Banking – aber ohne die Bank!

Reinhard Schlieker14.10.2016Gesellschaft & Kultur, Wirtschaft

Die Fachleute und Wirtschaftsweisen sind sich einig: Die Welt des Zahlungsverkehrs ändert sich – erneut, wieder einmal. Während die Veränderungen der letzten Jahre und Jahrzehnte mehr oder weniger verständlich für den Kunden vollzogen, wenn auch nicht unbedingt immer in seinem unmittelbaren Interesse, geht es jetzt ganz anders zur Sache

Alle verstehen den Geldautomaten und den Kontoauszugdrucker – aber wer weiß etwas von „Distributed Ledger Technology“? Oder den dagegen fast schon populistischen Begriff „Blockchain“? Die beiden Dinge bezeichnen eine dezentrale Buchhaltung, im Netz und ohne Zugriff durch Menschen, die dazwischenfunken. Eine Transaktion zwischen verschiedenen Teilnehmern läuft über eine Anzahl von Servern, die alle den entsprechenden Teil des Vorgangs dokumentieren – von der Aufgabe bis zu Clearing und Settlement, und das alles in Sekundenschnelle.

Im Handel mit Wertpapieren bedeutet das, dass nicht nur Kauf und Verkauf in wenigen Augenblicken erledigt sind, sondern auch die Dokumentation des Eigentumsübergangs. Das lässt vermuten, dass künftig auch andere vertragliche Vorgänge via Blockchain-Technologie über das Netz abgewickelt werden können: Grundbucheintragungen, Testamente oder Smart Contracts. In einer Studie hat die Frankfurt School of Finance and Management die denkbaren Auswirkungen untersucht. Demnach gibt es kaum etwas, was man via Blockchain nicht regeln könnte, von Versicherungsleistungen, die automatisch an Versicherungsfälle gekoppelt sind, die unstreitig sind – seien es Sturm und Hagel oder der Verlust von Wertgegenständen durch Unfälle.

Das ist die Stunde innovativer Fintechs

Viel schneller als Banken oder Bankkooperationen können sie neue Standards einführen und anbieten, vor allem weil sie nicht parallel mit althergebrachten Geschäften bereits ausgelastet sind. Wie kürzlich anlässlich einer Bankentagung in Frankfurt zu hören war, schlagen sich die Großbanken mit vielen Lasten herum, die nun nicht zuletzt durch die immer weiter ausgreifende Regulierung zu einer Bürde werden. Dass die Deutsche Bank ihr ohnehin ambitioniertes Sparprogramm nochmals verstärken würde, dass sie ein Viertel ihrer Filialen schließt und zum Beispiel nicht so recht zu wissen scheint, was sie mit der unter großen Erwartungen übernommenen Postbank anfangen soll, hätte sich zu Zeiten eines Alfred Herrhausen niemand träumen lassen.

Wenn man berücksichtigt, dass allein die Anpassung der IT-Systeme im größten deutschen Geldinstitut ungeahnte Kräfte bindet und die Digitalisierung keineswegs abgeschlossen ist, dann kann man ermessen, dass auch für die von Chef John Cryan konstatierte Konsolidierung des deutschen Bankenmarktes zumindest unter Mitwirkung der Deutschen Bank auf Jahre hinaus nicht stattfinden wird.

Derweil finden solche Firmen wie die Smartphone-Bankingfirma N26 aus Berlin, die 200.000 Kunden zählt, willige Geldgeber. 45.000 Kunden hat Raisin – die Rosinenpicker bieten ihren Gefolgsleuten Geldanlagen im europäischen Maßstab und lassen sie von den höheren Zinsen etwa in Südeuropa profitieren. Den Onlinehandel dürfte ein Unternehmen vom Schlage „Barzahlen“ beflügeln: Die Firma bietet den Kauf im Netz gegen Bezahlung im stationären Einzelhandel an, mithilfe eines Barcodes, der in zur Zeit bei vielen Einzelhandelsketten bereits gescannt werden kann und den Rechnungsbetrag auswirft. Wer Datenmissbrauch im Onlinebanking fürchtet, ist damit gut bedient.

Die Etablierten versuchen, nicht abgehängt zu werden

An zahlreichen dieser Frontrunner beteiligen sich auch die etablierten Banken und versuchen damit, im Geschäft zu bleiben, wie immer das in Zukunft auch genau aussehen mag. Entweder über ihre Venture-Capital-Tochtergesellschaften, oder auch direkt, was die Nutzung neu entwickelter Technologien und Geschäftsideen ermöglicht. Dass da auch mal Kulturen aufeinanderprallen, dürfte ausgemachte Sache sein – ein weiterer Schritt zu Komplexität im Geschäftsmodell solcher Häuser wie Deutsche oder Commerzbank, aber auch Sparkassen und Genossenschaften gehen in diese Richtung.

Die Generation Smartphone darf man nicht davonziehen lassen. Und an den zahlreichen Geschäftsmodellen der Fintechs lässt sich erahnen, was es bisher alles nicht gab im traditionellen Geld- und Tradinggeschäft. Auch unter Experten weiß man nicht, was den jungen Wilden des Gewerbes als Nächstes einfällt. Sicher ist nur, dass viele dieser Ideen eine Lücke füllen, und damit muss sich das Bankwesen wohl anfreunden.

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