Hongkong bietet 32 Milliarden Pfund für die London Stock Exchange

Reinhard Schlieker16.09.2019Gesellschaft & Kultur, Medien, Wirtschaft

Mit Börsenfusionen und Übernahmen ist es bekanntlich so eine Sache. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt mehrheitlich ein wildes Hin und Her mit wenig substantiellen Ergebnissen.

Legendär die Übernahmeversuche seitens der Deutschen Börse, die samt und sonders scheiterten, teils an banalen Fakten wie etwa dem teils öffentlich-rechtlichen Charakter der Frankfurter Wertpapierbörse. Dennoch ist die Börse international gut vernetzt und verdrahtet – überseeischer Zukäufe bedurfte es dafür kaum. Niemand in diesem Business ist eine Insel – oder halt, vielleicht doch. Hongkong zum Beispiel, oder auch Großbritannien.

Die Sonderchinesen in ihrer Spezialzone haben zwar gerade mit reichlich Protestaktivitäten zu tun, die Börse HKEX allerdings handelt ungerührt und wird nicht mal leicht geschüttelt von den Demokratie-Demonstrationen, was wohl zeigt, dass die Fachwelt eine Intervention seitens Peking trotz martialischer Gesten nicht fürchtet.

Die Geschäftswelt Hongkongs fühlt sich stark genug, nun ihrerseits auf der entfernten, früher als Mutterland bekannten Insel in der Nordsee zuzugreifen. Die London Stock Exchange (LSE) zeigt den Wert der einheimischen Unternehmen derzeit sehr schwankend an, jeweils reagierend auf die aktuelle Brexit-Lage. Das genau ist die Chance der Außenseiter. Denn die wenig sichtbaren Brexit-Verwerfungen dürften erheblich erschütternder sein als die sehr sichtbaren Proteste in Hongkong. Charles Li, Chef der Börse, will außerdem zum Zuge kommen, ehe die LSE ihren Kauf des Datenanbieters Refinitiv abgeschlossen hat – geplant ist dieser Deal für 27 Milliarden britische Pfund. Hongkong bietet nun seinerseits fast 32 Milliarden Pfund für die gesamte LSE – ohne Refinitiv. Eine Prämie von 23 Prozent, immerhin.

Der Übernahmeversuch durch die Deutsche Börse allerdings war seinerzeit ja auch gescheitert, weil mit dem Gemeinschaftsunternehmen der Sitz nach London verlegt werden sollte – also mutmaßlich in Kürze außerhalb der EU liegen würde, was für die deutschen Aufsichtsbehörden wie auch den Aktienhandel eine komplizierte Lage erzeugt hätte. Hongkong kann das im wesentlichen egal sein – im Gegenteil, der Kauf würde vermutlich vereinfacht, zumal inzwischen auch ein Zugang zur EU geschaffen würde – denn der LSE gehört die Borsa Italiana. Die Verbindung aber zwischen den aufstrebenden asiatischen Finanzmärkten und dem etablierten Geschäft Londons klingt bestechend. An Größe könnte es das neue Unternehmen mit New York aufnehmen.

Dennoch haben die Anteilseigner der LSE das Angebot sofort zurückgewiesen; ob es dabei bleibt, muss sich aber erst noch zeigen. Im Sinne der Brexit-Anhänger wäre dies das erste große Geschäft, das beweist, wie Großbritannien in der Weltwirtschaft mitspielt. Kleiner Schönheitsfehler: Nicht das Vereinigte Königreich expandiert nach Asien, sondern wird von einem Player in der ehemaligen Kronkolonie geschluckt. Für nationalistische Briten eine Zumutung. Und dann noch der Firmensitz in unmittelbarer Nähe von Manövern der chinesischen Volksbefreiungsarmee? No way. Schließlich haben die EU-Regulatoren ein Wort mitzureden, denn Londoner Handel auf dem Kontinent findet nicht im luftleeren Raum statt. Die bürokratischen Verwicklungen dürften künftig noch spannende Lektüre bieten.

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