Twitter soll nicht sterben

von Reinhard Schlieker10.08.2016Wirtschaft

Das Soziale Netzwerk Twitter darf nicht sterben. Reinhard Schlieker erklärt die Gründe.

Zwei Drittel der deutschen Internetnutzer tummeln sich in sozialen Netzwerken, will man dem Branchenverband Bitkom glauben, der in einer neuen Umfrage auch ermittelte, dass Leute im Rentenalter noch zu 38 Prozent aktive Nutzer von Diensten wie etwa Facebook oder Twitter sind. In der Rangfolge der Nutzung liegt Facebook vorne, Youtube folgt – und Twitter erscheint etwas abgeschlagen bei 20 Prozent der Befragten auf dem Tableau. Dennoch – Twitter ist weltweit wichtig genug, um unter einem Gerücht, der Dienst werde 2017 geschlossen, erheblich zu leiden.

Das Gerücht, am vergangenen Donnerstag – natürlich via Twitter – in die Welt gesetzt, wäre womöglich glaubhaft gewesen, wenn man sich nur die Ertragslage des kalifornischen Unternehmens ansieht. Der Mikroblogging-Dienst hat Einnahmen fast nur aus Werbung – und das reicht nicht, um profitabel zu sein. Aber die Ertragslage ist nur ein Aspekt; viel wichtiger erscheint den Nutzern (und wohl auch den Vorständen) der Unternehmenszweck der freien Rede. Twitter sei unverzichtbar, hieß es in Reaktionen auf das Gerücht. Und an der Börse wird Twitter, wobei nur ein kleiner Teil der Aktien überhaupt ausgegeben wurde, noch immer mit etlichen Milliarden Dollar bewertet. Im November 2013 zu 26 Dollar ausgegeben, stiegen die Kurse noch am ersten Handelstag zwischenzeitlich auf an die 50 Dollar, ehe ein Niedergang einsetzte: Heute ist die Twitter-Aktie bei 20 Dollar deutlich von hrem Ausgabekurs entfernt, auch wenn seit der letzten Juliwoche der Kurs stetig zugelegt hat.

Das Gezwitscher dürfte also weitergehen – dafür stehen auch Großinvestoren wie Blackrock, das saudische Königshaus mit seinem Fonds Kingdom Holding oder der ehemalige Microsoft-Chef Steve Ballmer. Die beiden Mitbegründer des Unternehmens, Jack Dorsey und Evan Williams sind ebenfalls noch reichlich investiert. Twitter würde also definitiv wohl nicht „geschlossen“, allenfalls übernommen. Doch ein Käufer müsste sich ebenfalls mit den derzeit drückend wirkenden Problemen herumschlagen: Twitter wird zunehmend zur Spielwiese krimineller Außenseiter, darunter Rassisten und Pöbler, die weitgehend unbehelligt kübelweise verbalen Schmutz vor allem über Prominente ausgießen, besonders im Fokus der Täter sind Frauen und Farbige. Manche Nutzer ziehen sich daher bereits zurück – denn anders als etwa bei Facebook greift die Plattform kaum ein und findet auch durchgreifende Lösung für das Problem, will man heutigen und ehemaligen Managern glauben, die das Internetmagazin „Buzzfeed“ zitiert. Mit ein Grund dafür die Grundidee der Twitter-Gründer, als höchste Priorität die freie Rede zu ermöglichen – jeder Eingriff wird von den Puristen als Schlag gegen die Meinungsfreiheit gewertet. Das machen sich Hetzer zunutze, die hier leichteres Spiel haben als etwa bei der Konkurrenz. Das schließt Propagandisten vom Islamischen Staat ebenso ein wie Ku-Klux-Klan-Anhänger. Es ist die Kehrseite jener Medaille, die durch die Aktivitäten während des sogenannten arabischen Frühlings glänzen konnte, als Oppositionelle eine Öffentlichkeit schufen, die frei von Zensur ihre Anliegen verbreitete. Zwischen den Extremen findet sich auf der Plattform zudem erheblich Substanzloses, aber auch immer wieder schnelle Tweets von Personen des öffentlichen – die Mischung eben aus hunderten Millionen Meinungen. Nach dem Aufkommen des jüngsten Gerüchts schrieb eine Twitter-Kundin: „Wenn es Twitter nicht mehr gäbe, müssten wir alle aus unserem Leben etwas machen“. Warum aber damit erst auf die Schließung warten?

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