Die Party ist vorbei, fast jedenfalls

von Reinhard Schlieker4.03.2018Wirtschaft

Beim Wohnungsbaukonzern Vonovia ging es an der Börse ordentlich in den Keller. Worunter hat die Aktie nun schon wieder gelitten? Monatelang ging es bergauf, die beiden Dellen im Februar hatten dann ein gehöriges Ausmaß. Und der Aufakt des März lässt nicht viel Gutes ahnen. Es scheint so, dass die Party am Immobilienmarkt noch nicht ganz vorbei ist – dass die Musik aber schon deutlich leiser wird.

Möglicherweise macht sich bei den Anlegern eine gewisse Enttäuschung breit, dass es zu staatlichen Wohltaten etwa in Form von Baukindergeld vermutlich nicht kommen wird. Oder dass eine steigende Inflation die Erträge mindert, weil so schnell die Mieten nicht erhöht werden können. Oder, oder, oder… Die Nervosität im Immobiliensektor steigt, das ist gewiss. Börsen als Seismographen sind da zwar ganz nützlich, die dort versammelte Schwarmintelligenz liegt aber nicht immer richtig, wie man weiß. Also fragt man die Experten. Und ist nun selbst völlig von der Rolle: Die ehrwürdige Bundesbank warnt davor, dass in manchen Städten die Preise um 35 Prozent über dem eher vernünftigen Niveau liegen, verrät uns aber nicht, in welchen Städten – geschweige denn, in welchen Straßen.

Genau das hätten die Vonovia-Anleger nun natürlich ganz gern gewusst. Das Unternehmen, aufgeschreckt von der Kakophonie der Weisen, versichert unterdessen, konservativ zu bewerten – und zudem einen großen Anteil seiner Bewertungen auf die Grundstücke zu legen. Die sind nun wohl wirklich immobil, und vor allem nicht beliebig vermehrbar. Die Nachfrage sieht Vonovia in großem Maße bei bezahlbarem Wohnraum, den man selbstverständlich anbiete – und in verstärkten Anstrengungen vermehren möchte. Das aber dauert. Das Risiko bei solchen Zyklen, etwa auf dem Häusermarkt, ist stets, genau zum falschen Zeitpunkt das richtige Angebot zu haben. Oder umgekehrt.

Nach den diffusen Schrecken der Bundesbank-Mitteilung kehrte allerdings schnell wieder Ruhe ein, wenn man das, was am Immobilienmarkt deutscher Großstädte derzeit passiert, mit Ruhe umschreiben möchte. In der Tat sind ja Steigerungsraten von fünfzehn Prozent im Jahr für München, Berlin, Stuttgart oder Düsseldorf bald Gewohnheit. Günstige Finanzierungen lassen die Belastungen erträglich scheinen, auch wenn der Fiskus die Idee des Mitverdienens inzwischen in fast jedem Bundesland in happige Grunderwerbsteuern umgesetzt hat. Dennoch stiegen die Wohnungspreise in den 50 größten deutschen Städten, so die Marktbeobachter von Immobilienscout 24, letztes Jahr um elf Prozent. Angesichts von Null-Erträgen bei Konten und Geldmarktfonds ein sagenhaftes Gewinnspiel, das zudem schon Jahre andauert.

Derzeitige Eigentümer in den teuren Lagen dürfen sich wohl kaum Hoffnung machen, dass das so weitergeht – eher schon holen die B-Lagen noch etwas auf. Aber Anstiege von um die 80 Prozent seit 2010 in den teuren Gebieten sollten auch notorische Mehrwoller einmal zufriedenstellen. Das Nachsehen haben Erben oder Eigentümer von Häusern und Wohnungen im ländlichen Raum: Der deutsche Mensch strebt in die Städte, und nur in den bekannten Speckgürteln erzielt man hohe Erlöse. Umgekehrt finden Wohnungssucher auf dem Land noch Erschwingliches für die Familie, was dann wieder bedeutet: Das Ersparte geht ins Pendeln – womöglich noch mit dem Diesel-Van, und dann kann keiner mehr helfen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Wer mit Immobilien Geld anlegen will, ist sicher mit einer breit gestreuten Anlage via Börse am besten bedient und mietet sich derweil seine Unterkunft – ein einfach klingendes Rezept, das mit dem amerikanischen Top-Ökonomen Robert Shiller einen überzeugten Verfechter hat: Wenn schon Geld in Steine stecken, dann lieber in viele Steine, die möglichst weit auseinanderliegen. International gestreut mag der Immobilienbesitz – ein Steinchen hier, ein Steinchen da – auch einen wahren Crash in Deutschland unbeschadet überstehen. Wenn die Party dann eines Tages wirklich zu Ende ist, steht man als Käufer, der der Musik aufmerksam gelauscht hat, möglicherweise noch als jemand da, der die Wahl hat. Wenn auch nicht in den Toplagen der Top-Städte: Selbst die pessimistische Bundesbank glaubt kaum, dass es dort noch einmal auf früher gekannte Niveaus sinken wird. Manches ist eben vorbei und kehrt nicht wieder.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Die AfD ist der Aufstand der Straße gegen die Zumutung des kategorischen Imperativs

Die mangelnde Problemlösungsfähigkeit, die den regierenden Parteien in Umfragen unterstellt wird, scheint mir das eigentliche Problem. Keiner behauptet, die AfD könne die Probleme lösen oder habe die Konzepte dafür; sie ist reine Protestpartei, inhaltlich nichts sagend.

Die DDR kommt wieder!

Zwei Drittel der Berliner befürworten einen Mietendeckel, wenn die Mieten zu stark ansteigen. Das Bundesverfassungsgericht sagt, dass „preisrechtliche Vorschriften, die durch sozialpolitische Ziele legitimiert werden, verfassungsrechtlich nicht ausgeschlossen sind“. Die Mietpreisexplosion in Be

Die AfD verändert die politische Geographie

Am 1. September wird in Brandenburg und Sachsen gewählt. Die ermatteten Volksparteien bekommen ihre Quittung für eine Politik politischer Lethargie. Die AfD pflügt seit Wochen die politische Landschaft um, aber warum hat sie so eine Macht in Ostdeutschland?

Das völkische Denken der AfD ist antibürgerlich

Frank-Walter Steinmeier hat große Zweifel an der bürgerlichen Selbstdarstellung der AfD geäußert. Damit reagierteder Bundespräsident auf Äußerungen des Parteivorsitzenden Alexander Gauland, der seine Partei nach den Wahlen in Brandenburg und Sachsen als "Vertreter des Bürgertums" bezeichnet

Der Klassenkampf hat gerade erst begonnen

Es ist hohe Zeit zu begreifen, dass der linke Zeitgeist brandgefährlich ist. Jene, die das, was sie für das Gute halten, wie eine Monstranz vor sich her tragen und unermüdlich die Welt verbessern wollen, lassen alle Hemmungen fallen, wenn sie feststellen müssen, dass es Andersdenkende gibt.

Die GroKo versagt in der Migrationspolitik

Die Bilder aus Lesbos sind ein Menetekel: Der „Türkei-Deal“ ist gescheitert. Die Balkanroute ist wieder offen, aber die Regierung verschließt die Augen. Die GroKo versagt auf ganzer Linie, nicht nur in der Migrationspolitik.

Mobile Sliding Menu