieren. Daher zahlt der Kunde sehr oft möglichst wenig. Ob umweltfreundlich oder nicht, könne er ja eh nicht beurteilen.

Der Versuch, demgegenüber Glaubwürdigkeit über eine ganzheitliche Haltung aufzubauen, wirkt vielleicht mühselig, ja fast altmodisch. Dennoch wird sich diese Unternehmensphilosophie durchsetzen. Der Verbraucher ist langfristig klüger, als ihm viele PR-Profis unterstellen. Zieht die Branche an einem Strang, wird man den Aussagen und den Produkten jedes einzelnen Herstellers trauen und einen als fair wahrgenommenen, zunächst etwas höheren Preis akzeptieren.

Qualität und Marktfähigkeit stimmen also. Trotzdem propagieren etliche Erdölkonzerne die Verbrennungsprozeduren, die Pyrolysen. Diese sind zwar durch hohen Energieeinsatz und Wertstoffverluste höchst nachteilig, versprechen aber zusammen mit augenwischender PR höhere Gewinne.

Der Deutsche Umweltpreis bestätigt uns nun darin, dem kurzfristigen Denken der Großen aus der Kunststoffbranche bessere Lösungen gegenüberzustellen. Aus den genannten Gründen kann man den Recycling-Ansatz nicht mehr klein reden. Dessen ökologischer und ökonomischer Erfolg und die positive öffentliche Resonanz darauf zeigen: Die Verbindung aus Wirtschaftlichkeit, verbraucherfreundlichem Handeln und Umweltschonung funktioniert.

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