Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen und Gott und dem Evangelium mehr als dem Papst. Hans Küng

Gefährliche Triebe

Was ein US-Präsident an- beziehungsweise ausrichten kann, zeigte sich derzeit an die Börsenkursen europäischer Autohersteller. Die wirre Idee von Donald Trump, das Rad gleichzeitig zurückdrehen und neu erfinden zu können, beschert Verluste in Serie. Ironischerweise besonders betroffen: BMW, bekanntlich größter Exporteur der Vereinigten Staaten für einige Autotypen.

Fragte man die Arbeiter im größten BMW-Werk der Welt – in Spartanburg, USA, wohlgemerkt! – so wären sie von der Zwangsbeglückung durch ihren Präsidenten wohl eher weniger begeistert. Der an Einfällen ebenso reiche Mann wie an Einfalt, stets auf der Suche nach dem klaren Trennstrich zwischen Gut und Böse, hat ein Gesetz aus dem Jahre 1962 ausgegraben, um damit die verhinderten Helden von GM oder Ford wieder ganz nach vorne zu bringen, dorthin, wo technologische Führerschaft reich belohnt wird. Mit bis zu 25 Prozent Zoll will man dann Fremdlinge abschrecken, vor allem die aus Europa, von denen allerdings rund 30 Prozent ihrer in Amerika verkauften Fahrzeuge auch dort hergestellt werden.

Ob der Zoll theoretisch Teile aus dem riesigen Kölner Werk von Ford betreffen würde, ist wohl eine akademische Frage. Bei Vergeltungsmaßnahmen der EU würde es allerdings haarig. Wie man weiß, verkauft ja Chevrolet keine Autos mehr in Deutschland, aber am Zoll kann das nicht gelegen haben. Ebenso wurden die Ingenieure in Detroit sicher nicht durch hereinströmende Billigimporte daran gehindert, solch feine Sachen wie den Airbag oder die GPS-Navigation zu erfinden. Man mag von Tesla halten was man will – forschen tun sie dort. Und das Google-Auto ist zwar noch kein Renner, stammt aber auch aus Kalifornien, zumindest teilweise. Wenn es in Detroit hapert und knirscht, und die per Twitter mit der tollen Nachricht beglückten Autoarbeiter nicht in Jubel ausbrechen ob der Neuigkeit, dass sie nun viel besser arbeiten können dank Trump, dann hat es auch mit freien Konsumentscheidungen der amerikanischen Autokäufer zu tun.

Warum etwa gibt es noch eine deutsche Autoindustrie, wo doch zunächst Japaner und dann Koreaner und demnächst wohl Chinesen ihre Fahrzeuge erst einmal günstiger und zudem noch besser ausgestattet anbieten konnten? Solche Spitzfindigkeiten interessieren den Präsidenten kaum, denn Lernen und Wissen ist seine Sache nicht. In seiner Neigung, überall Verschwörer zu sehen, beim FBI sowieso, aber auch in allen anderen seiner Ansicht nach verseuchten Institutionen jenes Amerika, das er neu zu erfinden droht, wird er schon einen Plan habe, was zu sagen ist, wenn sich herausstellt, dass seine famosen Sofortlösungen nicht die Folgen zeitigen, die er sich erträumt hat. Vermutlich war dann das unfähige Management schuld, und die Washingtoner Bürokratie, dass die Ingenieure im Rust Belt ihre Erfindungsgabe nicht ausleben konnten – Zoll hin oder her.

Nun gut, mit seiner Sprunghaftigkeit kann Trump immensen Schaden anrichten – dass er etablierten Autoindustrien fremder Länder einen Todesstoß versetzen oder sie zumindest um entscheidende Teile ihrer Gewinne bringen könnte, glaubt die Börse zumindest längerfristig nicht. Aber Unruhe stiften und anderen Leuten viel unnütze Arbeit machen, das kann er. Und: In Europa dürften die Konzerne die Brüsseler Bürokratie mindestens ebenso fürchten wie einen losgelassenen US-Präsidenten. Denn die wartet nur darauf, mit Vorschriften und Maßnahmen zum Wohle aller munter gegenzuhalten. Und das ist wohl wahrlich ein Grund, sich zu ängstigen.

Dise Kolumne erschien zuerst in Ihrer BÖRSE am Sonntag.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Reinhard Schlieker: Rosenkrieg in Virtuell-Amazonien

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