Die Welt im Schuldensumpf

von Reinhard Schlieker12.11.2018Europa, Wirtschaft

Wer glaubt, er sei schuldenfrei, befindet sich selbst mit ausgeglichenem Konto und reichlich vorhandenem Vermögen in einem bedauerlichen Zustand des Irrtums, meint Reinhard Schlieker.

Weltweit versinken Haushalte, Unternehmen und Staaten im Schuldensumpf, und da entfallen riesige Summen auch auf den Einzelnen, ob er nun davon weiß oder nicht. Das ist die Kernthese des ökonomischen Tausendsassas John Mauldin.

Der Texaner war Gast bei beim diesjährigen Anlegertreffen des Investmenthauses Lupus Alpha, wo er, in Kleidung und Habitus ein südstaatliches Überlegenheitsflair verströmend, dem erstaunten Publikum zunächst versicherte, er sei unerschütterlicher Optimist. Das darf er sicher sein, da er als Bestsellerautor mit eigener Analysefirma („Mauldineconomics“) davon ausgehen kann, den auf ihn entfallenden Anteil der weltweiten Verschuldung spielend tragen zu können.

Jedenfalls erläuterte der Optimist sodann ausgreifend und leider schwer widerlegbar, dass angesichts der heutigen Geldpolitik, Wirtschaftspolitik und des Ausgabenverhaltens der Zusammenbruch kommen müsse, nur wisse man nicht, wann. Allerdings stehen die derzeitigen 238 Billionen US-Dollar auf der falschen Seite der Bilanz für eine Enormität, die sich mit menschlichem Verstand nicht mehr erfassen lässt. Vielleicht liegt es daran, dass man vor der schieren Unglaublichkeit steht und, da man ohnehin nicht viel damit anfangen kann, es schulterzuckend eben bleiben lässt.

Die Tendenz ist übrigens steigend. Der Schulden und des Unverständnisses. In Kürze (niemand weiß, in welcher Kürze) werden wohl zunächst Renten und Pensionen unbezahlbar, jedenfalls dann, wenn man hofft, sie in werthaltiger Münze ausgezahlt zu bekommen. Denn die Schulden wachsen schneller als das weltweite Bruttoinlandsprodukt, das hat das Zinssystem so an sich – auch wenn momentan weltweit nur geringe Margen gewährt oder verlangt werden.

Mit steigenden Zinsen dürften dann eines Tages die hohen Preise für Sachgüter stagnieren und zu fallen beginnen, das Vermögen der Anleger schmälern und am Ende in eine Rezession münden. Das wäre dann die Folge des „weltweiten Laborversuchs der Zentralbanken“, so Mauldin, die mit Nullzinsen eben die Finanzschwäche zu kaschieren suchten, die unauslöschlicher Grund für mangelnden Handlungsspielraum zahlreicher Staaten sei.
Die wiederum werden mit umhervagabundierendem Geld zugeschüttet, so dass ein hinreichender Anreiz für Schuldenabbau beim besten Willen nicht sinnvoll erscheint. Wer will den Staatsbürgern, zumal in Schwellen- und Entwicklungsländern, Einschnitte zumuten, wenn das Geld auf der Straße liegt?

In dreißig Jahren allerdings, so rechnet Mauldin, wird allein Deutschland 80 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts an Steuern und Abgaben einziehen müssen, um die bereits versprochenen Renten, Pensionen und die Gesundheitsversorgung zu bezahlen. Der Schuldenzug, nicht zu verwechseln mit einem ähnlich klingenden Zug, der schon letztes Jahr entgleiste, rast da offenbar auf eine Wand zu und hat nicht einmal Sitzgurte. Die kaum widerlegbare Logik: Bei ansteigenden Zinsen geraten zahlreich Unternehmen und Privathaushalte in Zahlungsnöte, was wiederum die Banken zu restriktiver Kreditvergabe zwingt. Dies bringt dann auch eigentlich gesunde Unternehmen in Bedrängnis, denn in Deutschland vor allem finanzieren sich diese zu 75 Prozent über Bankkredite und nicht Anleihen oder Aktien (deren Eigner im Krisenfall eben ihre Verluste schultern müssten, was aber den Bankensektor nicht ins Straucheln brächte).

Anschließend rationalisieren die Unternehmen und automatisieren, was sie nur können, um Kosten zu sparen. Spätestens da steigt die Arbeitslosigkeit in unannehmbare Höhen und politische Verwerfungen dürften die Folge sein.

Am Ende steht der „Große Neustart“, den man sich nicht zu angenehm ausmalen sollte – vor allem dann nicht, wenn man Geldgeber (also Anleger) oder Inhaber von Rentenansprüchen ist, also praktisch jeder. Die Lage ist ernst, aber hoffnungslos. John Mauldin, der Optimist, glaubt jedenfalls, dass in einer derart verzweifelten Lage neue Chancen und Startups geradezu in ihre Existenz gezwungen werden.

Und dass man eine heute undenkbare, völlig verrückte Politik machen wird („sehen Sie sich doch die heutige EZB-Politik an“). Das Undenkbare von vor dreißig Jahren ist die unglaubliche heute real existierende Weltverfassung, also darf man vom Jahr 2050 gefälligst auch etwas Phantastisches erwarten. Wird man wohl müssen, als Insasse im Schuldenzug.

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