Konjunktur vor dem Abflug – und Bayer erst!

von Reinhard Schlieker3.04.2019Wirtschaft

Ein Rettungsweg für den Bayer-Konzern wäre sicherlich die Einführung eines Produkts, das Blockbuster-Qualitäten hat und geeignet ist, alle Kosten des Glyphosat-Debakels vergessen zu machen. Ein derartiges Wunderwerk ist der Öffentlichkeit zumindest bislang unbekannt. Und bis auf Weiteres bleibt Bayer nur etwas für hartgesottene Spekulanten.

Der Aufschwung macht sich aus dem Staub, schüttelt selbigen aus den Kleidern und wird bald nicht mehr zu sehen sein. Gemächlich vorerst geht es bergab, auch im erfolgsverwöhnten Deutschland. Wer sich die Umfrage- und Forschungsdaten ansieht, seien sie nun vom Sachverständigenrat oder dem ifo-Institut, dem ZEW oder den Industrie- und Handelskammern, kann bestenfalls auf eine Erholung ab dem dritten Quartal hoffen. Vorher droht sogar eine „technische Rezession“. Allein die Börsianer halten noch die Stellung und lassen den Dax nicht im Stich. Was eigentlich nur mit starker Voraussicht und Phantasie zu erklären ist, offenbar sieht man an den Kapitalmärkten weit in die Zukunft. Oder ist bei einem Dax-Stand von etwa 11.500 Punkten einigermaßen sicher, dass alles Schlechte eingepreist ist. So eine Vermutung könnte zutreffen, wenn man sich als Indiz die Bayer-Aktie in der vergangenen Woche ansieht.

Die 80 Millionen Dollar, die dem Kläger gegen Monsanto in den USA zugesprochen wurden, sind zwar noch längst nicht zur Auszahlung fällig, denn was wäre ein ordentlicher Gerichtsweg ohne jahrelangen Verlauf. Etwa 12.000 Benutzer des Unkrautvernichters „Roundup“ („Treibt sie zusammen“), der das verdächtige Wirkmittel Glyphosat prominent enthält, haben bislang Klagen eingereicht, da sie ihre Gesundheit insbesondere durch Krebserkrankungen gefährdet sehen.

In den USA ist auch das nun eine erhebliche Anzahl. Entschädigungszahlungen in der gesehenen Höhe an all diese Kläger würde Bayer nicht überleben. Schon jetzt bringt Bayer an der Börse nicht mehr auf die Waage als damals die Übernahme von Monsanto gekostet hat, die Aktie ist in der Mitte der Fünfziger genau genommen billig; es wird schon von der traditionsreichen Aspirin-Firma als einem Übernahmekandidaten gesprochen. Wer immer das sein sollte, er würde wie beim Roulette auf rot oder schwarz setzen: Bei einem für Bayer vorteilhaften Ausgang der Glyphosat-Klagen wäre dieses Unternehmen plötzlich ein Vielfaches wert. Im unguten Ernstfall droht die Pleite.

Von daher kaum verwunderlich, dass noch keine Branchenwettbewerber oder Finanzinvestor erkennbar vorstellig geworden ist. Was andere Unternehmen aus dem Verfahren jetzt schon lernen können: Geschworenengerichte in den USA entscheiden notfalls völlig unbeeindruckt von wissenschaftlichen Fakten. Es geht um Stimmungen und Gefühle, und die Performance vor Gericht. Bayer wird es weiter versuchen, die Vorwürfe zu entkräften, allerdings wirken die beiden Begriffe „Chemie“ und „krebserregend“ zusammen wahrhaft unwiderstehlich. Selbst wenn man nachweisen könnte, dass bei Beachtung der Anwendervorschriften keine Gefahr droht – irgendein Fall wird immer auftauchen, bei dem man eine Glyphosat-induzierte Erkrankung zumindest nicht ausschließen kann.

Das macht das Ganze vor Geschworenen wirklich zum Roulette. Ein Rettungsweg für den Bayer-Konzern wäre sicherlich die Einführung eines Produkts, das Blockbuster-Qualitäten hat und geeignet ist, alle Kosten des Glyphosat-Debakels vergessen zu machen. Ein derartiges Wunderwerk ist der Öffentlichkeit zumindest bislang unbekannt. Und bis auf Weiteres bleibt Bayer, statt wie einst ein bombensicherer Dax-Wert zu sein, nur etwas für hartgesottene Spekulanten.

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