Wo ist all da schöne Geld hin?

Reinhard Schlieker25.01.2020

Die Deutschen sind so reich, also mal insgesamt gesehen, dass sie es nicht einmal so richtig merken, wenn ihnen Milliarden entgehen. Nein, das ist jetzt nicht aus einem Memo des Bundesfinanzministers zitiert, sondern offenkundige statistische Tatsache.

Weit über 600 Milliarden Euro lassen die Sparer und Anleger liegen auf ihrem Weg durchs finanzielle Leben – vor allem wegen der Nullzinsära, in der wir leben und die uns noch ein ganzes Stück weiter begleiten wird. Es sind entgangene Gewinne, zum Beispiel durch verfehlte Anlage, wenn man das überhaupt so nennen darf, des baren Eigentums in Sparbücher, Tagesgeldkonten und Ähnliches, was nichts bringt, aber kostet. Die „Verwahrgebühren“ für Geld sind nicht von Pappe, und wer die fälligen Gebühren für Bankberatung scheut, wird eben bestraft durch kleine, aber hartnäckige Inflation zum Beispiel.

So weit, so schlecht – dies auch eine einhellige Erkenntnis des Panels „Nullzinsen und die Folgen“ beim Ludwig-Erhard-Gipfel am Tegernsee in der abgelaufenen Woche. Die versammelten Experten, darunter Anlageberater und Volkswirte mit Jahrzehnten Erfahrung, waren sich vielleicht nicht im Detail einig, wo der Spargroschen nun definitiv hin soll.

Aber wo er nichts verloren hat, das ist sicher unter der Matratze oder auf dem Girokonto. Bei ersterer Lösung wird er womöglich von der Wohnungseinbruch-Branche abgeschöpft, bei letzterer von Staat und Notenbank.

Was sich inzwischen als durchaus lohnend herausgestellt hat, sind herkömmliche Anleihen: Deren Zinskupon mag uninteressant sein – ihre Kursverläufe dagegen schlagen mitunter die von Aktien. Kluge Auswahl ist Trumpf. Und da die Konjunktur zwar abflaut, von einem Einbruch aber weit und breit nichts zu sehen ist, bleiben Aktien die Sachwerte der Wahl.

Inzwischen dank ETFs tatsächlich mit breiter Streuung für jedermann zu haben: Die geforderte Diversifizierung, die noch vor wenigen Jahren den Experten von der Börse mit Einzelanlagen abraten ließ, ist heute kein Hexenwerk mehr. Einer größeren Zahl der deutschen Sparer solche ökonomischen Tatsachen zu vermitteln, ist es da schon eher.

Es ist eine merkwürdige Schere, die sich da auftut: Die allermeisten arbeiten mit Hingabe in ihrem Job, freuen sich über Gehaltserhöhungen und Beförderungen – und lassen all das schöne Geld dann zerbröseln. Selbst wer seinen Erben nichts gönnt und dem Finanzminister erst recht nicht: Der Mensch hat doch einfach immer neue Bedürfnisse, so sinngemäß jener Namensgeber des Ludwig-Erhard-Gipfels, und die meisten davon kosten etwas. Was man sich leisten könnte, bestimmt man zum Teil zumindest selbst, und nicht der Chef oder der Minister.

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