Eine Neuwahl ist demnächst unwahrscheinlich

Reinhard Schlieker17.12.2019Europa, Gesellschaft & Kultur, Medien

Nach den Parlamentswahlen in Großbritannien mit ihrer absoluten Mehrheit für die Konservativen stellt sich die Börse keine Fragen mehr: Boom heißt es ab sofort, im positiv konnotierten Sinne des Wortes, nicht lautmalerisch gemeint. Aber das kann natürlich noch kommen, denn womöglich ist die Kanonade nur aufgeschoben.

Die solide Mehrheit für Boris Johnson und seine im Grunde zerstrittene Truppe bedeutete für viele Beteiligte dies- und jenseits des Kanals erst einmal Aufatmen, denn nun hat man praktisch einen zweiten Volksentscheid im Rücken. Da das für die Industrie ebenfalls eine relativ klarere Perspektive bringt, sind Pfund-Anstieg und Börsenhoch als unmittelbare Reaktionen folgerichtig. Die Frage dürfte erlaubt sein, ob dies perspektivisch anhält, wenn es an die Details des künftigen Handelsabkommens mit der EU geht, dort werden Zollschranken dann entweder zementiert oder von vorneherein vermieden.

In dieser Hinsicht hat sich an der Herausforderung des Themas „Irland“ nichts geändert, was einige Beobachter dazu bringt, sich einen „Deal“ nicht vor Ende 2022 vorstellen zu können – so etwa Allianz und Euler Hermes. Eine andere Perspektive ist dies als die vorgesehen Übergangsfrist bis Ende 2020. Das aber ist für manche ärgerlich, die vor allem auf der Insel nun gern Taten sehen möchten, für Großbritannien-Exporteure auf dieser Seite des Kanals aber eine Chance, ihre hypothetischen Strategien nun auf eine dann sinnvolle und gültige einzudampfen. Auch diese verbesserten Planungsbedingungen führen zu Börsengewinnen bei der exportorientierten deutschen Industrie, die auch angesichts eines weiteren Hin-und-Her in Sachen USA/China durchaus an Schubkraft behalten dürften.

Mit der solidesten Mehrheit seit 1987 ist für die Tories auch eine Neuwahl innerhalb der nächsten Jahre erst einmal unwahrscheinlich. Dafür steht Uneinigkeit im Königreich ins Haus: Ein schottisches Unabhängigkeitsreferendum ist wahrscheinlicher geworden. Was für europäische Anleger noch beachtens- und beobachtenswert sein sollte: Die spontane Begeisterung des amerikanischen Präsidenten könnte zwar, wenn es an ein Handelsabkommen mit Großbritannien geht, ebenfalls durch den mühsamen bürokratischen Prozess der Ernüchterung weichen, aber eine Einigung der beiden nahestehenden Partner könnte schneller vonstattengehen als das Pendant mit der EU.

Das jedenfalls würde deutsche Unternehmen begünstigen, die von UK aus nach Amerika exportieren und von dort importieren. Dessen ungeachtet wird der Stellenabbau europäischer und amerikanischer Firmen in Großbritannien wohl vorerst weitergehen – für nachhaltige Investitionsentscheidungen ausländischer Unternehmen ist die Lage dann doch nicht klar genug. Auch das dürfte Boris Johnson dazu veranlassen, aufs Tempo zu drücken – im Verlauf von zwei oder drei Jahren könnten Ansiedlungen auf dem Kontinent die Chancen seines Landes deutlich eintrüben. Allein die deutschen Unternehmen im Vereinigten Königreich beschäftigen 400.000 Mitarbeiter in 2.500 Standorten.

Dort herrscht gespannte Aufmerksamkeit. Unter dem Strich bleibt für Börsen und Wirtschaft vielleicht der Schluss: Nach dreieinhalb Jahren Unsicherheit sind die einschneidenden Maßnahmen getroffen oder doch gut geplant. Jeder Pendelausschlag in Richtung Berechenbarkeit ist per se schon ein gutes Signal, und das war dann auch die Botschaft der englischen, wenn auch nicht der britischen Wähler.

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