Kinderkriegen wird zur Privatsache gemacht. Malte Welding

Lieber bestaunen als besitzen

So richtig etwas über Gold sagen könnte König Midas – der dem Mythos nach die Gabe erhielt, alles, was berührte, zu Gold werden zu lassen. Dumm wie er wohl war, so eine Art Trump der antiken Sage, bedachte er die Folgen seines Handelns nicht. Wie aktuell doch die antike Mythenwelt sein kann – gerade auch für Anleger.

Midas, der sagenhafte König, wäre fast verhungert an all dem goldenen, aber nicht nahrhaften Essen, das er berührt hatte. Gut, er konnte seine Gabe dann wieder loswerden, und es ist nicht überliefert, ob er den sicherlich bis dahin angehäuften Goldschatz noch sinnvoll verwenden konnte. Hätte wohl kaum etwas gebracht – denn die Goldinflation dürfte massiv gewesen sein. Und heute ist es nicht besser. Wer Gold kurz nach der Finanzkrise als sicheren Hafen betrachtete und seine Ersparnisse in das Edelmetall verwandelte, ist nicht reich geworden. Die alte „Fluchtwährung“ schwankt inzwischen genauso wie Tech-Aktien, zahlt aber keinerlei Dividende. Im Gegenteil: Nachdem die Gilde der Einbrecher durch Mario Draghis Nullzinsen schnell und zu Recht folgerte, dass in den deutschen Haushalten mehr zu holen sei als bei einem Banküberfall, wechselte mancher Barren unter der Matratze entschädigungslos den Besitzer.

Also: Bei den meisten sogenannten Sachwerten stellt sich die Frage der Aufbewahrung und Sicherung. Wer sein ohnehin beglückendes Hobby auch zur langfristigen Vermögensbildung machen will, ist in vielen Fällen vor Einbrechern sicher: Zum einen, weil sie wohl den Wert eine Gaslampensammlung oder von bestimmten Modell-Lokomotiven nicht unbedingt erkennen. In anderen Fällen, etwa bei der Hege und Pflege von Oldtimern, ist wohl sogar die externe Lagerung ein Muss – die eigenen feuchte Garage würde den Ferrari von 1956 wohl nach und nach transportabel machen, etwa in Eimern voll Roststaub. Hier kommen erhebliche Kosten ins Spiel: Nicht nur, dass luxuriös gestaltete Parkhäuser aus Glas und Stahl Präsentation und Bewahrung verbinden, sie verfügen meist auch über Fachleute, die Echtheit bestätigen können und mit elektronischem Gerät bewaffnet noch jeden untypischen Lack identifizieren würden, wenn man sie bittet. Autos, die diesen Aufwand rechtfertigen, dürfte man wohl auch mit Gewinn verkaufen können. Dem normalen Oldtimer-Besitzer, und der hätte vielleicht einen alten Volvo oder Ford aus den siebziger Jahren, bleibt eigentlich nur Vererbung, auf dass – vielleicht! – die Enkel die Wertsteigerung einstreichen.

Wie bei Immobilien Lage, Lage und nochmals Lage den soliden Zuwachs liefern soll, so ist es bei zahlreichen Sachwerten das Alter. Kunstwerke etwa. Sind diese aber bereits in den Katalogen von Auktionatoren aufgeführt, ist die Anschaffung teuer und der Wertgewinn äußerst unsicher – selbst wenn felsenfeste Echtheitsgutachten vorliegen. Bei all diesen Dingen liegen die An- und Verkaufskosten recht hoch. Wer alte Weine oder seltene Whiskys sammeln will, braucht natürlich ebenfalls die nötigen Lagermöglichkeiten, aber da gilt auch: Im Einkauf liegt der Gewinn. Französische Weine der bekannten Chateaus sind schon bei Erscheinen teuer, aber dafür garantiert nur in limitierter Auflage zu haben. Bis zu dreißig Jahre sollte man Zeit haben – für die Reife außerhalb der Flasche, nämlich auf dem Käufermarkt.

Dabei gibt es für diese Sammelleidenschaft inzwischen sogar Verwaltungsangebote – eine Art Investmentfonds für Spitzengewächse, zumeist in London beheimatet. Diese übernehmen Einkauf, Lagerung und Verwertung, gegen eine geschmackvolle Gebühr natürlich. Was bleibt? Wie man heute weiß, ist der Kauf und die Vermietung von Schiffscontainern keine gute Idee und für Privatleute wohl auch noch nie gewesen. Dennoch scheinen die Deutschen seit Jahrzehnten auf dubiose Anbieter zu warten, denen sie ihr Geld aushändigen können und glauben, diese seien Midas, nur ohne diese Nahrungsaufnahmeprobleme. Jene Anleger, und die Fans des Sparbuches, eint das Missmanagement, wobei die Sparbuchinhaber oder gar die Bargeld-lacht-unter-der-Matratze-Sparer den Wertverlust nur so allmählich spüren.

Von einer klassischen Sachwertanlage, die noch dazu meist Erträge gebiert, halten die Deutschen traditionell wenig: Der Aktie. Ob allein oder im Fonds, über längere Zeiträume (meist aber kürzere als beim Volvo oder dem Monumentalgemälde) liefern sie zwischen sechs und sieben Prozent, und diese Statistik ist sogar fälschungssicher. Breit gestreut, räumlich wie sachlich, sind Anteile an Unternehmen so mit das einzige, das auch die Katastrophen des 20. Jahrhunderts gut überstanden hat. Die Paniken der Jahrzehnte sind heute kleine Zacken in der langen Bergaufkurve. Grundsätzlich erforderlich: Der Gedanke einer soliden Mischung, gesunder Menschenverstand und notfalls ein paar Jahre Ausdauer. Sowie etwas grundsätzlicher Optimismus. Davon wird jedoch weniger gebraucht als beim Containerkaufen, soviel steht fest. Wer partout es nicht langweilig haben will, für den gibt es ja noch Optionsscheine. Aber bitte den Erben etwas übriglassen jenseits von Rost und Schrott.

Diese Kolumne erschien zuerst in Ihrer BÖRSE am Sonntag.

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