Micky lässt das Mausen nicht

von Reinhard Schlieker13.08.2017Wirtschaft

Walt Disney will nicht mehr teilen. Der US-Unterhaltungsgigant hat, so meint er wohl, lange genug anderen beim Geldverdienen zugesehen – Netflix etwa, wo die Produkte des Film- und Serienproduzenten in den USA exklusiv zu sehen sind. Aber nicht mehr lange: Die Mäuse sollen demnächst beim Konzern selbst landen.

Netflix zahlt dem Vernehmen nach rund 300 Millionen Dollar jährlich an Disney – der Comickonzern aus Burbanks glaubt, es lukrativer zu können. Mit seinem Sportangebot kommt Disney ab 2018 auf einem eigenen Kanal direkt zum Zuschauer – und seinen Streamingdienst kündigt der Micky-Maus-Erfinder für 2019 in Amerika an. Die Ankündigung diese Woche drückte prompt den Kurs der Netflix-Aktie um anfangs fast vier Prozent. Aber auch Disney büßte jüngst an der Börse ein: Umgerechnet 87 Euro war die Aktie wert, vor nicht allzu langer Zeit kratzte sie an der 100-Euro-Marke. Wobei sich das Papier seit 2015 auf hohem und zuvor nie gekannten Niveau bewegt, der jüngste Dämpfer hatte wohl zuvörderst mit den Quartalszahlen des Konzerns zu tun, die einen um neun Prozent gesunkenen Gewinn dokumentierten.

Vor allem die TV-Sparte mit der Senderfamilie ABC trug weniger bei, insgesamt fast ein Viertel Gewinnrückgang hier. Da passt die Ankündigung nun ins Bild. Mit den Marvel-Comicverfilmungen oder etwa dem Trick- und Animationsspezialisten Pixar unter dem Konzerndach hatte Disney auf dem Videosektor bereits ordentlich aufgerüstet. Vielleicht war es klug, zunächst die Durchschlagskraft der Streamingportale abzuwarten – nun aber angesichts weiter Verfügbarkeit dieser Übertragungsmethode via Internet und deren Vormarsch in der Publikumsgunst wollte man wohl nicht länger nur zusehen. „Toy Story“, „Avengers“ oder auch Star Wars gelten als Garanten für die künftige Nachfrage, womöglich werden unterhalb des Disney-Streaming noch eigene Spartenkanäle gegründet. Ohne das eigene Kinoprogramm zu gefährden, denn der Abstand zwischen Kinostart und Streaming muss wohl erhalten bleiben.

Gleichzeitig aber drückt die Konkurrenz der etablierten US-Sender wie CBS, die natürlich ebenfalls auf Streaming setzen, ihren Zuschauern ins Netz folgend. Die Zahl derer, die pünktlich für ein Programm den stationären Fernseher einschalten, sinkt stetig – in Deutschland übrigens analog zu den USA. TV-Abonnements scheinen daher fast von gestern, was Disney selbst bereits an den Zahlen seines Sportsenders ablesen kann.

Vor diesem Hintergrund waren die Aktionäre nun auch nicht begeistert, dass für die Umwälzung volle zwei Jahre in Anspruch genommen werden sollen. Schnelligkeit ist mittlerweile ein Faktor, und wenn Disney dann 2019 mitmischt, könnten alle anderen schon da sein. Vielleicht sollten sich die Verantwortlichen mal wieder „Mary Poppins“ ansehen – da war unter Disney-Regie schon sehr vieles möglich, wenn nicht gar normal – von der Fantasiewelt bis zum ganz harten Bankencrash. Sonst besteht die Gefahr, dass man in Burbanks zum Opfer solcher Leute wie der „Piraten der Karibik“ wird – keine schöne Aussicht für Mickymaus.

_Diese Kolumne erschien zuerst auf dem Portal der_ “*BÖRSE am Sonntag*”:http://www.boerse-am-sonntag.de/aktien/schliekers-woche/artikel/micky-laesst-das-mausen-nicht-8767.html.

_Lesen Sie jetzt, warum die Aktien von Wehrtechnik- und Rüstungskonzernen vor einem neuen Boom stehen: in Ihrer_ “*BÖRSE am Sonntag*”:http://www.boerse-am-sonntag.de/titelthema/artikel/spekulanten-kaufen-jetzt-ruestungsaktien-8771.html.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Die AfD ist der Aufstand der Straße gegen die Zumutung des kategorischen Imperativs

Die mangelnde Problemlösungsfähigkeit, die den regierenden Parteien in Umfragen unterstellt wird, scheint mir das eigentliche Problem. Keiner behauptet, die AfD könne die Probleme lösen oder habe die Konzepte dafür; sie ist reine Protestpartei, inhaltlich nichts sagend.

Die DDR kommt wieder!

Zwei Drittel der Berliner befürworten einen Mietendeckel, wenn die Mieten zu stark ansteigen. Das Bundesverfassungsgericht sagt, dass „preisrechtliche Vorschriften, die durch sozialpolitische Ziele legitimiert werden, verfassungsrechtlich nicht ausgeschlossen sind“. Die Mietpreisexplosion in Be

Die AfD verändert die politische Geographie

Am 1. September wird in Brandenburg und Sachsen gewählt. Die ermatteten Volksparteien bekommen ihre Quittung für eine Politik politischer Lethargie. Die AfD pflügt seit Wochen die politische Landschaft um, aber warum hat sie so eine Macht in Ostdeutschland?

Das völkische Denken der AfD ist antibürgerlich

Frank-Walter Steinmeier hat große Zweifel an der bürgerlichen Selbstdarstellung der AfD geäußert. Damit reagierteder Bundespräsident auf Äußerungen des Parteivorsitzenden Alexander Gauland, der seine Partei nach den Wahlen in Brandenburg und Sachsen als "Vertreter des Bürgertums" bezeichnet

Der Klassenkampf hat gerade erst begonnen

Es ist hohe Zeit zu begreifen, dass der linke Zeitgeist brandgefährlich ist. Jene, die das, was sie für das Gute halten, wie eine Monstranz vor sich her tragen und unermüdlich die Welt verbessern wollen, lassen alle Hemmungen fallen, wenn sie feststellen müssen, dass es Andersdenkende gibt.

Die GroKo versagt in der Migrationspolitik

Die Bilder aus Lesbos sind ein Menetekel: Der „Türkei-Deal“ ist gescheitert. Die Balkanroute ist wieder offen, aber die Regierung verschließt die Augen. Die GroKo versagt auf ganzer Linie, nicht nur in der Migrationspolitik.

Mobile Sliding Menu