Bei Frauen finden sich 25 Prozent Fonds im Depot, bei Männern nur 18

Reinhard Schlieker31.12.2019Gesellschaft & Kultur, Medien, Wirtschaft

Unter den Kunden der ING Bank finden sich so viele Aktienanleger, dass man sie sogar zu statistischen Zwecken untersuchen kann – anonym, versteht sich, und ohne Ansehen der Person. Aufschlussreich ist so eine Statistik dann trotzdem.

Ganz besonders, wenn es Richtung Jahresende geht und das Ziehen zahlreicher Bilanzen gerade ganz große Mode wird, ehe die Voraussagen für 2020 inklusive Chancen des Aktienmarkts die Spalten der Blätter beherrschen. Und natürlich online diskutiert werden, bis sich auch die letzte Prognose im fahlen Licht der Realität zerstäubt hat und nicht mehr gesehen ward. Man kann natürlich die Erkenntnisse des vergangenen Jahres und die Vorausschau auf das kommende problemlos abspeichern oder auch wiederfinden, was die Menschheit ebenso wenig tut wie die Zeitschriften vom Dezember 2019 aufzuheben und 2021 dann nachzusehen, was man augenscheinlich verpasst hat. Oder was eben gar nicht passiert ist, sei es der fulminante größte Crash aller Zeiten, die unglaubliche Hausse bei nachhaltigen Energielieferanten oder dergleichen mehr. Wohl dem, der nicht nur Frau sein darf, sondern auch noch in Münster lebt.

In der bekannten Universitäts- und Fahrradmetropole des Westfälischen wohnt nämlich die erfolgreiche Anlegerin par excellence. So zumindest darf man die Daten der ING verstehen, die zum einen den weiblichen Mitgliedern der Anlagecommunity höhere Renditen bescheinigt als den Männern, zum anderen die Münsteraner locker vor Berlin einsortiert, wo aber auch ganz gut verdient wurde mit dem Spargroschengeschäft, sofern umgelenkt zu Banken und Börsen.

Die durchschnittliche Rendite von mehr als 800.000 Depots bis November 2019 betrug 23,5 Prozent, wobei die weiblichen Depotinhaber 24,11 erreichten und somit obsiegten im pekuniären Geschlechterkampf, ohne die Männer gleich blamabel in den ganz dunklen Schatten zu stellen. Die Erklärungsversuche folgen auf dem Fuße:

Bei Frauen finden sich 25 Prozent Fonds im Depot, bei den Männern nur 18. Damit nähert man sich Erkenntnissen an, die recht alt sind: Männer neigen zu hektischeren Depotbewegungen als Frauen, das wusste schon André Kostolany, und der Sinnspruch dazu lautet: Hin und her macht Taschen leer. Der DAX-Index wurde von den analysierten Kundendepots leicht übertroffen, von den Frauen natürlich deutlicher mit etwa zwei Prozentpunkten. Unter den Gewinnerdepots waren tendenziell diejenigen mit dem höchsten Anteil an ETFs, also jenen momentan immer modischer werdenden handelbaren Fonds, die inzwischen alle möglichen Indizes nachbilden – noch vor wenigen Jahren gab es allenfalls einen ETF auf Dax und Konsorten, inzwischen etablieren sich die passiven Fonds auf alles, was sich bewegt an den Märkten.

Die Papiere bilden den höchsten Anteil bei den 25- bis 35jährigen, Ältere über 75 haben die Weisheit dieser Anlage noch nicht entdeckt, was darauf schließen lässt, dass ihre Renditen durch hohe Fondsgebühren geschmälert wird, die bekanntlich im Jahr einige Prozentpunkte kosten können. Ein Börsenjahr wie 2019 hinterlässt allerdings kaum wirklich Leidende, und in der Gesamtschau inklusive Negativzinsen und müden Anleihen hoffen Experten wie etwa das Deutsche Aktieninstitut, dass sich die Zurückhaltung der Deutschen gegenüber Wertpapieren nun vielleicht langsam aufzulösen beginnt. Nicht ganz repräsentativ ist da allerdings die mutige Schlussfolgerung der ING in der gleichen Richtung – denn wer schon ein Depot hat, noch dazu bei einer Direktbank, wird schon die Absicht hegen, es mit Aktien und ähnlichen Papieren auch anfüllen zu wollen – das ist nicht die Haltung einer Mehrheit in der Bevölkerung, nicht einmal die einer nennenswerten Minderheit. Es bleibt trotz zweistelliger Erfolge 2019 bei der melancholischen Feststellung, dass die Deutschen ihr Vermögen sehr fleißig erwirtschaften, um es dann dahinschmelzen zu lassen. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

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