20 Jahre – und immer noch fremd

von Reinhard Schlieker30.12.2018Innenpolitik, Wirtschaft

Die europäische Gemeinschaftswährung hat Geburtstag – 20 Jahre gibt es den Euro schon, aber es scheint, als hätten sich viele Europäer noch nicht mit ihm angefreundet. Als es losging am 1. Januar 1999, waren die Skeptiker wohl in der Überzahl. Von Reinhard Schlieker.

Der damalige Chefvolkswirt der neuen Europäischen Zentralbank, Otmar Issing, verweist heute auf die damals schon vorhandene Sorge, dass der Start der neuen Währung mit zu vielen Mitgliedern vonstatten ging. Zu unterschiedlich seien die Volkswirtschaften gewesen, und dies ist bis heute eine schwere Bürde für den Euro. Aus politischen Gründen wäre es jedoch undenkbar gewesen, das EU-Gründungsmitglied Italien zum Beispiel auszuschließen. Und so wurde das neue Geld – zunächst nur als elektronische Rechnungseinheit – für elf Staaten gesetzliches Zahlungsmittel; die Union hatte damals 15 Mitglieder.

Die krumme Nummer von 1,95583 Deutsche Mark für einen Euro blieb noch lange ein Anhaltspunkt der Konsumenten – bis heute rechnet mancher im Geiste um, wenn er einkauft, obwohl durch Inflation und andere Preisentwicklungen heute eher eins zu eins angemessen wäre: Löhne und Gehälter etwa haben längst den nominalen D-Mark-Stand von 1999 erreicht.

Viele Produkte sind billiger geworden – vor allem im Bereich der Unterhaltungselektronik. Für die exportorientierte deutsche Wirtschaft, die zu 60 Prozent in den europäischen Währungsraum liefert, erwies sich der Euro schnell als Kostensenker: Weder mussten Umrechnungsaufwendungen getätigt werden, noch teure Absicherungsgeschäfte. Dennoch – das Wort des Jahres 2002 wurde der „Teuro“. Die Verbraucher ließen sich mehrheitlich nicht von dem Verdacht abbringen, dass mancher die Währungsumstellung zu kräftigen Preiserhöhungen genutzt habe, allen Statistiken zum Trotz: Die durchschnittliche Inflationsrate der 20 Jahre liegt bei 1,7 Prozent – damit ist der Euro deutlich stabiler als es die Deutsche Mark war.

Dennoch sagen laut einer neuen Umfrage nur 70 Prozent der Befragten, der Euro sei gut für Deutschland. Zu dem Gefühl trägt sicherlich der Geburtsfehler der Gemeinschaftswährung bei: Ein einheitliches Geld für alle, aber keine gemeinsame Wirtschafts- und Finanzpolitik. Das war maßgeblich ein Faktor bei der Griechenland-Krise und ist es heute etwa mit Blick auf Italien. In den nördlicheren Euroländern aber herrscht große Skepsis gegenüber einer engeren Verzahnung oder gar der Einrichtung eines europäischen Finanzministeriums.

Mit Frankreich angefangen wünschen die südlichen Länder mehr Integration, und schielen vermutlich auf Ausgleichszahlungen der reicheren Nachbarn. In Deutschland ist nicht zu vergessen, dass die Partei AfD ihre Erfolge der Ablehnung des Euro verdanken dürfte – das war jedenfalls die Gründungsidee der rechten Protestpartei. Ähnliche Bewegungen gibt es inzwischen in vielen Euroländern, vornehmlich in Italien und Griechenland. Damit erweist sich der Euro keinesfalls als einendes Element in Europa, eher im Gegenteil.

Die Gründerväter der Währung, etwa der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl und der französische Staatspräsident Francois Mitterand, hatten sich das anders vorgestellt. Und falls es tatsächlich der Hintergedanke gewesen sein sollte, die starke Deutsche Mark zu schwächen, so ging das Kalkül nicht auf – Deutschland prosperierte weiter und exportierte mehr als je zuvor. Freunde gewinnt man damit eher nicht. Dabei wäre es angesichts der neu aufflammenden Handelskonflikte in aller Welt sicher eine gute Idee, in Europa zusammenzuhalten. Die Gemeinschaftswährung Euro allerdings kann diese Aufgabe nicht übernehmen, da gehört schon ein fundierter politischer Wille dazu.

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