Nur wenige deutsche Haushalte investieren langfristig in Aktien

von Reinhard Schlieker1.07.2019Medien, Wirtschaft

Wer der festen Überzeugung ist, der Planet müsse verkochen, und sich auch nicht vorstellen kann, dass es in der Geschichte durchaus wärmere Zeiten gegeben hat als in diesen Tagen, Monaten und Jahren, und nichts und niemand hart gesotten wurde, der jedenfalls müsste sich konsequenterweise kaum Sorgen um die Altersvorsorge machen

Alle anderen dürften die fast ewige Litanei der demographischen Falle mehrfach gehört haben, in die man in Deutschland gerade läuft – und im Gegensatz zu wilden Hitzetheorien gibt es hier statt apokalyptische Visionen harte Mathematik. Die Leute, die für die staatlichen Versorgungssysteme zahlen und zahlen werden, sind zählbar. Und diejenigen, die Leistungen empfangen oder in wenigen Jahren empfangen werden, ebenfalls. Letztere werden eher mehr, erstere weniger. Gleichwohl ist den Deutschen ihr Hang zur Selbstkasteiung offenbar nicht auszutreiben – sei es büßend vor dem Klimawandel oder in stillem Leiden vor dem Nullzins.

Das Deutsche Aktieninstitut, sich in der Aufgabe sehend, dem Volke das Wertpapiersparen näherzubringen, hat erneut eine unverdrossen appellierende Studie vorgelegt, die anhand ausländischer Vorbilder und Beispiele ziemlich klar belegen kann, dass ein großer Teil des Geldes, auf das die Deutschen gut und gern verzichten, den Alterseinkünften schwedischer, amerikanischer und britischer oder auch so fernen Genießern wie etwa australischen Rentnern zugute kommt. Die geringe Zahl deutscher Haushalte, die für langfristige Vorsorge Aktien einsetzt, bleibt seit vielen Jahren konstant. Da gibt es also Bedarf, und das Aktien-Institut betitelt denn auch seine Untersuchung mit: Was Deutschland von anderen Ländern lernen kann“. Das ist leider schon im Titel ein Fehlgriff, denn von anderen lernen steht hier nicht hoch im Kurs. Wie man Flughäfen baut (Istanbul), problemlos Maut organisiert (Schweiz, Frankreich, Österreich), eine digitale Verwaltung aufbaut (Estland) oder Zuwanderung steuert (Australien) – spätestens seit dem inzwischen vergessenen teuren Drama namens „Toll Collect“ ist klar, dass hierzulande nicht einmal wenige Kilometer über die Grenze geblickt wird, wenn es um die Einführung oder gar das Betreten irgendeines Neulandes geht. Hier wird alles neu erfunden.

Von daher wird die Anregung, in die Altersvorsorge eine kapitalgedeckte Komponente einzuführen und für Teile des Vermögens künftiger Rentner vom Aktienmarkt zu profitieren, kaum so ernsthaft bedacht werden, denn das gibt es so ja schon in vielen anderen Ländern. Es bleibt in der deutschen Wirklichkeit bei Appellen zur privaten Vorsorge, begleitet von bürokratischen Monstersystemen unter diversen Eigennamen, die im wesentlichen auf den Lebensversicherungsgedanken setzen, der den Anbietern ein herrliches Abschöpfen der für den Sparer gedachten Subventionen erlaubt. Dass man etwa bei einer Allianz weit besser fährt als Aktionär denn als Kunde, will und will sich nicht herumsprechen.

Der Nahe-Null-Zins für die Versicherten spottet jeder Beschreibung, während die Dividendenrendite sich sehen lassen kann. Die sichert übrigens bei vielen Dax-Unternehmen auch noch den Kurs mit nach unten ab, was einige Anleger, zumal sehr große, natürlich erkannt haben und kräftig zulangen. Kleiner Schönheitsfehler: Die meisten dieser Investoren kommen aus dem Ausland, von dem man hierzulande bekanntlich nichts lernen will. 55 Prozent der Anteile der deutschen Blue Chips sind in ausländischer Hand, wohin natürlich auch die Dividenden fließen. Da spricht man immerhin vom größeren Teil jener 36,5 Milliarden Euro, die in diesem Jahr ausgeschüttet werden.

Dementsprechend ist also der Anteil der Ausländer nochmals gestiegen, und jener der Deutschen zurückgegangen. Dass in dieser Situation und angesichts der zu beobachtenden Prioritätensetzung der Regierenden ein so heißes Eisen angepackt werden könnte, wie es die Kapitaldeckung in der Rente zweifellos ist, dürfte nahe an Halluzination reichen. Es wird dabei bleiben, dass nur eine Minderheit die Chancen wahrnimmt, die sich mit der demokratischsten aller Geldanlagen bieten – nämlich als Miteigentümer zumindest in bescheidenem Maße an der Zukunft des Wirtschaftsstandortes teilzunehmen, und sei es nur, dass man sich aus naheliegendem Anlass besser informiert als andere, um nämlich die Geschicke des eigenen Investments verfolgen zu können. Dann würde dem Anleger auch auffallen, dass ausländische Adressen gerade in die Zweige investieren, die hierzulande totbeschimpft werden oder abgeschrieben: Autoindustrie, Zulieferer aus dem Mittelstand, Maschinenbau. Es könnte einem zu denken geben. Wenn man denn grundsätzlich bereit ist zu akzeptieren, dass auch ein Ausländer mal eine gute Idee haben kann.

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