Die Kriminalisierung des Drogenkonsums hat weder Angebot noch Nachfrage grundlegend verändert. Wolfgang Nešković

Der Druck auf Daimler

Kann ein Großkonzern wie Daimler, Produzent von Fahrzeugen (fast) aller Art, Dienstleister und Finanzanbieter, eigentlich jemals damit rechnen, nicht unter Druck und Dampf zu stehen? Wohl eher nicht. Es gibt lediglich Zeiten, in welchen es besonders dicke kommt und solche, die von ruhiger Zuversicht geprägt sein dürfen.

Letzteres hat man allerdings schon seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, kaum beobachten können. Der Stuttgarter Vorzeigekonzern aus der ersten deutschen Aktienliga hat zahlreiche Häutungen hinter sich – die spektakulärste war sicherlich die „Hochzeit im Himmel“ zu Zeiten des Vorstandschefs Schrempp, die Scheidung aus der Hölle gehört mit zur Geschichte, und wie man heute sieht, wird auf dieser Erde mit Chrysler niemand glücklich, schon gar nicht Fiat in Italien.

Ganz aktuell aber hat sich Daimler in den Augen der Investoren geschickt aufgebaut in einem schwierigen Umfeld. Mal ganz abgesehen von der ewigen Konkurrenz mit Audi und BMW im Personenwagen-Sektor lebt der Weltkonzern tatsächlich weiterhin von seinem Ruf, auch wenn mitunter die Meinungen darüber, wer nun die zuverlässigste und generös luxurierte Limousine liefert, naturgemäß auseinandergehen. Seit Jahresbeginn haben die Anleger die Daimler-Aktie von rund 46 auf rund 56 Euro getrieben, ein Plus von etwa zwanzig Prozent. Wobei man nicht verschweigen darf, dass im schwierigen 2018 erhebliche Schwankungen zu sehen waren – es gab Kurse um die siebzig Euro, aber auch eben jene wie 46 – was man früher sicher für absolut unanständig gehalten hätte. Aber mit Blick auf solche Werte wie RWE oder auch Bayer ist längst alles anständig geworden, auch brutalstmögliche Einbrüche bei Aktien, die man einst der Witwe mit ihren Waisen anempfohlen hätte.

Daimler nun federt alles ein wenig ab durch eine nicht gering zu schätzende Dividende. Mit 3,25 Euro liegt diese zwar unter der des Vorjahres, liefert aber immer noch eine Dividendenrendite von rund sechs Prozent. Man muss nicht, darf aber auf die Nullrenditen zahlloser anderer Anlageformen verweisen – aktuell müssen die Käufer von Anleihen des Bundes Geld mitbringen für die Ehre der Inhaberschaft. Finanzexperten haben jüngst ausgerechnet, dass Daimler – aufgrund der Schwankungen der letzten Monate variiert die Zahl natürlich – seit dreißig Jahren gar nicht mal so sehr im Kurs zugelegt hat, aufgrund der regelmäßigen Dividendenzahlungen jedoch dem Anleger eine jährliche Bruttorendite von mehr als acht Prozent beschert. Zieht man Steuern und den Einkauf von Schokolade zur Nervenberuhigung ab, bleibt ein Ertrag im guten Mittelfeld. Und – es könnte ja immerhin sein, dass Daimler gerade mal wieder auf einen Erfolgspfad eingebogen ist.

Die neuerliche Expansion nach Russland mag mit der Eröffnung des Werkes dort vor wenigen Tagen ein kleineres Symbol mit vielleicht großer Symbolwirkung sein – man warte es ab. Aber die jüngst zwar in Teilen etwas zurückgenommene, dennoch ernstgemeinte Plattform-Kooperation mit BMW deutet in die richtige Richtung: Die Herausforderung sind die Märkte der Welt, nicht die Vorherrschaft entweder Stuttgarts oder Münchens. Nun als jüngster Streich die Grundsteinlegung für das werkseigene Batteriewerk in Untertürkheim. Am ehrwürdigen Stammsitz wird für eine Technologie gearbeitet, die in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts einmal Gegenstand heftiger Versuche war und aufgegeben wurde. Kritiker sagen, dass zum einen die Batterien seitdem nur marginale Wirkungsgrad-Erfolge feiern konnten. Und zudem fast überall auf der Welt günstiger hergestellt werden könnten als ausgerechnet im Hochlohn-Gebiet Baden-Württemberg.

Die Optimisten vermuten eher, dass die Daimler-Führung sich etwas dabei gedacht hat, ein As in beiden Ärmeln versteckt und halt weiß, was sie tut. Es ist ja beileibe nicht das erste Batteriewerk, und als Mischkalkulation könnte es am Ende ganz gut aussehen, wenn man die Fabriken in Sachsen und in der weiten Welt einrechnet. Die eigentlichen Batteriezellen kauft man ohnehin zu. Die Börse brachte das alles in der vergangenen Woche nicht aus der Ruhe – wohl aber den Betriebsrat. Vor dem verständlichen Hintergrund der Tatsache, dass für die E-Autos weit weniger Arbeitskräfte gebraucht werden als für Verbrenner, warnte Betriebsratsvorsitzender Michael Häberle vor einseitiger Konzentration auf die Elektrowelle.

Womöglich ist der Arbeitnehmervertreter da hell- und weitsichtig: Es ist zu hoffen, dass die deutschen Autobauer bei wahrhaften Zukunftstechnologien nicht schlafengehen. Batterie kann (fast) jeder, Wasserstoff kaum jemand, und während Politiker gewisser Provenienz schon glauben, heute Entscheidungen für das Jahr 2050 treffen zu können, schlummern weltweit bereits Technikdurchbrüche, die manchen Grünen rotwerden lassen könnten, Stichwort Kernfusion. Wenn man das technische Überraschungstempo der letzten Jahrzehnte betrachtet, dann kann es eigentlich gar nicht sein, dass in den nächsten dreißig nichts kommt als bessere Batterien. Zum Glück ist die Politik nicht auch noch für Überraschungen und Durchbrüche zuständig.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Reinhard Schlieker: Der Goldesel liefert nicht mehr

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