China zwischen Traum und Alptraum

von Reinhard Schlieker24.01.2019Wirtschaft

Dass die Weltbörsen am Freitag zu einer deutlichen Erholung aufbrachen, obwohl zum Beispiel in Europa das Brexit-Chaos einer Lösung nicht nennenswert nähergekommen ist, hat man diesmal China (und den USA) zu verdanken. Warum, erklärt Reinhard Schlieker

Der amerikanische Finanzminister Mnuchin soll die Aufhebung von Importzöllen gegenüber China ventiliert haben. Das allein reichte schon für den Börsenaufschwung. Man könnte davon träumen, wie sich wohl ein völliges Ende der Handelsstreitigkeiten zwischen den beiden Machtblöcken auswirken würde, und dazu vielleicht noch ein Verbleib der Briten in der Europäischen Union…

In Wirklichkeit ist noch nichts entschieden, und falls die eher erratische amerikanische Wirtschaftspolitik wieder umschwenkt, dürften die hübschen Gewinne auch recht schnell wieder verschwinden. China selbst sieht die eigene Wirtschaftskraft momentan eher als einen Alptraum: Das Wachstum geht zurück – einbrechender Außenhandel inklusive. Das Bruttoinlandsprodukt dürfte in diesem Jahr noch um sechs Prozent wachsen – für das Riesenreich ist das kein schöner Wert, denn noch immer befindet sich China auf einem niedrigen Niveau. Während etwa in Europa ein solches Wachstum eine völlige Überhitzung bedeuten würde, ist es für ein Schwellenland in seiner Aufholjagd einfach zu wenig.

Auch die Vereinigten Staaten können kein Interesse an einem schwächelnden China haben, denn die Exporte dorthin sind auch für Amerika eine wichtige Einnahmequelle, selbst wenn man berücksichtigt, dass die USA für rund 400 Milliarden Dollar mehr Güter aus China beziehen als sie dorthin exportieren. Dennoch – ein Ende der größten Sanktionen, und als solche wirken ja Zölle, könnte Chinas Wirtschaft stabilisieren.

Vorerst versuchen die Europäer, in die Lücke vorzustoßen. Bei der jetzigen Reise von Bundesfinanzminister und Vizekanzler Olaf Scholz nach Peking wurden zum Beispiel enger Beziehungen auf dem Finanzsektor vereinbart: Dazu gehört die Zusammenarbeit der Bankenaufsichtsbehörden in Deutschland und in China, Grundlage für eine Öffnung des stark abgeschotteten Bankenwesens in China; umgekehrt erhoffen sich die Chinesen weniger Regulierung für ihre Auslandsniederlassungen. Ein zugänglicher Finanzmarkt dürfte auch für die deutsche Exportindustrie eine gute Nachricht sein, denn in diesen Kreisen baut man trotz des künftig etwas geringeren Wachstums auf Expansion, und Finanzdienstleistungen sind hierfür die Voraussetzung. Sicherlich werden die Vorstöße in Washington zur Kenntnis genommen, denn der von Europa propagierte Multilateralismus konterkariert des Konzept von US-Präsident Donald Trump, der in seinem „America first“ den richtigen Weg sieht – Abschottung des eigenen Marktes, heißt das in der Praxis.

Demgegenüber lässt sich der Praxisbeweis führen, dass Kooperation am Ende segensreicher für alle Beteiligten ist. Ungelöst sind aber nach wie vor viele Fragen im Zusammenhang mit geistigem Eigentum, ein Kauerschauplatz von Auseinandersetzungen deutscher Firmen mit chinesischen „Kopierwerken“. Noch hat man keinen Weg gefunden, China von der Einhaltung der in Europa gewohnten Standards zu überzeugen. Mehr Einfluss zu gewinnen, das ist nun die Hoffnung der Europäer, solange sich die USA im Handelsstreit selbst isolieren. Hoffen darf man ja.

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