Die Commerzbank muss sich neu erfinden

von Reinhard Schlieker8.10.2019Gesellschaft & Kultur, Medien, Wirtschaft

Dass die Finanzkrise 2008 und danach das Kreditgewerbe gehörig durcheinandergewirbelt hat, steht außer Zweifel. Dass dabei die Fundamente so manches stolzen Institutes unterspült wurden, zeigt sich, wie bei solchen Schäden meist üblich, erst nach und nach. Die heutigen Leiden der deutschen Banken sind zum Teil immer noch auf diese disruptiven Ereignisse zurückzuführen.

Auf der Suche nach Erträgen wird es den Finanzinstituten nicht leichtgemacht, vor allem wegen der anhalten Niedrigzinsphase, die neuerdings bis in nicht planbare Zukunft verlängert wurde. Wieder einmal müssen Geschäftsmodelle überdacht werden, neue Ertragsquellen identifiziert – und Aktionäre wie Kunden zu Verzicht gemahnt beziehungsweise mit neuen Kosten belastet werden.

Erst kürzlich erhöhte sich nach einer Untersuchung der Bundesbank noch einmal die Zahl der Banken und Sparkassen, die ihren Kunden die Weitergabe von Negativzinsen zumuten werden. Es scheint kaum anders zu gehen. Die Ausweichmöglichkeiten sind begrenzt. In Deutschland ist die Commerzbank weiterhin auch nach außen sichtbar von den Folgen der Finanzkrise gezeichnet: Der Staat hatte sich damals zur Rettung an der gelben Bank beteiligt und hält heute noch rund 15 Prozent der Anteile. Lag der Kurs vor dem Beben noch bei unfassbaren 200 Euro und mehr, so ist die Bankaktie heute noch gut fünf Euro wert, auch diese Schwelle wurde schon unterschritten. Tendenz: Nicht ermutigend.

Der Steuerzahler wartet vermutlich vergeblich auf eine Rendite seines Investments – aber das war zugegebenermaßen nicht das primäre Ziel der Beteiligung. Ein Crash des ganzen Hauses wäre insgesamt teurer geworden. Nun verkündet die Commerzbank ihr Zukunftskonzept „5.0“ – aus den ersten vier scheint nicht so viel die Zeit überdauert zu haben, wenn man die Zählweise ernst nehmen will. Geldbeschaffung pur ist die Trennung von der polnischen Tochter M-Bank, die bislang immerhin knapp ein Viertel der Erträge lieferte und außerdem recht hoch bewertet ist: Die Veräußerung trägt alle Merkmale eines Notverkaufs, und die Interessenten wissen das natürlich auch. Immerhin investiert die Commerzbank in Digitalisierung und IT-Systeme – ein Gebot der Zeit, aber auch eine Voraussetzung für den geplanten Abbau in anderen Bereichen.

Etwa 200 Filialen weniger, und netto 2.300 Stellen einzusparen: Das verschlingt mit Sicherheit einen Teil der Erträge, die man aus den knapp 70 Prozent Anteil an der M-Bank erlösen wird. Sozusagen ein durchlaufender Posten, nicht mehr. Man rechnet mit Kosten von bis zu 900 Millionen Euro für die Abbaupläne. Da es nicht die erste Kürzungsrunde ist, hat die Commerzbank in diesem Jahrzehnt schon eine Menge Geld für Abfindungen und anderes in Zusammenhang mit Stellenabbau und Schließungen hinblättern müssen.

Noch vor wenigen Jahren vertrat man stolz das Ansehen und das gedeihliche Geschäft bei und mit seinen Mittelstands- und vermögenden Privatkunden. Die Konzeption und Konzentration war gut und folgerichtig – nur leider nicht erfolgreich genug, auch wenn eben manches Sperrfeuer aus Richtung der Geldpolitik kam und nicht aus dem eigenen Haus.

Commerzbank-Chef Martin Zielke erhofft sich nun durch die erneute Sparprogrammatik eine neue Basis für künftiges Wohlergehen. Die Modernisierungswelle erfasst dann auch die Comdirect Bank – die innovative Tochter wird unter das Dach der Mutter geholt. Auch das wird erst einmal nicht billig – die Minderheitsaktionäre erwarten einen tüchtigen Aufschlag auf den Aktienkurs. Dies ist denn auch fast der einzige strategische Schritt in dem ganzen 5.0-Programm; den Rest haben andere Häuser bereits weit früher umgesetzt, als man bei der Commerzbank wohl noch auf die Erholungskräfte des Marktes setzte. Das ist denn auch die Crux an der ganzen Sache:

Im Strafzinsumfeld verschwinden die Kunden der hauseigenen Sparprodukte, die diesen Namen ja nun kaum noch verdienen – und die mittelständische Wirtschaft, Kernklientel der Commerzbank, bereitet sich auf eine Rezessionsphase vor. Daneben beherrschen weltweite Handelshemmnisse und Unsicherheiten die Firmenkunden und ihre Zukunftserwartungen. Richtig disruptive Kräfte lauern im endlosen Brexit. Sollte man in der Führungsetage daran gedacht haben, dass es mit einer Art Überwintern in fröstelnder Umgebung getan sein könnte, so dürfte dies zu kurz gesprungen sein.

Angesichts der Herausforderungen müsste das traditionsreiche Institut nichts weniger anstreben als eine Neuerfindung seiner selbst. Der Stein der Weisen allerdings liegt nicht einfach so im Tresor, das mussten auch schon andere aus der etablierten Bankenwelt erfahren.

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