Glaubwürdigkeitsinstanzen in schwierigen Zeiten

Reinhard Schneider27.04.2019Innenpolitik

Allerorten beklagen Intellektuelle das vermeintliche Ende der Aufklärung in der westlichen Welt. Die Zunahme von Fake News und die große Bedeutung von nicht mehr journalistisch recherchierter Informationsverbreitung in den sozialen Medien zählen danach zu den wichtigsten Indikatoren für diese Entwicklung.

Eine Errungenschaft der Aufklärung war demgegenüber, Aberglauben und magisches Denken durch das Leitprinzip nachprüfbarer Tatsachen ersetzt zu haben. Damit konnte eine nüchterne Wissenschaft ihre Methoden möglichst neutraler Beobachtung und Beschreibung der Welt weiterfortschreiben. Dies wurde zum Prinzip eines funktionierenden Gemeinwesens. Auf der entsprechenden Basis wurde zudem die Demokratisierung des öffentlichen Lebens möglich, Informationen waren potenziell jedem zugänglich. Ein Zusammenleben aber, in dem jeder alle Kompetenzen und Entscheidungskriterien für die wichtigen Alltagsbereiche individuell selbst erwerben muss, ist nicht möglich. Daher entwickelten sich neue Glaubwürdigkeitsinstanzen. Bei allen denkbaren Defiziten deren jeweiliger Repräsentanten entstand in der westlichen Welt ein System von Schulen, Forschung, Politik und Wirtschaft, nicht zuletzt journalistischen Medien, das auch durch externe und interne gegenseitige Kontrolle insgesamt dem Wohl aller dienen sollte. Beim Journalismus war es nicht zuletzt das Ideal der Vierten Gewalt, die diese Kontrolle explizit machte. Der Bürger kann all diesen Institutionen im Idealfall den Vertrauensvorschuss geben, sich zumindest um eine möglichst nüchterne und sachliche Grundlage für das eigene Handeln zu bemühen.

Natürlich wurde und wird dieses System zu allen Zeiten auch missbraucht. In totalitären Staaten simuliert man die Glaubwürdigkeit, ordnet sie an oder erkennt sie gar nicht erst als Ideal an. Wo das pure Recht des Stärkeren gilt, bedarf es nicht mehr des Bemühens um Wahrheit. Ein Dilemma allerdings geht heutzutage auch in freien Gesellschaften mehr denn je mit dem Primat der neutralen Tatsachen einher. Wenn alle Bürger Zugang zu nahezu allen Informationsquellen haben, wenn ein nicht mehr überschaubares Spektrum der unterschiedlichsten Social-Media-Plattformen Kommunikation in allen Richtungen ermöglicht, ist zwar das Prinzip der totalen Informationsdemokratie erreicht. Zugleich aber kann ein neuer Totalitarismus entstehen. Vor der Kakophonie scheinbar gleichwertiger Meinungen, beliebiger, vor allem unüberprüfbarer Tatsachenbehauptungen resigniert der brave Bürger. Und lässt sich schlimmstenfalls durch die Lautstärksten, die Gefälligsten, die zunächst Interessantesten beeinflussen.

Diese Sehnsucht nach der neuen Übersichtlichkeit lässt sich immer dann beobachten, wenn das Weltgeschehen Kernfragen der eigenen Sicherheit und des eigenen Wohlbefindens berührt. Und es mangelt aktuell nicht an der Wahrnehmung unzähliger möglicher Bedrohungen der entsprechenden Grundbedürfnisse. Terrorismus und internationale Handelskonflikte. Ein Europa in der Krise und Kriege vor unserer Haustür. Die Führungsschwäche etlicher Parteien und ungelöste Probleme beim Klimaschutz. All dies erzeugt auch dann massive Verunsicherung, wenn es den Menschen im eigenen Umfeld eigentlich gut geht. Der Job ist relativ sicher, die Wirtschaft stottert hier und da, ist aber jedenfalls in Deutschland recht gesund.

Langfristig führt die Verunsicherung dennoch zu einer Art kollektiver Depression, das wissen wir aus der Soziologie und aus der Volkswirtschaft. Der Hintergrund: Das Zusammenspiel der genannten Überforderung durch das Gros ununterbrochener Konfliktberichte mit der Krise vieler Glaubwürdigkeitsinstanzen in Politik und auch Medien führt zum Gefühl relativer Hilflosigkeit. Es hilft dabei nicht, dass die Menschen eine große Diskrepanz zwischen Worten und Erklärungen der Entscheidungs- und Meinungselite einerseits und sichtbaren echten Lösungen für die Probleme andererseits erleben. Depression geht mit Ohnmacht einher. Viele ziehen sich in ihre private Enklave zurück, verschließen sich der aktiven Teilhabe am öffentlichen Leben und werden träge. Dieser Rückzug ist zugleich schwierig, da man sich bei der Omnipräsenz elektronischer Information den Katastrophenmeldungen gar nicht entziehen kann. Zumal sich schlechte Nachrichten schon immer besser verkaufen als gute. Und wenn sich gute vermarkten lassen sollen, müssen eingängige, berührende Bilder her.

Führt sie nicht zum Rückzug, geht Depression aufgrund mangelnder Beeinflussbarkeit der Welt da draußen mit unterdrückter Wut einher. Wir erleben das unter dem Begriff Wutbürger inzwischen auf relativ breiter Front. Und bei entsprechenden Auslösern ist der Schritt von aktiver Wut zu aktiver Aggression nur noch klein. Man sucht Sündenböcke für die wahrgenommenen Miseren bei den Schwächsten der Gesellschaft. Man nimmt die vermeintlich abgehobenen und unredlichen Eliten aufs Korn. Gefühle, nicht mehr Sachlichkeit und Sachverstand prägen dann die Debatten. Wir sehen es an der Zunahme radikaler politischer Bewegungen. Deutlich wird all dies auch daran, dass bislang für unerschütterlich gehaltene Tatsachen in Zweifel gezogen werden, zu besichtigen zum Beispiel bei denen, die den Klimawandel für ein Märchen halten. Die früheren Glaubwürdigkeitsinstanzen bis hin zur Wissenschaft haben ihre Wirkungskraft verloren, sind bei Teilen der Gesellschaft nicht mehr konsensfähig.

Da ist in diesem Zusammenhang schon fast tröstlich, wenn Herausforderungen wie die Notwendigkeit zur ökologischen Vernunft trotzdem immer noch von einer Mehrheit anerkannt werden. Wie wichtig auch dabei Emotionen sind, zeigt die überwältigende Resonanz auf die Auftritte der Schülerin Greta Thunberg bei der Weltklimakonferenz in Kattowitz, beim Gipfel in Davos, bei der EU-Kommission. Während die UN-Delegierten zum Beispiel sichtlich erleichtert den mühsam errungenen eigenen Deklarationskompromiss bejubelten, galt der öffentliche, eigentliche Jubel den flammend-mahnenden Appellen der Schülerin. Das Beispiel belegt die Mühsal beim tatsächlichen Erreichen von regionalen, nationalen und globalen Zielen. Zunächst bedarf es des Konsenses darüber, dass es überhaupt ein Problem gibt. Schon hier demonstrieren zahlreiche internationale Mächte, dass ihnen wirtschaftliche und strategische Ziele wichtiger sind als noch so einhellige Erkenntnisse und das Globalwohl. Bis hin zur offensichtlichen Lüge wird kurzerhand das Selbstverständliche in Frage gestellt. Die Glaubwürdigkeitsinstanzen werden nicht mehr akzeptiert.
Übrigens wurde selbst der Emotionsikone Thunberg unterstellt, auch aus PR-Gründen agiert zu haben. Als ob das den sachlichen Hintergrund ihrer Mission in Verruf bringen könnte. Beruhigend, dass sie immerhin Auslöser einer breiten Schülerbewegung wurde. Auch wenn das Schulschwänzen zugunsten der Protestaktionen von vielen kritisch bewertet wurde.

Selbst eine konsensfähige Erkenntnis aber führt nicht zu konsequenten Lösungen. Auch dieser Sachverhalt geht mit dem erwähnten Depressionspotenzial einher. Wenn es gefühlt bei Deklarationen bleibt, die Formulierung einiger netter, aber fernliegender Ziele im krassen Gegensatz zur immer noch weiter steigenden Umweltbelastung steht, erhält die Sehnsucht nach den einfachen Lösungen weitere Nahrung. Alternativ zu Wut und Aggression tröstet man sich dann mit den aufrichtigen Auftritten einer Schülerin.

Immerhin muss man im Zusammenhang mit symbolischen Aktionen den Initiatoren einer früheren Schleppnetzinitiative zur Meeresrettung von Plastikmüll zu Gute halten, dass sie nach ein paar Monaten zugaben, ihre Geschichte sei zunächst durch ‚unerwartete‘ Schwierigkeiten, die Experten übrigens schon längst prognostiziert hatten, nicht erfolgreich gewesen. Das ist ehrlich. Nur liest, hört und sieht man nach der überwältigenden Medienresonanz seinerzeit auf die Initiative nun so gut wie gar nichts von diesem natürlich bedauerlichen, aber vorhersehbaren Scheitern.

Auch das würde aber zu einer wirklich aufgeklärten Informationspolitik gehören, nach dem furiosen Einstieg auch die Kehrseite und die schwierigen, gar aussichtslosen Phasen zu beleuchten. Stattdessen entstehen ‚Geschichten ohne Ende‘. Sie verstärken leider noch massiv das Gefühl von Ohnmacht und Trägheit. Solange interessante Bilder und emotionale Schlagzeilen möglich sind: Prima. Danach bleibt man irgendwo im Nirwana immer wieder neuer aufregender, aber ebenfalls nicht zu Ende geführter Stories hängen.

Der Weg zu den Lösungen und die Lösungen selbst sind nämlich in der Regel viel weniger sexy als spektakuläre Ankündigungen und schnelle Aktionen. Sie sind schwierig und bei komplexen Herausforderungen nur langfristig zu erreichen. Auch Unternehmer können und müssen dabei Glaubwürdigkeitsinstanzen bleiben. Statt eine klare Haltung mit einem dichten Netz von wirkungsvollen, konsequenten Ökologie-Maßnahmen zu begründen, wird mittlerweile sogar der Schutz unserer Umwelt bei Großkonzernen an die Compliance Abteilung runter delegiert. Wer erst an diesem Punkt, sich zu kümmern beginnt, wird es mit der Glaubwürdigkeit schwer haben.
Die massive Höhergewichtung der Nachhaltigkeit über alle Unternehmensbereiche hinweg dämpft vielleicht vorübergehend den Quartalsgewinn. Auf lange Sicht ist aber der Profit durch Vertrauensaufbau und Einhelligkeit viel größer. Ethisch und ökonomisch.

Es geht bei den substanziellen Themen für unsere Welt also um ein tragfähiges Fundament aus sachlicher Information, Entschlossenheit und angemessener Kommunikation. Dies erreichen Wirtschaft, Politik, Medien und nicht zuletzt die Bürger selbst durch gelegentliches Innehalten statt Trägheit. Durch inhaltliche Tiefe statt des netten Augenscheins. Durch Vollständigkeit der Ereignisberichte statt schneller Oberflächenreize. Ein entsprechendes Handeln ist an jedem Ort möglich. Es funktioniert nur mit einem Bekenntnis zu den Errungenschaften der Aufklärung. Im Englischen heißt sie übrigens ‚Enlightenment‘. Und Licht ist die beste Therapie gegen Depressionen.

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