Das Grauen erreicht die Kleinanleger

Reinhard Schlieker31.08.2019Medien, Wirtschaft

Das Geld hat keinen Preis mehr – wer zukünftige Kosten und Renditen berechnen will, tappt noch mehr im Dunkeln als das sowieso bei Zukunftserwartungen der Fall ist.

Die Europäische Zentralbank, seit 2011 dabei, den Sinn des Wirtschaftens auf den Kopf zu stellen, hat gerade erneut weitere drastische Maßnahmen zur Geldvermehrung angekündigt, dazu natürlich Strafzinsen: Wer sein Geld besinnungslos ausgibt, was bei Staatsregierungen gern mal der Fall ist, wird belohnt – vor allem, wenn es fremdes Geld ist. Wer investiert und für schlechte Zeiten vorsorgt, dem folgt die Strafe auf dem Fuße. Die EZB, die Entschlossenheit zum Handeln demonstrieren will, hat längst vergessen, dass Entschlossenheit zum Fehlermachen leider auch Handeln demonstriert. Das Erbe des zum Glück scheidenden EZB-Präsidenten Mario Draghi wird sein, dass er versuchte, die Grundlagen vernünftiger Wirtschaftspolitik durch Voodoo zu ersetzen, und dass seine Kollegen ihm besinnungslos folgten, vielleicht bis auf eine machtlose Bundesbank.

Allein die deutschen Sparer und Anleger verlieren Jahr für Jahr mehr als 160 Milliarden Euro – was sie dem ehemaligen italienischen Investmentbanker zu verdanken haben, der sich auch in seiner Zeit bei Goldman Sachs nicht mit Ruhm bekleckert hat. Seine Politik, die er vor Jahren treuherzig damit begründete, den verschuldeten Staaten Zeit zu kaufen und sie zu haushaltspolitischen Reformen anzustiften, musste natürlich schiefgehen – denn nur die eine Hälfte des Programms konnte die EZB durchsetzen, für die andere, die Reformen, war sie nicht zuständig und auch nicht willens oder in der Lage. Immerhin reichte die Macht, dramatische Fehlallokationen von Kapital auszulösen: Das risikolose Schuldenmachen, immer mit dem Hintergedanken, dass erst eine nachfolgende Generation die Rechnung dafür präsentiert bekommt, ist eine unwiderstehliche Versuchung, und für Politiker natürlich erst recht. Von Griechenland über Italien bis hin zu Frankreich zieht sich die Schneise der finanzpolitischen Verwüstung.

Der Euro, den Draghi zu retten vorgab, steht auf der Kippe

Der Euro, den Draghi zu retten vorgab, steht auf der Kippe – nur weiß es noch kaum jemand. Denn die Billionen billigen Geldes eines Tages wieder einzusammeln, dürfte illusorisch sein. Das wird langfristig starke Verwerfungen beim Außenwert der sogenannten Gemeinschaftwährung hervorrufen, und spätestens dann werden auch die vorhandenen politischen Nord-Süd-Konflikte nicht mehr unter der Decke zu halten sein. Was deutsche Anleger angeht, so bleibt außer Aktien, die nicht für jedes Vorsorge-Vorhaben allein geeignet sind, da ein Risiko besteht, wenn man zun einem bestimmten Zeitpunkt über Liquidität verfügen muss, nur der Immobilienmarkt oder unproduktives Gold – dessen Risiko lässt sich an den Charts der vergangenen Jahre ablesen. Es ist außerdem keineswegs ausgemacht, dass die künftigen Ideen der EZB auch diese bislang kaum beeinflussten Anlagemärkte auseinandernehmen. Schließlich gibt es da noch die Überlegungen, wenn auch stets geleugnet, das Bargeld mehr oder weniger abzuschaffen.

Jene Möglichkeit des Privatanlegers, sein Erspartes wenigstens schadlos im Banktresor aufzubewahren, ist den Kontrollfreaks in der EZB mutmaßlich ein Dorn im Auge – die nationalen Regierungen dürften nicken, wenn es so weit ist. Dem Vernehmen nach überlegen aber bereits große Versicherungen und Banken, einen Teil ihrer Geldbestände ebenfalls physisch zu lagern und die verquere EZB-Politik damit zumindest bis zu einem gewissen Grad ins Leere laufen zu lassen. Schließlich wäre da noch der angebliche Grund für das geldpolitische Desaster: Man wolle die Inflation nahe bei oder um die zwei Prozent halten. Mag ein löbliches Ziel sein – nur beweist die anhaltende Erfolglosigkeit der EZB gerade, dass es so wohl nicht geht. Nur ungewöhnlich dumme Organisationen glauben, dass, wenn eine Maßnahme nicht zum Erfolg führt, man nur noch mehr der gleichen Maßnahme einsetzen müsse, damit es dann klappt.

Das ist es, was Draghi unternimmt – und seiner Nachfolgerin Christine Lagarde als Erbe hinterlässt, wobei auch sie nicht gerade für solide Finanzpolitik bekannt ist. Es dürfte also mehr vom Gleichen werden. Ganz anders, und offenkundig erfolgreich der amerikanische Notenbankpräsident Jerome Powell. Er hält sich alle Optionen offen, und zeigte sich dieser Tage beim Treffen internationaler Zentralbanker in Jackosn Hole entschlossen, seine an den wirtschaftlichen Realitäten orientierte Geldpolitik fortzusetzen. Kein zwanghaftes Bemühen, solch komplexe Vorgänge wie Inflation mit eindimensionalen Rezepten beeinflussen zu wollen, keine Neigung, einem unflätig auf ihn eindreschenden US-Präsidenten nachzugeben oder überhaupt auf den merkwürdigen Mann zu reagieren. Zumal Trump ausweislich seiner Twitter- Einlassungen nicht einmal in der Lage ist, den Namen des Fed-Chefs korrekt zu buchstabieren.

Die EZB hingegen, einst im Sinne der Geldwertstabilität gegründet, hat ihr Mandat längst aus den Augen verloren, auch wenn wohlgesonnene EU-Gerichte ihr das Gegenteil willfährig bestätigen. Spätestens mit dem Auseinanderfallen der Eurozone hat sich dann aber auch diese Organisation erledigt. Ach so: Was die verlorenen Gelder der Sparer und Anleger betrifft, wäre es ja eine Idee, seitens des profitierenden Schuldenmacher-Staates jene Gelder auf die eine oder andere Weise zurückzugeben. Von wegen! Staatdessen würgt man an bürokratischen Teil-Nachlässen beim längst obsoleten Solidarzuschlag herum und überlegt, wie man möglichst gerichtsfest eine Vermögensteuer einführen kann. Wenn „vermögend“ so wie beim Höchststeuersatz der Einkommensteuer dann heißt, dass ab dem Facharbeiter aufwärts jeder besteuert wird, spätestens dann sollte man die Chancen einer Auswanderung mal am Küchentisch gründlich durchrechnen.

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