Deutschland sollte seine Hausaufgaben machen. Viviane Reding

Das griechische Rätsel

Der Nordosten Kretas gilt als wohlhabend. In der Bucht von Elounda zum Beispiel reihen sich die besten Hotels der Insel um eine idyllische Bucht, die Dörfer ringsum sind touristisch geprägt oder „ursprünglich“, zerfallende Mauern und verwitterte Holztüren prägen die Szenerie. In Elounda scheint unerklärlich, warum die griechische Arbeitslosenquote noch bei ziemlich skandalösen 21 Prozent liegt.

Während im fernen Athen Regierungsmitglieder und Investmentbanker den erstrebten Ausstieg aus den Rettungsschirm-Programmen planen und Griechenland glaubt, ab August völlig unabhängig am Kapitalmarkt agieren zu können, fallen in Kretas besseren Orten zwei Dinge besonders auf: Zwischen den Häusern werden auf jedem freien Fleckchen private Gemüsegärten gepflegt. Und gleichzeitig baut man früher ganz einfach konstruierte und eingerichtete Läden zu regelrechten Boutiquen aus: Mit Marmor und kretischem Naturstein, Edelhölzern und Glas. Ein deutlicher Gegensatz zum sonstigen Straßenbild, oder überhaupt der öffentlichen Infrastruktur, die aus holprigen Straßen, im Wind schwankenden Strom- und Telefonkabeln und rissigen Trottoirs besteht. Irgendjemand verdient hier, und es ist nicht der Staat.

Der Staat, fürwahr, er ist bei den traditionell eigensinnigen Kretern verhasst wie eh und je, was dem Nationalstolz keinen Abbruch tut, im Gegenteil. Unter den Kürzungen und Bedrängnissen der Gegenwart leiden kleine Kaufleute ebenso wie Angestellte. Das Gegenmittel heißt: Familie. Wer sechs Monate im Jahr in einem der internationalen Hotels beschäftigt ist, wird im November nicht plötzlich arbeitslos, wenn alles schließt. „Jede Familie hier hat ein paar Olivenbäume, mindestens“, sagt der Ex-Cafébesitzer, der vor mindestens zweifacher Besteuerung seiner Umsätze und Gewinne die Segel gestrichen hat und nun als Helfer bei einer Bootsvermietung eines „Freundes“ arbeitet. Die Umsatzbesteuerung ist natürlich der Notnagel der Regierung gegen die Trickserei der Bürger, die sie eben jener Regierung traditionell abgeschaut haben. Mancher gibt da auf, mancher arbeitet mit der ganzen Familie aus Fischern, Kellnern und Köchen im Restaurant.

Die Saison verspricht gut zu werden. Ob aus dem neu befeuerten Nationalstolz, wenn im August praktisch ein Unabhängigkeitsfest stattfindet, auch wirtschaftlicher Elan erwächst, bleibt sehr im Ungefähren. Ohne den Euro wäre man besser gefahren, aber das zuzugeben, kann sich keine Regierung erlauben. Vor allem jene nicht des Alexis Zsipras, der das Wunder vollbringen wollte, mitsamt dem Euro, aber ohne Zumutungen, glücklich zu werden. Dem Vernehmen nach hat der Linkspopulist samt seinem seltsamen rechtsgerichteten Mini-Koalitionspartner kaum etwas anders gemacht als die Etablierten vor ihm – inklusive der sattsam bekannten Vetternwirtschaft in Ämtern und Behörden. Die Griechen können beruhigt sein: Alles wie immer, nur teurer. Geringere Löhne gehen mit durchaus deutschen Preisen im Supermarkt einher, an der Tankstelle auch gut darüber. In der Bucht von Elounda entstehen derweil weiterer Immobilien – Villen am Meer für ausländische betuchte Käufer. Griechenland dient jedenfalls für Anleger nicht unbedingt als Schreckgespenst. Gelitten haben sie alle, vielleicht manches gelernt – die ganz Mutigen setzen auf den immer noch bei 1.300 Punkten herumdümpelnden Athener Aktienindex, in dem durchaus respektable Werte vertreten sind.

Sogar die mühsame Kooperation mit dem Wunschbetreiber von 14 Regionalflughäfen läuft inzwischen rund – Fraport ist eingestiegen und verdient sich gerade offenbar die Anerkennung der griechischen Tourismusbranche mit seinen Sofortmaßnahmen. Eine Landebahnverlängerung hier, ein neues Terminal da, inklusive benutzbarer sanitärer Einrichtungen – kein Hexenwerk. Warum das die Griechen nicht selbst konnten, bleibt eines der ungelösten Rätsel, die das Land seit der Antike mit sich herumträgt.

Diese Kolumne erschien zuerst in Ihrer BÖRSE am Sonntag.

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