Das Schwein ist längst geschlachtet

Reinhard Schlieker21.10.2018Gesellschaft & Kultur, Wirtschaft

Der höchste Feiertag des deutschen Sparkassenwesens lockt nach wie vor junge Kunden in die Filialen – jedesmal Ende Oktober, sinnfälligerweise in gewissem Abstand zum weihnachtlichen Geschenke-Kaufrausch, der so manches Sparguthaben eher aufzehrt als befüllt. Der Vermarktung des rituellen Geldtages stehen inzwischen allerdings handfeste Hindernisse entgegen und stoßen sich hart im Raum.

Der größte Block, der dem Gedanken des Weltspartages im Weg steht, ist sicher ein Gebilde namens EZB, aber wie soll man das den Kindern erklären, die ihre gesparten Münzen in die Filiale der Sparkasse ihres Vertrauens bringen wollen? Dass sie ihr Geld in ein paar Jahren nominal unverändert wieder abholen können? Nur eben inflationär reichlich geschrumpft? Das wird die jungen Sparer nicht davon überzeugen, dass etwas auf der hohen Kante sich lohnt. Vorausgesetzt überhaupt, dass sie eine Bankfiliale finden, die in erreichbarer Entfernung das segensreiche Geschäft des Geldvermehrens betreibt und die werte Kundschaft zuvorkommend begrüßt, so wie kein Geldautomat je wird lächeln können. Man erkläre den Kindern sodann, dass der nicht eintreffende Lohn etwas mit so Sachen wie Sorgen um Italien zu tun hat und bediene sich überzeugender Argumente, denn die lieben Kleinen waren zumeist schon am Gardasee und fanden ihn reichlich ungetrübt, und überhaupt, das Vanille-Eis bei Giorgio…

Dass man das meiste, was mit Geld zu tun hat, nicht einmal sehen oder gar anfassen kann, begreift der junge Mensch behutsam, sobald man ihm eine der beliebten Jugend-Prepaid-Debitkarten überreicht, die das Taschengeld enthalten, ohne dass man es zählen muss; das macht die Point-of-Sale-Kasse völlig selbsttätig und neuerdings berührungslos. Gekaufte Märkchen in kleine Hefte kleben, die eine DM-Marke in braun, die 20-Pfennig-Marke in billigem blau – so sah das mal aus, und im Oktober war das Heftchen voll und stellte für den Krösus auf dem Schulhof einen Gegenwert von 20 Mark aus, zum größten Teil selbst verdient durch geschickten Tausch und Verkauf von Winnetou- oder Fußballbildchen, saisonal verschieden. Da war selbst Mario Draghi noch ganz Kind und tollte vermutlich im zwar ebenso finanziell luderhaften Italien herum, wie man es heute vorfindet, aber damals konnte man immerhin die Lira floaten lassen.

Jedenfalls plagen die Kids von einst, so sie im Finanzgewerbe gelandet sind, heute ganz aktuell die Sorgen um den römischen Staatshaushalt, der soeben von der EU in Brüssel mit Abscheu und Empörung betrachtet und mit ganz spitzen Fingern zurückgegeben wurde: In diesem Werk steckt alles, was ein längst fast vergessener Stabilitätspakt unter Freunden vermeiden wollte. Zum Wochenschluss bemächtigte sich ein Gefühl von Verlorensein der internationalen Anleger, die von italienischen Aktien und Anleihen nicht mehr viel halten und dem Vernehmen nach nicht einmal bereit waren, ihre ja doch werthaltigen Papiere über das Wochenende zu halten. Derlei Bewandtnis hatte es, man erinnert sich, mit allen möglichen Titeln und Anrechten in der berüchtigten Finanzkrise, wo jeder gleichzeitig durch den viel zu engen Ausgang wollte.

Aber Italien ist nur eine Sorge: Die nicht ganz gut berechenbare Haltung der amerikanischen Notenbank, die sich bekanntlich auf dem Zinspfad befindet, dessen nächste Biegung niemand überblicken kann, droht mit Überraschungen. Und dann ist da natürlich noch der Brexit, den jeder vernünftige Sparer gern in einen Italexit umtauschen würde, gäbe es denn ein Recht dazu. Die deutsche Industrie auf breiter Front sieht ihre Ersparnisse, gar künftige Erlöse, um einen überaus bedrückenden Teil geschmälert, sollten plötzlich Zollgitter hochfahren und Schranken sich senken hinter dem Kanal. Von Hamsterkäufen einiger Zuliefer- und Ersatzteilbetriebe wird nicht mehr nur gemunkelt und die Verhandlungen in Brüssel, soweit man diesen Austausch unvereinbarer Ideen so bezeichnen will, sind weit eher furcht- als vertraueneinflößend. Zumindest, wenn man sie aus gesundem Abstand betrachtet. Wie es da gerade steht, verrät die DAX-Tabelle zum Wochenschluss, wobei der Weg des Index am Freitag interessanter aussieht als das Ziel.

Zum Glück wurde Abend, und es wurde Nacht, und die Seele kann baumeln bis Montag in der Frühe, sofern man nicht in Tokio oder Shanghai handeln muss oder will. Ein paar Bilanzzahlen stehen ja auch noch aus, die vielleicht besser sind als die bisher gehörten von Fresenius oder SAP. Dem jungen Menschen also kann man tapfere Geisteshaltung und einen Fondssparplan kluger Provenienz empfehlen. Und auf die Zeit bauen, die vorbeigeht, je älter man wird, um so flugtauglicher scheint sie zu sein, denn sich an den Weltspartag alter Sitte erinnern zu können, ist vielleicht ein Privileg, das ebenso fern scheint wie gerade erst vergangen.

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