Emotionen überfordern jeden Roboter

von Reinhard Schlieker29.11.2016Gesellschaft & Kultur, Wirtschaft

Es ist schon vorgekommen, dass Roboter Menschen verletzt haben: Kürzlich gab es so einen Fall, ob er wahr ist, weiß niemand, aber er wurde auf zahlreichen Plattformen, vor allem technikaffinen, berichtet – was natürlich nichts heißen muss. Es ist nur ein kleines Beispiel, es zeigt aber die Grenzen künstlicher Intelligenz. Die wirklich erschreckend eng sind.

Der Roboter also. Der befand sich auf einer Messe und konnte von Menschenhand gesteuert werden. Ein unerfahrener Messebesucher lenkte den Koloss aus Versehen nach hinten statt nach vorne, und damit in eine Glasscheibe. Die zersplitterte, und die Glasscherben verletzten einige Messegäste. Hat nun der Roboter Menschen zu Schaden kommen lassen? Natürlich nicht, will uns die Anekdote vermitteln – der Mensch ist der Dumme, in jeder Hinsicht.

Was aber ist faul an der Geschichte? Es wird nicht erwähnt, dass der Roboter zu blöd war, ein Hindernis in Form jener Glasscheibe zu erkennen. Da müssen die Programmierer mal nachsitzen. Die Technikfans sollten mal einen Gang zurückschalten. Das ist hier der eigentliche Clou.

Was ist eigentlich Intelligenz?

Im Kern tobt die Schlacht um den Begriff „Industrie 4.0“ und den Einsatz sogenannter künstlicher Intelligenz. Vermutlich die meisten von uns würden sich wünschen, dass es so etwas wie künstliche Intelligenz – KI – tatsächlich gäbe. Wäre allein schon deshalb praktisch, weil es so oft mit der natürlichen Intelligenz nicht so weit her ist. Da wäre eine Lücke zu füllen. Dem steht allerdings eine Menge im Wege.

Zunächst einmal weiß niemand so genau, was denn Intelligenz eigentlich ist. Die Psychologen, die schon lange daran tüfteln, sie messen und beziffern zu können, haben sich auf eine pfiffige Definition einigen können: Intelligenz ist das, was durch Intelligenztests gemessen wird. Super, das hilft je mal so richtig weiter. Da könnte man sich die Definition für künstliche Intelligenz gleich mit einfallen lassen: KI ist, wenn Roboter nicht so doof sind, durch Glasscheiben laufen zu wollen.

In der Tat gibt es im Leben der Menschen eine Menge Ausprägungen von Intelligenz. Da gibt es die logisch-erkennende; dann die sogenannte emotionale Intelligenz und die praktische auch noch. Die alle in eine Maschine zu bringen, würde Schöpferqualitäten erfordern und vor allem das Rezept, wie man nicht nur autonomes, sondern auch intuitives Lernen programmieren kann. Dann hätten wir einen Roboter mit Bauchgefühl, der zu Aberglauben in der Lage wäre und zu Fragen über die letzten Dinge des Seins. Die Vorstellung wäre schauerlich, wüssten wir nicht instinktiv (noch etwas, das die Maschine nicht kann), dass das so gut wie ausgeschlossen ist. Vier Milliarden Jahre Evolution haben gerade gereicht, am Ende den Homo Sapiens entstehen zu lassen, und das war auch noch ein riesiges Zusammentreffen von Zufällen.

Die scheinbaren Erfolge der Robotiker

Verdeutlichen lässt sich das Dilemma vor allem an dem, was uns die herrschenden Technikgiganten als Erfolg verkaufen. So meldete Google vor einiger Zeit, einen kamerabestückten Algorithmus-Träger ausgebildet zu haben, der in 70 Prozent der Fälle auf Bildern eine Katze erkennen kann. Die meisten von uns wissen, dass diese Leistung spielend von zwei- bis dreijährigen Kleinkindern übertroffen wird – die kommen im Regelfall zu 100 Prozent auf das Ergebnis „Katze“, wenn ihnen eine gezeigt wird. Evolutionär gesehen würde der 70-Prozent-Roboter unverzüglich aussterben, denn während er noch überlegt, ob der Säbelzahntiger da zehn Meter vor ihm im Gebüsch auch eine Katze ist, wäre er schon gefressen.

Ein schlagendes Beispiel für das bemitleidenswerte Unvermögen von computergesteuerter intelligenter Anwendung ist auch die banale Tatsache, dass man einem Computer beibringen kann, dass man eine an einem Bindfaden befestigte Sache zwar ziehen, damit aber nicht schieben kann. Das könnte bei Anwendungen im Straßenverkehr noch so ein Knackpunkt werden. Man sollte sich also getrost von einer Maschinen abschleppen lassen, jedoch nicht erwarten, dass sie ein liegengebliebenes Fahrzeug auch auf den Standstreifen schieben könnte.

Demgegenüber ist es aber erstaunlich, was in der Industrie und Verwaltung inzwischen an Einsatz künstlicher Materie möglich ist. In der Tat erkennen Maschinen ihre Umgebung, sind lernfähig und beherrschen auf der Basis einmal programmierter Parameter auch die Veränderung ihrer Umgebung und können sich in Maßen daran anpassen. Am Band ist es inzwischen Alltag, dass Arbeiter am Auto schrauben, während Kollege Roboter gleich daneben schwere, unangenehme oder gefährliche Handgriffe ausführt. Auch die beherrschten Bewegungsabläufe sind inzwischen vielfältiger als dies jemals machbar erschien; bei Konstrukteuren wie etwa Kuka oder anderen oft mittelständischen deutschen Maschinenbauern geht es in der Entwicklung Schlag auf Schlag.

Im industriellen Einsatz sieht es besser aus

Der Stolz der Ingenieure ist es, dem menschlichen Vorbild nicht nur näher zu kommen, sondern dessen Defizite in punkto Kraft, Präzision, Ermüdungsgefahr oder Langsamkeit des Begreifens möglichst ausgleichen zu können oder noch zu übertreffen. Diese Entwicklung ist nicht aufzuhalten, und vielleicht sollte man sie auch nicht aufhalten wollen. Die Zeiten der Maschinenstürmer begannen bereits im 18. Jahrhundert, und die Stürmer gegen den technischen Fortschritt haben in jeder Generation seitdem Unrecht bekommen: Weder wurde der Mensch überflüssig, noch richteten die Maschinen ein Blutbad an oder machten sich die Erde untertan – noch für jeden Gräuel ist traditionell der Mensch verantwortlich.

Dass man heute Straßentunnel mit ausgefeilten Bohrmaschinen vortreibt und nicht mit Hilfe von Kinderarbeit, dass man Menschen mit medizinisch-technischen Apparaten länger leben lässt, ist kaum bestreitbar – die Kinderarbeit mag sich in unseren Breiten kaum jemand noch ausmalen, und wenn es Kritik an der Apparatemedizin gibt, kommt sie oft von Leuten, die problemlos Luft kriegen und auch ein allein schlagendes Herz haben – was nicht heißen soll, dass ein menschenunwürdiges Weiterleben ausschließlich aufgrund technischer Unterstützung erstrebenswerter Fortschritt sein sollte. Um diese Diskussion zu führen und überhaupt ethische Kriterien zu entwickeln, braucht man aber wiederum Menschen aus Fleisch und Blut – und vor allem mit Empathie und Emotionen.

Was ist gesunder Menschenverstand?

Damit ist man dann im Graubereich der Intuition, des Bauchgefühls angelangt. In zahlreichen Experimenten konnte bereits gezeigt werden, dass das, was wir gesunden Menschenverstand nennen, in Wirklichkeit nicht so sehr Verstand, rationales Abwägen ist als vielmehr jenes unbestimmte Gefühl, das einen in einer wichtigen Situation dieser oder jener Lösung entgegentreibt. Dazu braucht es Erinnerungsvermögen, Empfindungsfähigkeit gegenüber Reizen wie Schmerz, Hitze, Kälte, Jucken oder auch inneren Gefühlszuständen wie Angst, Freude, Bedauern oder Schrecken.

Mit alledem scheidet reine rationale Intelligenz als alleiniger guter Ratgeber oder Entscheidungshelfer eindeutig aus. Der Psychologe Gerd Gigerenzer forscht an jenen schwer erklärlichen Phänomenen, die uns zu Handlungen treiben, die auf den ersten Blick irrational erscheinen, sich bei näherem Betrachten aber als völlig richtig erweisen. Der größte Fortschritt für eine Menschheit, die gern die Dinge, Handlungen und ihre Folgen genauestens berechnet, wäre die allgemeine Erkenntnis, dass das Universum mit allem, was dazugehört, völlig unberechenbar ist.

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