China ist längst weiter

von Reinhard Schlieker15.03.2019Europa, Wirtschaft

China kann auf die Wiederkehr seiner alten Herrschaft warten, solange man sie für unausweichlich kommend hält. Der Zustand eines kleinteilig verwickelten Europa und eines illusionär verblendeten Amerika erfordert gar nicht so viel chinesische Anstrengung, denn hierzulande erledigt man sich schon fast ganz allein.

Europäische Unternehmen denken in Geschäftsjahren, manchmal gar in Quartalen – in den angelsächsischen Ländern ohnehin; an den Börsen herrscht der Sekundentakt und den internationalen Finanzmärkten geht es teils um räumliche Nähe zu den Handelszentren, damit ihre Datenkabel ein wenig kürzer sein können als die der Konkurrenz, denn es geht um Hunderttausendstel Sekunden beim Geschäft. Tunnelblick ist gar kein Ausdruck. Kein Kontinent allerdings ohne chinesisches Business. Den Mond einmal (vorerst) beiseite gelassen, hat China seine staatlich-kapitalistischen Mischformen über die Welt verbreitet, ebenso wie Angst und Schrecken bei manchen Politikern, denen die heraufziehende Dominanz übel aufstößt, ohne dass sie wirksam oder gar rechtzeitig eine Strategie hierzu entwickelt hätten.

Den Großen des englischsprachigen Raums fiel etwa zur Expansion des Technologiekonzerns Huawei erst einmal nichts anderes ein als der Ausschluss von sensitiven Netzen und Installationen. Die USA, Kanada, Australien und auch Großbritannien wie Neuseeland setzen den geheimnisvollen Funkern aus Shenzhen Verbote und Misstrauensvoten entgegen, wobei man aufgrund der Geografie den Australiern und Neuseeländern einen Wissensvorsprung einräumen sollte, was chinesische Ambitionen angeht. Es ist ein durchaus zweischneidiges Schwert, das man da irgendwie zu handhaben hat. Denn der Expansionsdrang Chinas stößt auf ebenso viel mulmige Gefühle wie die eher entgegengesetzte Nachricht über einen Rückgang der Wirtschaftsleistung im Reich der Mitte. Das ist nun auch wieder nicht recht, beeinflusst es doch die Aussichten der europäischen und amerikanischen Exporteure negativ.

Daraus erklärt sich auch, dass in Deutschland sehr zwiespältige Gefühle vorherrschen, wenn es um China geht: Man kann und will zum Beispiel Huawei, den Konzern, der hierzulande längst viel mehr als nur ein Standbein auf dem Boden hat, nicht vollends vergrätzen – die Reaktion könnte bei Daimler und BMW, bei Kuka und Siemens ankommen und eher unerfreulich sein. Das zusammen mit einem Rückgang der chinesischen Konjunktur könnte sich in der Wirtschaftsstatistik Deutschlands bemerkbar machen, die ohnehin nach den bereits amtlich festgestellten „fetten Jahren“ gerade an den Rändern ausfranst und ehrgeizige staatliche Bauten, wie etwa Wolkenkuckucksheime, zum Bröseln bringen könnte. Dergestalt also die Alltagssorgen – die am Wesen der chinesischen Expansion allerdings vollends vorbeigehen. Ein Blick in die Geschichte ist zwar im Börsenhandel ebenso wie in der Politik unbegreiflicherweise geringgeschätzt, hilft aber ungemein. Denn China zu verstehen, ist historisch gesehen nicht so entsetzlich schwer wie man es in der Alten Welt annimmt. Zumindest Motivforschung wird so möglich und nutzbringend. China denkt in Jahrhunderten, mindestens. Sekundenbruchteile sind da völlig irrelevant. Das Reich überdauerte Jahrtausende – und wurde seit 1368 bis 1912 von nur zwei Dynastien geprägt und beherrscht: Die Ming, bis zum Jahre 1643, und die Mandschu-Dynastie in den Jahrhunderten danach. Die Kontinuität beinhaltete kulturelle und teil politische Hegemonie über Ländereien, gegen die Europa ein Zwerg war und ist.

Die Seidenstraße war Chinas Herrschaftslinie, und erst im zwanzigsten Jahrhundert folgte ein Niedergang, der allerdings in der chinesischen Geschichte als vorübergehende Episode beschrieben wird. Schon mit dem Menschenschinder und Massenschlächter Mao Tse Tung, wobei die chinesischen Kaiser ebenfalls nicht durch milde Sitten aufgefallen waren, beschreibt die Erholungskurve leise ihre erste Bahn, den Millionen Toten und Verwüstungen zum Trotz. Was China seitdem an Entwicklung geliefert hat, baut auf dem kollektiven Gedächtnis auf – es ist nur die Fortsetzung des Alten Reiches mit neuen Mitteln. Natürlich passt man sich dem modernen Takt an, ist allerdings von kurzfristigen Erfolgen völlig unabhängig. Viele Aktivitäten weltweit finden sogar unterhalb des Radars der westlichen Gesellschaften statt. Beispiel Afrika: In Ruanda bauen chinesische Firmen unverdrossen Überlandstraßen, ein „Geschenk des chinesischen Volkes an das ruandische Volk“.

Dass die ersten Fahrbahnen schon wieder krümelig werden, während anderswo noch gebaut wird – egal, besser als Lehmpisten allemal; und zum Beispiel deutsche Entwicklungshilfe dagegen mit Bürokratie vom Feinsten, inklusive TÜV für jedes Projekt und hundertseitigen Dokumentationen und Formularen von Sozialstandards bis Arbeitsschutz – das ist eine Sorte Geschenk, das genommen – und eher ignoriert wird.

In Namibia baut China, mit eigenen Leuten natürlich, eines der größten Containerterminals Westafrikas. Man darf erwarten, dass die dort umgeschlagenen Container aus Asien stammen werden. Nur die Finanzmärkte also reagierten unlängst verschnupft, als das Vorankommen von solchen Internetriesen wie Baidu oder Alibaba einen Schatten bekam, und der alljährliche Volkskongress trotz würdiger Inszenierung nur ein mäßiges Fünf-Prozent-Wachstum bestätigen wollte. Vor dynastischen Zeiträumen ist das alles nur ein Hauch der Geschichte. China kann auf die Wiederkehr seiner alten Herrschaft warten, solange man sie für unausweichlich kommend hält. Der Zustand eines kleinteilig verwickelten Europa und eines illusionär verblendeten Amerika erfordert gar nicht so viel chinesische Anstrengung, denn hierzulande erledigt man sich schon fast ganz allein.

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