Der moderne Ablasshandel

von Reinhard Schneider18.11.2018Gesellschaft & Kultur, Wirtschaft

Man könnte verzweifeln. Nahezu keine Talkrunde über Fakten in unserer Welt kommt ohne den Ritus der gegensätzlichen Meinungen aus. Wirklichkeit ist aber keine Frage der öffentlichen Abstimmung, erst recht keine der griffigsten Sichtweisen einzelner Talkgäste.

Kontroverse Fernsehduelle gehen in Ordnung, wenn tatsächlich die seriöse Wissenschaft noch kontrovers diskutiert. Dies Format geht aber nicht in Ordnung, wenn alle Ergebnisse empirischer Studien ziemlich eindeutig in die gleiche Richtung weisen, dennoch dem Nobelpreisträger als „gleichwertiger“ Antagonist der schwurbelnde Hobbyforscher entgegengesetzt wird. Nur um eine in diesem Fall blödsinnige Ausgewogenheit der „Meinungen“ zu gewährleisten.

Um es an einem Beispiel zu konkretisieren. Das Problem des Plastikmülls in den Meeren hat in den vergangenen Jahren viel öffentliche Aufmerksamkeit erhalten. Spätestens die Bilder verdreckter Strände ehemaliger Trauminseln wie Bali haben die Gemüter bewegt und die Menschen aufgerüttelt. Nun liebt die Medienwelt dann natürlich sofort die Retter, die mit spektakulären Aktionen schnelle Lösungen versprechen. Furore macht so der wirklich sympathische Boyan Slat mit seinen Schleppnetzaktionen. In fünf Jahren will er die Meere vom Plastik befreit haben. Herrlich. Wir können uns im Sessel zurücklehnen. Der edle Held, die edle Heldin besiegen wie tapfere Sagengestalten das Übel und erlösen uns von demselben.

„Schleppnetz ahoi!“

Blöd ist nur, dass Sysiphos ein Waisenknabe gegenüber dem netten Boyan war. Die Meeresoberfläche unseres Planeten beträgt fast 400 Millionen Quadratkilometer. Selbst das gigantischste Schleppnetz kommt nicht über eine Breite von Kilometern hinaus. Ich überlasse es den Kopfrechnern, wieviel Plastikmüll selbst alle Fischerboote dieser Welt einfangen könnten. Plastikmüll, dessen Volumen nach seriösen Schätzungen demnächst das des kompletten Meeresfischbestandes überschreiten könnte. Ganz abgesehen von der Frage, wohin dann dieser Plastikmüll entsorgt werden sollte. An Land stapeln? Verbrennen? Ah ja. Das schlagendste Argument aber: Nur 3, in Worten drei (!) Prozent des vagabundierenden Plastiks befindet sich an der Wasseroberfläche. Bei einer Meerestiefe von bis zu 10.000 Metern heißte es dann wohl besser: „Schleppnetz ahoi!“

Die Kärrnerarbeit einer wirklich effizienten Lösung für das Problem ist leider weniger spektakulär. Sie führt auch nicht mal eben zum Erfolg. Vor allem, tolle Bilder produzieren Recyclinganlagen, wie wir sie einsetzen, auch nicht gerade. Da sind doch ein Einzelkämpfer und eine Einzelkämpferin deutlich mehr sexy. Zumal, wenn sie auch noch die Klischees moderner „Green Models“ erfüllen. Jung, attraktiv, aufrichtig engagiert, weitgehend selbstlos und mutig. Was sie ja unbenommen wirklich sind. Gut, dass die früheren Versuche multinationaler Konzerne, kostensparend entsprechende Charaktere der eigenen PR-Abteilungen fürs „Greenwashing“ einzusetzen, mangels Glaubwürdigkeit gescheitert sind. Unvergessen die vermeintliche Ingenieurin bei der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko, die im blütenweißen Overall frech behauptete, man habe das Problem im Griff. Wochen später waren Meer und Küste versaut. Hier hatte nicht geholfen, dass sie soeben einer Castingshow entsprungen zu sein schien. War sie vielleicht sogar.

Also alles Lüge?

Nein, redliche Motive wollen wir den aktuellen Green Models schon unterstellen. Dennoch fällt die Nähe zum Showbiz auf. Wo über Crowdfunding finanzierte, oberflächliche Maßnahmen vergleichsweise homöopathische Mengen an „Ocean-Plastic“ einsammeln, um es zu Gutmenschen-Souvenirs zu machen, ist der Eindruck eines modernen Ablasshandels nicht mehr von der Hand zu weisen. Wunderbar, wenn es das Problembewusstsein vieler Menschen stärkt. Ok auch noch, wenn Prominente mittlerweile auf den Spuren der Schleppnetze medienintensive und äußerst angenehme Segeltörns machen, die ja der „guten Sache’ dienen. Schlecht allerdings, wenn sie damit eine echte strukturelle Lösung suggerieren, in Wirklichkeit aber nur das Publikum beruhigt sein lassen und einlullen.

Beruhigung wäre aber die schlechteste aller Währungen. Soeben ging wieder einmal über die Ticker, dass besonders in Deutschland der Anfall an Plastikmüll weiter steigt. Auch als Folge des guten Konsumklimas. Schön wäre es ja vielleicht, aber es geht nicht ohne Plastikverpackungen. Brot kann man in Packpapier einwickeln. Äpfel müssen nicht auch noch aseptisch von Folie umhüllt sein. Für etliche Produkte aber ist das Material für Transport und Aufbewahrung unverzichtbar, nehmen wir Reinigungsmittel. Der Skandal besteht darin, dass nur zehn Prozent der Plastikverpackung wieder in den Recycling-Kreislauf zurückgeführt werden. Dabei wären bis zu 100 Prozent möglich. Statt neunzig Prozent eben im Müll, in der klimaschädlichen Verbrennung und letztlich unter anderem im Ozean landen zu lassen…

Man könnte auch Hoffnung schöpfen…

Sobald es den gesellschaftlichen Konsens über die Notwendigkeit zum Handeln gibt, gilt es, die Reihen zu schließen. Da bedarf es auch der Gefühlsansprache, um Menschen aufzurütteln, zu motivieren. Der nette Held hat so gesehen seine Berechtigung. Er schafft Aufmerksamkeit. Nur: Gefühle allein lösen keine Probleme. Ihnen, den Gefühlen, muss Entschlossenheit, müssen gemeinsame Handlungen folgen. Mit Leidenschaft, zugleich mit Sachbezug. Um bei meinem Metier zu bleiben. Nette Einzelaktionen, schöne Bilder von Strand- und Meeressäuberungen sind ein guter Einstieg. Und sie lassen zugleich öffentliche Helden und Heldinnen entstehen.

Es sei ihnen gegönnt. Gewinnen aber wird den Wettlauf um eine bessere Welt, um ein saubereres Meer, wer kühlen Kopfes und strategisch umsichtig das Übel an der Wurzel packt. Das Problem des Meeresmülls wird nur über die Verhaltensänderung der Verursacher gelöst. Klingt fast banal. Nur die massenhaften Verursacher sind leider wir alle, die wir täglich in den Supermärkten mehr oder weniger bewusst darauf vertraut haben, dass das bisschen Einweg-Plastik schon nicht so schlimm sein wird. Jetzt wo wir beginnen, es besser zu wissen, stellt sich eine zentrale Frage: Welche wirkungsvolle Verhaltensänderung ist für Verbraucher zumutbar.

Nicht irgendwann – sondern JETZT.

Nun, was steht denn zur Auswahl: Kompletter Plastikverzicht? Ist leider nur etwas für echte Asketen. Verpackung mit Glas, Blech, Bioplastik oder Verbundkarton? Die Ökobilanz wird da nicht unbedingt besser. Rückgabe jeder Plastikverpackung über Zwangspfand? Könnte bei Getränken noch einigermaßen klappen. Aber was ist mit den vielen anderen Plastikverpackungen der Kosmetik, der Reinigungsmittel usw.?

Ja, es gäbe da etwas, aber das wird vielen schlichtweg viel zu unspektakulär sein: Echtes Recycling. Man sollte nämlich beim Einkauf einfach auf vertrauenswürdige Kreislaufführung des Plastiks achten. Wo Wertstoffkreisläufe wirklich geschlossen werden, existiert keinen Müll. Oder konkret für das Verhalten: Beim Einkauf sollte es für den Verbraucher nicht nur um mögliche Recyclingfähigkeit gehen, er müsste auf den konsequenten Vollzug des Recyclings achten! Woran man den erkennen kann? Na, zum Beispiel an dem Hinweis „aus 100 % Altplastik“. Das wäre zumutbar für Viele – sehr Viele, wenn man es denn wollte.

Aber vielleicht ist es ja doch bequemer, sich dem modernen Ablasshandel hinzugeben: Dem symbolisch Handelnden reicht völlig aus, vor sich selbst und der Öffentlichkeit als „Gerechter“ dazustehen. Gut für seinen oder ihren Status beim sozialen Klima. Wirkungslos für das Klima im wörtlichen Sinne. Der Faktenorientierte ist am Erfolg in der Sache interessiert. Das muss das Primat unseres Handelns sein. Symbolromantik nutzt da nichts. Ein möglichst schneller, effektiver Rollout ist geboten. Sprich Recycling des Plastiks auf breiter Ebene mit allen Beteiligten. Das ist dann kein billiger Ablasshandel. Das ist einfach ein Gebot.

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