Schmutzige Deals

von Reinhard Schlieker8.07.2016Wirtschaft

Wo wird Europas Superbörse beheimatet sein? Großbritannien, das nach Verlassen der Europäischen Union ganz eigene Wege gehen könnte, scheint wichtigen Akteuren weniger denn je geeignet. Und wie geht es weiter für Carsten Kengeter? Immerhin hatte der noch im März erklärt: „Die Fusion ist gottgewollt!“ Fürwahr, große Worte. War der Brexit-Entscheid der Briten ein himmlischer Fingerzeig?

Der Brexit ist noch überhaupt nicht erklärt, da wird die bevorstehende Scheidung schon ungemütlich. Zwischen Brüssel und London fliegen teils die Fetzen, und natürlich versucht sich jede Seite in eine möglichst günstige Startposition zu bringen. Wobei es allein die Briten in der Hand haben, das Startsignal zu geben – eine Tatsache, die in der EU-Spitze so manchen fuchst. Die „Anarchie im vereinigten Königreich“ (The Economist) lässt auch kaum zukunftsfähige Planungen zu, weshalb es viele Unternehmen gibt, in aller Herren Länder, die in punkto Großbritannien schlichtweg gar nichts tun, außer abzuwarten. Ob die Rechnung bei den Briten aufgeht, ist längst nicht ausgemacht.

Ganz offensichtlich gibt es bereits Pläne, Investoren auf die Insel zu locken, teils mit Steuermodellen und anderen Incentives, die sich mit der EU-Mitgliedschaft nicht vertragen und von daher frühestens in zwei Jahren angeboten werden dürften – und auch dann nur, wenn man endgültig dem Binnenmarkt und seinen Regeln Good bye gesagt hat. Aber die Briten haben ja mit Jersey bereits ein Steuerparadies – das soll wohl das Rollenmodell werden. Ob das den Exodus der Firmen aufhalten kann? Während sich allerorten zumindest die Finanzmärkte wieder beruhigen, bietet sich anhand der Zukunft der Deutschen Börse AG bereits ein Vorgeschmack auf das wohl Kommende. Die geplante Fusion mit der Londoner LSE mag zwar kommen, aber wohl nicht zu den Konditionen, die vor allem Börsenchef Kengeter entwickelt hat.

Durch Kursverluste und den Absturz des britischen Pfunds haben sich die Gewichte noch mehr verschoben als ohnehin schon – der Plan war, eine Parität bei dem Verbund vorauszusetzen, und die Aktionäre der Londoner Börse haben dem natürlich zugestimmt. Nächste Woche sollen die Eigner der Deutschen Börse ein gleiches tun – und zudem den Sitz der Dachholding in London bestätigen. Dafür werden 75 Prozent der Stimmen gebraucht; ist diese Hürde genommen, ist noch die Zustimmung diverser Aufsichtsorgane notwendig. Der angekündigte Brexit hat da einige aufgeschreckt. Es geht um die Anwendbarkeit europäischer Regulierung, um den öffentlich-rechtlichen Charakter der Frankfurter Wertpapierbörse und einiges mehr. Vor allem ist Frankfurt Sitz der EZB und anderer EU-Behörden, der Bankenaufsicht etwa. Selbst wenn es zutreffen sollte, dass der britische Regierungschef seine Zustimmung vom Hauptsitz London abhängig gemacht hat, so dürfte dies eigentlich bei etwaigen Nachverhandlungen keine Rolle mehr spielen – Premier Cameron hat bekanntlich inzwischen andere Sorgen.

Jedenfalls böte die Aussicht, als LSE auch künftig das wichtigste Standbein in der EU zu haben, den Aktionären sicher manchen Anreiz. Von denen übrigens einige stark an beiden Börsen beteiligt sind, Blackrock etwa. Sollten die es eher unemotional sehen, wäre das ein Pluspunkt für Frankfurt. Und dass es gleichgültig sein soll, von wo aus ein Börsengeschäft betrieben wird, ist nach alltäglicher Erfahrung ein Märchen. Nähe zählt, und persönliche Kontakte auch. Ersteres für Broker mit schnellen Datenleitungen, letzteres fürs Geschäftsklima. Wäre es anders, könnte man wohl die meisten Firmen inzwischen in der Südsee finden, das sparte Heizkosten und dicke Luft.

So erscheint es offener denn je, ob die fusionierte europäische Großbörse ihren ersten Sitz je in London haben wird. Und Gott allein weiß, ob nach der anstehenden Hauptversammlung der Deutschen Börse AG deren Chef, der die große Fusion als „gottgewollt“ apostrophierte, wirklich noch Kengeter heißen wird.

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