Das Web 2.0 wird bald Geschichte sein. Ansgar Heveling

Amazon bleibt gefährlich

Amazon bleibt gefährlich. Auch der jüngste Absturz der Technologie-Aktien an der NASDAQ und den Börsen weltweit kann den Branchenführer nicht erschüttern. Aber – welche Branche eigentlich?

Amazon bedient Kundenwünsche mittlerweile zu Lande, zu Wasser und in der Luft, experimentiert mit Drohnen, kauft Bioläden, verkauft Bücher und alles, was man überhaupt an beweglichen Gütern verkaufen kann – zum großen Teil über selbstständige Händler auf seiner Plattform. Gewinn wirft vor allem das Cloud-Geschäft ab, bei Amazon lagern Milliarden Datensätze aus aller Welt.

Böse Zungen nennen den Internet-Konzern eine Krake. Aber – so viele Arme hat kein Wasserwesen, wie Amazon Ausläufer aufweist. Und die dauernde Expansion des ehemaligen Bücherversenders ist auch nötig. Denn trotz seiner Marktmacht droht Amazon gewichtige Konkurrenz: Der chinesische Rivale Alibaba steht erst am Anfang seiner Laufbahn und macht dem amerikanischen Riesen dennoch schon Konkurrenz. Im belgischen Lüttich baut Alibaba sein europäisches Drehkreuz auf. Das soll angeblich vor allem dazu dienen, europäische Güter nach China zu verschiffen – aber nach aller Erfahrung ist der umgekehrte Weg derzeit erheblich attraktiver. Jedenfalls baut Alibaba an einer internationalen Handelsplattform – Firmengründer Jack Ma hat dafür den nötigen Rückhalt in der chinesischen Politik.

Alles, was nach Seidenstraße aussieht, und sei es eben digital, wird in Peking gefördert. Und so bastelt Alibaba an einer Handelsplattform, die Hersteller und Kunden direkt zusammenbringt, ohne Zwischenhändler, ohne viel Federlesens. Seinen asiatischen Stützpunkt hat Alibaba in Kuala Lumpur, seinen afrikanischen in Ruanda. Das afrikanische Vorzeigeland ist mit der Digitalisierung weit fortgeschritten, es hat Verträge mit praktisch allen bedeutenden Unternehmen der neuen elektronischen Welt – China ist dort ohnehin aktiv beim Ausbau der Infrastruktur. Alibaba dürfte sich da wohlfühlen. Und wird in atemberaubenden Tempo zum Disruptor der Disruptoren. Amazon als Platzhirsch dürfte das nicht gefallen. Zumal Alibaba plant, Waren binnen 72 Stunden weltweit an den Kunden zu bringen.

Das kann Amazon zwar noch toppen, aber wie lange noch? In den deutschen Ballungsräumen immerhin versendet Amazon ausgewählte Waren am Bestelltag – da kann es mitunter vorkommen, dass man sein Paket in etwa innerhalb der Zeitspanne erhält, die man auch gebraucht hätte, um zum Buchladen in der Innenstadt zu fahren. Wer bei diesem Elefantenduell das Nachsehen hat, ist natürlich nach wie vor klar: Der stationäre Einzelhandel. Wer sich dort nicht nolens, volens auf die Plattformen der Großen begibt, sieht einer düsteren Zukunft entgegen. Die Verödung der Innenstädte ist seit Jahren mit Händen zu greifen – ebenso lange sucht die Politik ein Mittel dagegen und findet es nicht. Derweil ist Amazon in Gebiete vorgedrungen, wo man es nicht erwartet hätte. In den USA liefert der Gigant inzwischen auch Medikamente und Klinikbedarf.

Der Expansion sind nur Grenzen durch national Vorschriften gesetzt, die Amazon recht geschickt zu umgehen weiß. Jedenfalls sind Versandapotheken genauso beunruhigt wie Textilläden – ein Rezept gegen den Riesenkraken hat niemand. Wer als kleiner Einzelhändler vor Jahren billig Amazon-Aktien gekauft hat, kann sich je nach Anlagesummer ganz geruhsam in die Rente verabschieden. Den anderen, und das ist wohl die Mehrheit, bleibt heute nur der Abwehrkampf.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Reinhard Schlieker: Der Goldesel liefert nicht mehr

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