Die Brexit Tragikomödie

von Reinhard Schlieker11.09.2019Europa, Gesellschaft & Kultur, Medien

Noch immer ist alles drin in der Brexit Tragikomödie, nur nicht gutes (denn keiner tut es). Mit Tricks und Finessen werden Bürger am Gängelband geführt, Unternehmen verunsichert und Parlamentarier aller Schattierungen vorgeführt (ja, auch die, die beim Schlagabtausch einschlafen).

Was im (noch) Vereinigten Königreich an Lug und Trug unterwegs ist, macht atemlos, aber nicht luftleer: Denn wer zwar so langsam den Glauben an die Menschheit verlieren mag, sollte ihn im Falle der Unternehmenstätigkeit nicht leichtfertig aufgeben.

Seit der unglückselige britische Premierminister David Cameron das Brexit-Referendum ausrief, um sich vor den damaligen Parlamentswahlen groß und die Europagegner des Nigel Farage kleinzumachen, herrscht Chaos im Kingdom. Allerdings: Außer der politischen Klasse Ihrer Majestät arbeiten zahlreiche Institutionen und Verbände daran, die Verheerungen des EU-Ausscheidens zum einen vorherzusehen und zum anderen möglichst gering ausfallen zu lassen. Der Regierung dämmert inzwischen wenigstens, dass die Wirtschaft ein wenig zu knabbern haben wird. Immerhin 14 Milliarden Pfund sollen in staatliche und halbstaatliche Institutionen gepumpt werden, in der Hoffnung auf Nebeneffekte für die privaten Unternehmen.

Die gezackte Chartkurve des britischen Leitindex FTSE 100 zeigt seit dem Brexit-Referendum jeweils die aufkeimenden Hoffnungen auf genau solche Maßnahmen, und zwischendurch auch mal auf eine gütliche und wirtschaftsfreundliche Einigung mit der EU, inklusive der Vermeidung einer Zollgrenze in Irland – das im Übrigen noch stärker wirtschaftlich betroffen sein dürfte als Großbritannien, wenn es zum Chaos-Austritt kommt. Natürlich wollen deutsche Unternehmen ihre Pläne für diesen Fall nicht auf den Tisch legen, aber dass diese existieren, dürfte man wohl annehmen.

Von daher sind die Prognosen der Forschungsinstitute zu den wirtschaftlichen Folgen vermutlich zu pessimistisch – auch wenn in vielen Fällen grenzüberschreitender Wirtschaftsaktivitäten die Vorstellung schwerfällt, wie diese abzumildern sind. Im Falle von BMW/Mini oder auch von Airbus kommt einem keine Lösung in den Sinn, die auch nur im Entferntesten kostenneutral oder auch nur günstig zu haben wäre. Im BMW-Kurs dürfte also nicht nur der pessimistische Ausblick für die Autoindustrie in Deutschland enthalten sein, sondern wohl auch ein gehöriger Brexit-Abschlag.

Die in den letzten Wochen sich häufenden Gewinnwarnungen, jüngst etwa seitens der Chemie-Industrie, durchaus auch aus dem Mittelstand, werden häufig mit zurückgehenden Aufträgen begründet; ganz allgemein gehen die Schätzungen für das Bruttoinlandsprodukt beziehungsweise dessen Wachstum zurück, quer durch alle Forschungsinstitute. Dies widerspricht zuweilen den aktuellen Erscheinungen, die man teils als Normalbürger beobachten kann, teils von den Wirtschaftsverbänden kommuniziert bekommt: Fachkräftemangel, nicht besetzte Ausbildungsplätze und Wartezeiten, sei es auf das neue Auto, sei es auf den Handwerker.

Die Lücke mag sich zum Teil durchaus auf die antizipierten Folgen eines harten Brexit zurückführen lassen. Sollte es also zu einer sozial- und wirtschaftsverträglichen Lösung zwischen der EU und Großbritannien kommen, bieten sich dem Optimisten durchaus spekulative Chancen. Aber auch nur dem, und nur dann.

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