Lieber bestaunen als besitzen

von Reinhard Schlieker15.04.2018Gesellschaft & Kultur, Wirtschaft

So richtig etwas über Gold sagen könnte König Midas – der dem Mythos nach die Gabe erhielt, alles, was berührte, zu Gold werden zu lassen. Dumm wie er wohl war, so eine Art Trump der antiken Sage, bedachte er die Folgen seines Handelns nicht. Wie aktuell doch die antike Mythenwelt sein kann – gerade auch für Anleger.

Midas, der sagenhafte König, wäre fast verhungert an all dem goldenen, aber nicht nahrhaften Essen, das er berührt hatte. Gut, er konnte seine Gabe dann wieder loswerden, und es ist nicht überliefert, ob er den sicherlich bis dahin angehäuften Goldschatz noch sinnvoll verwenden konnte. Hätte wohl kaum etwas gebracht – denn die Goldinflation dürfte massiv gewesen sein. Und heute ist es nicht besser. Wer Gold kurz nach der Finanzkrise als sicheren Hafen betrachtete und seine Ersparnisse in das Edelmetall verwandelte, ist nicht reich geworden. Die alte „Fluchtwährung“ schwankt inzwischen genauso wie Tech-Aktien, zahlt aber keinerlei Dividende. Im Gegenteil: Nachdem die Gilde der Einbrecher durch Mario Draghis Nullzinsen schnell und zu Recht folgerte, dass in den deutschen Haushalten mehr zu holen sei als bei einem Banküberfall, wechselte mancher Barren unter der Matratze entschädigungslos den Besitzer.

Also: Bei den meisten sogenannten Sachwerten stellt sich die Frage der Aufbewahrung und Sicherung. Wer sein ohnehin beglückendes Hobby auch zur langfristigen Vermögensbildung machen will, ist in vielen Fällen vor Einbrechern sicher: Zum einen, weil sie wohl den Wert eine Gaslampensammlung oder von bestimmten Modell-Lokomotiven nicht unbedingt erkennen. In anderen Fällen, etwa bei der Hege und Pflege von Oldtimern, ist wohl sogar die externe Lagerung ein Muss – die eigenen feuchte Garage würde den Ferrari von 1956 wohl nach und nach transportabel machen, etwa in Eimern voll Roststaub. Hier kommen erhebliche Kosten ins Spiel: Nicht nur, dass luxuriös gestaltete Parkhäuser aus Glas und Stahl Präsentation und Bewahrung verbinden, sie verfügen meist auch über Fachleute, die Echtheit bestätigen können und mit elektronischem Gerät bewaffnet noch jeden untypischen Lack identifizieren würden, wenn man sie bittet. Autos, die diesen Aufwand rechtfertigen, dürfte man wohl auch mit Gewinn verkaufen können. Dem normalen Oldtimer-Besitzer, und der hätte vielleicht einen alten Volvo oder Ford aus den siebziger Jahren, bleibt eigentlich nur Vererbung, auf dass – vielleicht! – die Enkel die Wertsteigerung einstreichen.

Wie bei Immobilien Lage, Lage und nochmals Lage den soliden Zuwachs liefern soll, so ist es bei zahlreichen Sachwerten das Alter. Kunstwerke etwa. Sind diese aber bereits in den Katalogen von Auktionatoren aufgeführt, ist die Anschaffung teuer und der Wertgewinn äußerst unsicher – selbst wenn felsenfeste Echtheitsgutachten vorliegen. Bei all diesen Dingen liegen die An- und Verkaufskosten recht hoch. Wer alte Weine oder seltene Whiskys sammeln will, braucht natürlich ebenfalls die nötigen Lagermöglichkeiten, aber da gilt auch: Im Einkauf liegt der Gewinn. Französische Weine der bekannten Chateaus sind schon bei Erscheinen teuer, aber dafür garantiert nur in limitierter Auflage zu haben. Bis zu dreißig Jahre sollte man Zeit haben – für die Reife außerhalb der Flasche, nämlich auf dem Käufermarkt.

Dabei gibt es für diese Sammelleidenschaft inzwischen sogar Verwaltungsangebote – eine Art Investmentfonds für Spitzengewächse, zumeist in London beheimatet. Diese übernehmen Einkauf, Lagerung und Verwertung, gegen eine geschmackvolle Gebühr natürlich. Was bleibt? Wie man heute weiß, ist der Kauf und die Vermietung von Schiffscontainern keine gute Idee und für Privatleute wohl auch noch nie gewesen. Dennoch scheinen die Deutschen seit Jahrzehnten auf dubiose Anbieter zu warten, denen sie ihr Geld aushändigen können und glauben, diese seien Midas, nur ohne diese Nahrungsaufnahmeprobleme. Jene Anleger, und die Fans des Sparbuches, eint das Missmanagement, wobei die Sparbuchinhaber oder gar die Bargeld-lacht-unter-der-Matratze-Sparer den Wertverlust nur so allmählich spüren.

Von einer klassischen Sachwertanlage, die noch dazu meist Erträge gebiert, halten die Deutschen traditionell wenig: Der Aktie. Ob allein oder im Fonds, über längere Zeiträume (meist aber kürzere als beim Volvo oder dem Monumentalgemälde) liefern sie zwischen sechs und sieben Prozent, und diese Statistik ist sogar fälschungssicher. Breit gestreut, räumlich wie sachlich, sind Anteile an Unternehmen so mit das einzige, das auch die Katastrophen des 20. Jahrhunderts gut überstanden hat. Die Paniken der Jahrzehnte sind heute kleine Zacken in der langen Bergaufkurve. Grundsätzlich erforderlich: Der Gedanke einer soliden Mischung, gesunder Menschenverstand und notfalls ein paar Jahre Ausdauer. Sowie etwas grundsätzlicher Optimismus. Davon wird jedoch weniger gebraucht als beim Containerkaufen, soviel steht fest. Wer partout es nicht langweilig haben will, für den gibt es ja noch Optionsscheine. Aber bitte den Erben etwas übriglassen jenseits von Rost und Schrott.

_Diese Kolumne erschien zuerst in Ihrer_ “*BÖRSE am Sonntag*”:http://www.boerse-am-sonntag.de/aktien/schliekers-woche/artikel/sachwertanlagen-und-gold-nicht-ertragreicher-als-aktien.html.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Die AfD ist der Aufstand der Straße gegen die Zumutung des kategorischen Imperativs

Die mangelnde Problemlösungsfähigkeit, die den regierenden Parteien in Umfragen unterstellt wird, scheint mir das eigentliche Problem. Keiner behauptet, die AfD könne die Probleme lösen oder habe die Konzepte dafür; sie ist reine Protestpartei, inhaltlich nichts sagend.

Die DDR kommt wieder!

Zwei Drittel der Berliner befürworten einen Mietendeckel, wenn die Mieten zu stark ansteigen. Das Bundesverfassungsgericht sagt, dass „preisrechtliche Vorschriften, die durch sozialpolitische Ziele legitimiert werden, verfassungsrechtlich nicht ausgeschlossen sind“. Die Mietpreisexplosion in Be

Die AfD verändert die politische Geographie

Am 1. September wird in Brandenburg und Sachsen gewählt. Die ermatteten Volksparteien bekommen ihre Quittung für eine Politik politischer Lethargie. Die AfD pflügt seit Wochen die politische Landschaft um, aber warum hat sie so eine Macht in Ostdeutschland?

Das völkische Denken der AfD ist antibürgerlich

Frank-Walter Steinmeier hat große Zweifel an der bürgerlichen Selbstdarstellung der AfD geäußert. Damit reagierteder Bundespräsident auf Äußerungen des Parteivorsitzenden Alexander Gauland, der seine Partei nach den Wahlen in Brandenburg und Sachsen als "Vertreter des Bürgertums" bezeichnet

Der Klassenkampf hat gerade erst begonnen

Es ist hohe Zeit zu begreifen, dass der linke Zeitgeist brandgefährlich ist. Jene, die das, was sie für das Gute halten, wie eine Monstranz vor sich her tragen und unermüdlich die Welt verbessern wollen, lassen alle Hemmungen fallen, wenn sie feststellen müssen, dass es Andersdenkende gibt.

Die GroKo versagt in der Migrationspolitik

Die Bilder aus Lesbos sind ein Menetekel: Der „Türkei-Deal“ ist gescheitert. Die Balkanroute ist wieder offen, aber die Regierung verschließt die Augen. Die GroKo versagt auf ganzer Linie, nicht nur in der Migrationspolitik.

Mobile Sliding Menu