Siemens hat keine guten Zahlen

Reinhard Schlieker14.02.2020Gesellschaft & Kultur, Medien, Wirtschaft

Bei der Siemens-Hauptversammlung rollten keine Köpfe, aber der Rubel, der sprichwörtliche, nun leider auch nicht.

Das nach Analysteneinschätzung „grottenschlecht“ laufende neue Geschäftsjahr (seit 1. Oktober 2019) bot natürlich den Anteilseignern wenig freudige Anlässe – und wenn man der Bestandsaufnahme des Fondsanlegers Union Investment folgt, haben die Siemens-Aktionäre in den Amtsjahren von Joe Kaeser als Vorstandsvorsitzendem weniger erlöst als die Anleger anderer, vergleichbarer Unternehmen – zumindest dann, wenn es nach dem Vergleichsindex MSCI Industrial geht.

Der ist allerding Digitalisierungs-lastig, eine Disziplin, die in Deutschland bekanntlich erst ihrer Entdeckung harrt („Neuland“, sagte Frau Merkel ja mal, das ist es wohl geblieben). Also, Siemens seit 1. August 2013, dem Amtsantritt Kaesers, mit gut 60, der Weltindex mit 110 Prozent Zuwachs. Man darf nun natürlich nicht Siemens mit solchen Industrieaufmischern wie Tesla vergleichen, und auch nicht mit Old-Economy-Größen wie dem siechen Thyssenkrupp. Aber in seinem konstanten Umbauprozess weiß so mancher nicht mehr, was noch Siemens ist und was nicht. Die abgespalteten Sparten Healthineers (alberner Name für Gesundheitstechnik) und Gamesa für Windkrafttechnologie lieferten negative Impulse für die Konzernmutter.

Das erinnerte schon fast an Rocket Internet, die Holdinggesellschaft, die eine Menge Unternehmen an die Börse brachte, die dann umgehend absackten wie Steine (man sehe sich mal „Westwing“ an), nicht ohne zuvor die Rocket-Anteilseigner noch etwas reicher gemacht zu haben. Da Siemens auf das eingesetzte Kapital derzeit auch noch eine schlechte Rendite einfährt, hinkt der Vergleich auch schon deshalb. Bei solchen Zahlen jedoch, das ist mancherorts Usus, verlässt der Vorstandsvorsitzende das Schiff und lässt es neu steuern von jemandem, der die Probleme sieht und anpackt. Joe Kaeser mag die Probleme auch sehen, oder gar ganz andere, die wir nicht kennen, spielt aber lieber etwas an der Statistik herum und findet wohl sowieso anderes viel wichtiger: Es folgt alles einem Muster, das – und dies ist nur eine wohlerwogene Meinung – mit seiner vor langen Jahren erfolgten „Anglisierung“ seines Namens begann: Wer bereit ist, seinen ureigenen Namen, der auch ein Stück Identität sein sollte, in vorauseilender Unterwürfigkeit an fremde Ansprüche anzupassen – hier also Josef Käser in Joe Kaeser umzuwandeln – der ist vielleicht bei anderen grundsätzlichen Dingen, sagen wir mal, ebenso biegbar.

Dass ein leibhaftiger amerikanischer Präsidentschaftskandidat namens Buttigieg lieber auf allen möglichen Kommunikationswegen die Aussprache seines Familiennamens erklärt, statt ihn billig zu vereinfachen, ist ein Beispiel, wie es auch geht – ohne schmierige Unterwürfigkeit. Der Joe, der seine angloamerikanischen Partner für zu dumm hält, ein „ä“ zu erkennen – wobei Josef weltweit seit biblischen Zeiten bekannt ist – mag seine Managementqualitäten haben, sicher. Aber die peinliche Scharade wie etwa die ungebetene Aufsichtsrats-Nominierung einer unerfahrenen Aktivistin für alles Mögliche und nichts Bedeutsames, was Siemens angeht, zeigt zumindest einen Mangel an Durchdringung eines Themas und eine offenkundige Beratungsresistenz: Es erscheint kaum vorstellbar, dass in einem Konzern wie Siemens nicht ein paar hochrangige Strategen vorhanden sein sollten, die dem Chef hin und wieder empfehlen, sich auf Geschrei von der Straße hin einmal nicht zu äußern – alles reine Kopfsache – und sich von hysterischen Gegnern einer Bahn-Signalanlage in Australien einfach unbeeindruckt zu zeigen. Zumal man rational Detail für Detail nachweisen kann, dass der Kohleabbau in Australien notwendig, weniger umweltschädigend als der in Indonesien und im Übrigen beschlossene Sache ist – mit Siemens oder ohne Siemens.

Gegen die Geschäfte mit dem brutalen Mullah-Regime in Iran geht, nebenbei bemerkt, niemand auf die Straße. Vielleicht aber ging das Kalkül des Kaeser ganz anders: Ahnend, dass er nicht mehr lange auf dem Posten sein würde, wollte er noch schnell seinem Nachfolger eine Aufsichtsperson in den Rat wuchten, mit der dieser dann noch lange seine Freude haben würde. Ein perfider Plan, fürwahr – zum Glück ist es alles nur ausgedacht, wäre ja sonst auch ein Blick in unheimliche persönliche Tiefen. Was man real zu sehen bekommt, muss eigentlich reichen.

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