Der amerikanische Stahltraum

Reinhard Schlieker17.06.2018Außenpolitik, Wirtschaft

Trumps politische Bilanz sieht für seine Wähler, und vermutlich auch für eine erkleckliche Zahl von Nichtwählern, gar nicht schlecht aus. Bei den Wahlen zum Kongress im Spätherbst möchte Trump die Republikaner zu einem fulminanten Sieg führen, auch wenn die Eliten der Republikanischen Partei immer noch fremdeln mit dem seltsamen Präsidenten. Ein verschärfter Handelskrieg käme ihm gerade recht.

Jüngst hat sich Trump einige Erfolge auf seine Fahnen geschrieben – nicht zuletzt die Härte gegenüber der EU, die in Amerikas Mittlerem Westen gut ankommt. Auch wenn man dort nicht überall weiß, was diese EU eigentlich ist. Aber: Man weiß natürlich auch eher nicht – wie in der EU übrigens auch –, was eine Leistungsbilanz ist. Die aber ist entscheidend für die Außenbilanzen eines Staates. Und da liegen die USA mit einem riesigen Überschuss im Rennen. Der Grund ist, dass Dienstleistungen, die hier einfließen, traditionell seit den achtziger Jahren ein Pfund sind, mit dem die USA und übrigens auch Großbritannien wuchern.

Die angelsächsischen Länder haben sich auf den Finanzmarkt und Finanzdienstleistungen verlegt, als damals klar wurde, dass ihre herkömmlichen Industrien vor allem mit Japan nicht mehr Schritt halten konnten. Roboter, Autos, Videorecorder: Immer war ein Honda oder Toyota schon da, als es darum ging, „Hier“ zu rufen. Kontinentaleuropa nahm die Herausforderung an. Die deutsche, italienische und französische Autoindustrie blieb am Leben – Großbritanniens eher nicht. Und wenn nun Donald Trump jene Arbeitsplätze aus den sechziger Jahren wiederherstellen möchte, die vor Honda und Toyota existierten, wird er wohl einen Aha-Moment erleben. Diese Arbeitsplätze sind verloren, und sie bleiben es.

Zölle für Stahleinfuhren oder später auch für Automobile werden den US-Konsumenten nicht abhalten, Toyota oder BMW zu kaufen. Von daher wäre es eine gute Idee, würde die EU ihre Zölle gegenüber Amerika sofort auf null setzen. Dann würde sich in Nullkommanichts erweisen, wie beliebt denn US-Fahrzeuge etwa in der Kundengunst sind. Und wenn die Kunden diese Produkte einfach nicht wollen, dann ist das eben so.

Die Gefechtslage ändert sich täglich. Wenn es nicht bald zu einer Einigung kommt, werden die Europäer Zölle auf Whisky, Jeans und Motorräder erheben. Das sind Nadelstiche, die einen Donald Trump nicht beeindrucken werden, der ja nicht einmal die Leistungsbilanz seines Landes zu Kenntnis zu nehmen bereit ist. Nur eines könnte die USA vermutlich beeindrucken: Zollerhebung auf Digitalprodukte. Das wäre ein empfindlicher Schlag. Aber da Trump die Unternehmen der Westküste ohnehin verachtet, womöglich gar in seinem Sinne. Das Wohlergehen der USA und das Wohlergehen der Europäer scheint bei keinem der Akteure eine besondere Rolle zu spielen.

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