Wir verlieren unsere Arbeit an Maschinen. Jeremy Rifkin

Die Crash-Queen von München

Eine Frau aus einfachen Verhältnissen, also sozusagen dem Subprime-Niveau im München des 19. Jahrhunderts, sorgte für den ersten großen Anleger-Betrugsfall des jungen Kaiserreichs. Das von ihr gegründete Bankhaus bestand aus Schall und Rauch und einer Menge Geldsäcke in Truhen und Schränken. Ein Sittenbild mit Bezug zur heutigen Börsenlandschaft.

Adele Spitzeder, so hieß die stets höchst sittsam gekleidete und seriös auftretende Abzockerin. Von ihr hätte Bernard Madoff noch etwas lernen können. Hat er vielleicht ja auch. Und nun ist die Ein-Frau-Betrugsmaschine für eine breite Leserschaft aus der Versenkung geholt worden: Der Autor Julian Nebel hat im Finanzbuch Verlag eine Monographie veröffentlicht: „Adele Spitzeder. Der größte Bankenbetrug aller Zeiten“.

München, in den 1860er Jahren. Der Märchenkönig Ludiwg II. baute Schlösser im Land, und Geld gab es reichlich: Preußen zahlte. In diesem Biotop hatte die flotte Adele ein klassisiches Schneeballsystem errichtet, indem sie sagenhafte zehn Prozent Zinsen versprach. Pro Monat, wohlgemerkt. Und ihr Bargeld-Imperium wuchs lawinenartig: Vom eingezahlten Geld der durch Mundpropaganda erreichten Kunden, meist kleine Handwerker und Landarbeiter, wurden die horrenden versprochenen Erträge gezahlt. Finanziert durch eine stark wachsende Summe neuer Anlagen, denn die wundersamen Fähigkeiten der Frau Spitzeder sprachen sich in München schnell herum. Zumal Adele Vermittlunsgprovisionen einführte – der Geldregen wurde zum reißenden Strom. Dann, gegen Ende der sechziger Jahre des vorletzten Jahrhunderts, begann sie, Kredite zu vergeben – gegen hohe Zinsen, aber nicht so hoch, wie sonst bei den Wucherern üblich. Etwas Refinanzierung also gelang der Frau, die durch ihre resolute, fast männliche Erscheinung auffiel und wohl äußerst überzeugend auftreten konnte.

Die Menschheit wollte betrogen sein – und will es wohl noch immer. Bei Adele lohnte es sich für die ersten der Kunden, die immerhin über einen nennenswerten Zeitraum hinweg ihre monatlichen zehn Prozent kassierten. Da haben unsere Zeitgenossen, die vor der Finanzkrise wegen lumpiger zwei Prozent (und zwar jährlich) Zinsdifferenz eine isländische Kaupthing Bank der heimischen Sparkasse vorzogen, bitteres Lehrgeld für nichts bezahlt. Auch heute finden sich genügend Anleger, die auf nigerianische Geschäftsanbahnungen hereinfallen, wertlosen Schmuck bei Kaffeefahrten und Billigreisen in die Türkei erwerben und tatsächlich glauben, dass in Zeiten ohne Zinsen vier Prozent Rendite risikolos möglich seien – wenn man nur schlau genug ist, den „richtigen“ Anbieter zu wählen.

Der eingangs erwähnte Bernie Madoff sitzt mehrfach lebenslänglich im Gefängnis – was für seine durchweg schwerreichen Kunden kein Trost ist, denenindes die Peinlichkeit stärker zugesetzt haben dürfte als der pekuniäre Verlust. Adeles Opfer hingegen waren Leute, die kaum etwas hatten – und nach der Erfahrung mit ihr oft gar nichts mehr. Insofern ähnelt eher die Firmengeschichte einschlägiger Kandidaten des seligen Neuen Marktes an der Frankfurter Börse an dieses Konzept: Da wurden Leute angelockt, die mit Aktien zuvor nichts am Hut hatten, und kräftig ausgenommen – bei solchen Läden wie Gigabell etwa gab es nichts Werthaltiges, allerdings einen zeitweise astronomischen Aktienkurs.

Niemand war gezwungen, dort anzulegen? Natürlich nicht – aber auch Adele Spitzeder versprach nichts, riet den Kunden, gut zu überlegen, aber die drängten ihr das Geld geradezu auf. Millionen waren es. So muss Betrug laufen, dachte sie sich. Bis zum Ende. Fast hätte sie es geschafft, mit ihrer Privatbank noch auskömmliche echte Renditen zu erwirtschaften – gelungene Immobiliengeschäfte halfen etwas. Der nie endenden öffentlichen Kritik begegnete sie mit großzügigen Spenden und Bestechungsgeldern, durch Erwerb eines Medienimperiums – aber die Skeptiker ließen sich nicht beruhigen. Anders als bei späteren Schneeballsystemen kam der Verdacht nicht erst spät oder gar überraschend. Man hätte es wissen können.

Den Behörden war das Treiben der Privatbank ohne Lizenz schon lange unangenehm aufgefallen: Viele Hunde wurden des Hasen Tod: Die Spitzeder’sche Bank wurde 1872 unter tumultartigen Begleitumständen geschlossen, Säcke voll Geld beschlagnahmt, aber nicht genug Säcke: Viele vertrauensselige Kunden verloren ihr Vermögen. Nach Prozess und fast vier Jahren im Gefängnis machte sie im kleineren Maßstab da weiter, wo sie aufgehört hatte: Erneut rannten ihr Kunden mit Geld die Türen ein, damit sie es für sie anlege. Der Erfolg aber blieb auf Dauer aus – bis zu ihrem Tod 1895 kam die fromme Adele nicht mehr richtig auf die Beine. Die Menschheit, die betrogen sein wollte, die betrogen sein will – sie musste sich neue Betrüger suchen.

Anmerkung der Redaktion: Es sind heute keine Säcke mehr, in denen das Geld von Menschen aufbewahrt wird, die auf ein Schneeballsystem einsteigen, denn die technischen Möglichkeiten haben sich verändert. Eine Festplatte genügt. Nächste Woche wird sich Ihre BÖRSE am Sonntag mit den Kryptowährungen wie dem Bitcoin befassen.

Diese Kolumne erschien zuerst in Ihrer BÖRSE am Sonntag.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Reinhard Schlieker: Rosenkrieg in Virtuell-Amazonien

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