Bayers Abstieg in die Unterwelt

von Reinhard Schlieker4.11.2018Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Wirtschaft

Für den Bayer-Chef muss es gewesen sein, als säße er im falschen Film vorgekommen sein, als das Urteil im ersten Monsanto-Glyphosat-Prozess fiel: Zwar senkte die Richterin in den USA die Millionensumme an Schadensersatz und Strafzahlung. Aber den Prozess neu aufzurollen vermochte sie nicht. Und fast 8.700 Fälle solcher stehen zur Entscheidung an.

Bayer kämpft tapfer weiter. Werner Baumann versucht, den Flächenbrand zu löschen – aber die Feuerfronten mehren sich rasch. In jedem einzelnen Verfahren geht es darum, den Unkrautvernichter mit Krankheitsfällen der Anwender in Verbindung zu bringen. Im jetzt entschiedenen Prozess hatte der Arbeiter monatlich Glyphosat ausgebracht – viel zu häufig also, wenn man nach der Anwendungsanleitung geht. Ein grober Fehler oder gar Vorsatz des Herstellers liegt demanch nicht vor.

Seine Krebserkrankung will der Kläger Dwayne Johnson als Folge des Glyphosateinsatzes betrachtet wissen – was ihm gelang, indem das Gericht die Erklärung der Weltgesundheitsorganisation WHO, Glyphosat sei möglicherweise krebserregend, für bare Münze nahm, die Möglichkeit also ohne wissenschaftlichen Beleg zum Faktum erhob. Das ist mutig, vorsichtig gesprochen. Es existieren keine Studien, die solch einen Zusammenhang nachgewiesen hätten.

Bayer-Chef Baumann äußerte sich in der abgelaufenen Woche in St. Louis, dem Sitz von Monsanto, dennoch zuversichtlich, was die Strategie des Unternehmens betrifft. Von einer Aufspaltung Bayers, den Börsengang etwa des Tiergesundheitsgeschäfts, wollte er nichts wissen. Dabei wäre so ein Schritt gut geeignet, den riesigen Schuldenberg das Unternehmens etwas abzutragen. Was den Fall des krebskranken Klägers Dwayne Johnson angeht, kündigte der Bayer-Chef Berufung durch alle Instanzen an. Man werde die tausende Klagen stets abwehren – nur wenn die Kosten der Verteidigung höher wären als eine Vergleichszahlung, werde man diese vorziehen.

Diese Ankündigung wirft ein Licht auf die US-Rechtsprechung: Obwohl Bayer davon überzeugt ist, der Unkrautvernichter bedeute kein Krebsrisiko, würde man notfalls sich vergleichen – als indirekt dann doch anerkennen, was man besser zu wissen glaubt: eine potentiell tödliche Gefahr des Glyphosats. Aber soweit sollte es gar nicht kommen, argumentiert Baumann. Im ersten Prozess um den Unkrautvernichter konnte Bayer noch nicht selbst eingreifen, denn die Monsanto-Übernahme war noch nicht amtlich abgeschlossen. Nun aber will Bayer mit einer eigenen Strategie vor die Richter treten.

Indirekt kritisiert Baumann mit seiner neuen Offensiv-Strategie die Prozessführung der Monsanto-Anwälte. Bayer habe als Gesundheitskonzern viel mehr Erfahrung mit solchen Prozessen als der reine Agrarkonzern Monsanto. In der Tat: Wegen des Blutgerinnungshemmers Xarelto sieht sich Bayer 20.000 Klagen gegenüber. Man könnte meinen, Bayer sei eine riesige Anwaltskanzlei mit angeschlossener Pharma-Abteilung. Die Börse nimmt es jedenfalls nicht gerade gelassen auf: Immer wieder sackt der Bayer-Kurs ab, zuletzt notierte die Aktie bei gut 70 Euro – etwa die Hälfte des Wertes von 2015.

Die Bayer-Aktie bei 140 Euro, wie im Frühjahr 2015? Solche Höhen dürfte das Papier so schnell nicht wieder sehen, jedenfalls nicht, solange der 63-Milliarden-Dollar-Kauf von Monsanto keinen Ergebnisbeitrag, dafür aber Negativschlagzeilen liefert. In mancherlei Hinsicht fällt den aufmerksamen Beobachter die ein oder andere „Hochzeit im Himmel“ ein. Zm Beispiel die von Daimler und Chrysler zu Daimlerchrysler – geradewegs in die Unterwelt führte sie. Bayers Baumann solle gewarnt sein.

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