Risiken und Nebenwirkungen

von Reinhard Schlieker11.04.2017Gesellschaft & Kultur, Wirtschaft

Es ist, wie es so schön heißt, aus dem Alltag nicht wegzudenken – manchmal wünscht man es zur Hölle, manchmal stellt sich wohliges Gruseln ein, dann wieder ist es äußerst praktisch: „Das Internet“, obschon lediglich eine Übertragungsmöglichkeit für Inhalte aller Art außer Gerüchen, gottlob, prägt unsere Zeit. Doch schafft es auch Gleichheit, Freiheit, Gerechtigkeit? Nein, nichts davon!

Das Internet. Sein Nutzen revolutioniert immer wieder Prozesse in der Wirtschaft, verändert das Freizeitverhalten, schafft Information und Informationsdefizit und katapultiert ferne Länder direkt ins eigene Wohnzimmer, bringt Nutzwert und Neuigkeiten herbei und ermöglicht es abgelegenen Weltgegenden, ohne Umleitung über das Telefon Verbindung zu bekommen nach sonstwohin.

Kein technisches Übertragungsmedium hat jemals eine solche Bandbreite geschaffen, obwohl schon die Erfindung des Telegraphen eine Revolution war; es kam Funk und Telefon, Radio und schließlich das Fernsehen, was als letzter großer Schrei der Menschheit Mitte des 20. Jahrhunderts die Welt zusammenrücken ließ. Alle diese Techniken vermochten es nur in Ausnahmefällen, sich als rund um die Uhr unentbehrlich darzustellen. Kommunikation via Internet aber ist in vielen Fällen an die Stelle anderer Techniken getreten – es ersetzt das TV-Programm, den Stadtbummel, die Reise oder aber informiert über all diese Dinge, wenn man sie beabsichtigt zu nutzen beziehungsweise zu unternehmen.

Mit der Zeit, genau genommen schon recht bald nach 1995, als sich die Technologie in Deutschland durchzusetzen begann, traten die Defizite jedoch deutlich hervor. Abgesehen von Gewaltdarstellung, von der Tatsache, dass nun wirklich jeder Spinner seine Plattform findet, abgesehen auch von seiner Eigenschaft als Gerüchteverteilungsmaschine, hat das Internet seinen Preis. Der offenbart sich analog zum gern in Anspruch genommenen Nutzwert. Das inhärente Versprechen des Internetzugangs nämlich, Zeit effizienter nutzen zu können, Prozesse zu vereinfachen und Kommunikation zu beschleunigen, birgt alle gegensätzlichen Erfahrungen und liefert sie frei Haus. Dabei geht es heute nicht mehr um „lange Ladezeiten“, die den Nutzer einer Website noch vor wenigen Jahren zur Verzweiflung treiben konnten, auch Downloads riesiger Dateien, wie sie bis vor kurzem schier unmöglich schien, ist angesichts der gängigen Computerleistung kaum mehr ein Problem. Technisch läuft alles rund. Die in jedem Lebensbereich und damit auch im Netz aktiven Irren sowie einfache Verbrecher mal außer Acht gelassen.

Der große Zeitfresser

Was einem den Eindruck verschaffen kann, das Internet fresse einen Teil seiner Kinder, ist etwas anderes. Das Internet kann zu viel und weiß zu viel. Dies ist nicht einmal eine Frage des immer noch unzulänglich beachteten Datenschutzes oder der unerwünschten Überwachung. Es ist schlicht die Zeitverschwendung, die mit dem umfassenden Nutzen einhergeht. Etwa 80 Prozent der Nutzer des Netzes buchen Dienstleistungen und tätigen Einkäufe: Das Internet schafft eine Markttransparenz, die einem Ludwig Erhard wie ein ferner Traum vorgekommen wäre. Kartelle haben keine Chance, jede Missetat steht prinzipiell einem Fahndungsteam gegenüber, das Millionen Köpfe zählt. Theoretisch. Im Alltag schafft die Markttransparenz paradoxe Situationen.

Vor der Buchung konsultiert der Kunde üblicherweise sowohl die Websites der Fluggesellschaften als auch eines der üblichen Preisportale, oder mehrere davon. Die Eingabe der gewünschten Reisedaten nimmt einige Zeit in Anspruch, und muss bei Änderungen in den Einzelheiten oft mehrfach erfolgen. Die angebotenen Flüge schließlich lassen sich sortieren, so dass man nicht eine zwar günstige, aber tagelang dauernde Verbindung zu einem wenige Stunden entfernten Ziel erhält. Am Ende des Prozesses steht dann ein Angebot, das noch auf versteckte Haken und Ösen zu prüfen ist und dem Kunden diverse Priorisierungen abverlangt.

Der Gegencheck auf der Seite der Fluggesellschaft offenbart eine gewisse Ersparnis, aber nicht immer. Rückfragen zu stellen ist nicht praktikabel, weil am anderen Ende der Leitung niemand sitzt. Ein Versenden des Kontaktformulars führt selten zu einer persönlichen Antwort, sondern zählt einem in der Regel nochmals all das auf, was man nicht gefragt hat. Will man zum Flug noch eine Unterkunft und einen Mietwagen, sollte man genügend Zeit mitbringen, das alles leidlich zu koordinieren, Kenntnisse der Quantenmechanik wären von Vorteil. Hilf dir selbst, sonst tut es keiner. Am Ende dieses Prozesses bricht man ihn wahrscheinlich ab, weil persönliche Details vom System nicht akzeptiert werden und ein paar harmlose Wünsche nicht zu erfüllen sind. Zunehmend, das ergibt sich aus Umfragen, machen Kunden folgendes: Sie gehen ins Reisebüro. Und ersparen sich eine Menge Frust.

Das hohle Versprechen der Gleichheit

Liegt dies nun am Internet oder daran, dass das System für allzuviele auf beiden Seiten des Computers „Neuland“ ist? Sicherlich spielen schlecht programmierte Websites eine Rolle, so etwa die verbreitete Erfahrung, dass eingegebener Text gern mal verschwindet, dass Suchbegriffe auf einer Seite nicht gefunden werden, obwohl man weiß, dass sie da sein müssen… im wesentlichen ist zu fürchten, dass derartige Erfahrungen als im Medium unentrinnbar enthalten zu akzeptieren sind. Die Tatsache, dass man es bei der zweiseitigen Kommunikation fast immer mit einem Menschen vor dem Computer, das ist man selbst, und einer Maschine am anderen Ende zu tun hat, lässt bestimmte Versprechen unerfüllbar werden. Das Netz rasiert alle auf eine geringstmögliche gemeinsame Erscheinung. Individualisten scheitern, Sonderwünsche sind erlaubt, aber werden nie erfüllt. Der neugierige Mensch will auf den Zugang zur Welt via WWW nicht verzichten – der kluge und zugleich wohlhabende lässt sich nicht auf das Dienstleistungsangebot via Netz ein, sondern beauftragt echte Serviceanbieter.

Das Versprechen, vor der Maschine seien wir alle gleich, ist ein hohles. Wir sind weiterhin so unterschiedlich wie zuvor, der Reiche hat einen Butler, der Arme die Maschine. Pfiffige Angebote sind die Ausnahme, welche die Regel nur bestätigen. Den genauen volkswirtschaftlichen Nutzen oder Schaden unter dem Strich wird wohl niemand je ermitteln können, zu sehr ist Hype auch ein Teil des Geschehens, an den Börsen zumal – dem steht die Erfahrung des jüngst 20 Jahre alt gewordenen Neuen Marktes nicht entgegen. Das mag in der Natur der Sache liegen: Noch jede Erfindung mit umfassendem Nutzen bei gleichzeitigem Zeitdiebstahl hat sich als Faszinosum erwiesen, das Netz wird bleiben und wachsen, die Frage nach der persönlichen Kosten-Nutzen-Relation auch. Es sei denn, jemand erfindet etwas völlig anderes. Wenn das jemand wüsste, wäre es ja damit erfunden oder zumindest erträumt.

_Diese Kolumne erschien zuerst auf der_ “*BÖRSE am Sonntag*”:http://www.boerse-am-sonntag.de/aktien/schliekers-woche/artikel/risiken-und-nebenwirkungen-online-8496.html.

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