Germany is our problem

von Reinhard Schlieker14.05.2016Innenpolitik, Wirtschaft

Die Republik verändert sich zum Grünen. Das liegt weniger am Mai, sondern am Zeitgeist. Der weht um uns alle und bringt manches in die Mitte, was – oft völlig zu Recht – früher am Rande der Gesellschaft anzutreffen war. Eine der schlimmsten Entwicklungen in dieser Hinsicht ist der Einzug einer Moral, die von denen, die sie vertreten, als stets überlegen und einzig richtig angesehen wird.

Die stets überlegene Moral, die einzig richtige, die allein korrekt ist: Genau diese Moral hält Einzug in immer mehr Parlamente und Institutionen. Diese Moral kann ob ihrer Absolutheit nur eine sein, in deren Ausübung und Exekution der Politik, den Unternehmen und vor allem jenen, die unter dem Deckmantel der politisch korrekten Denkweise operieren, so ziemlich alles zuzutrauen ist.

Wer wissen will, woher der Wind zuletzt geweht haben muss, möge sich zum Beispiel die Nomenklatura der evangelischen Kirche anzusehen: Wie die ihr Mäntelchen hängt, so muss es richtig sein, denn dort herrscht, historisch gut belegbar, ein untrüglicher Sinn für den Zeitgeist – und wie man sich diesem unterwürfig anpasst. Ob Flüchtlingsdebatte, Steuerpolitik, Außen- und Verteidigungspolitik und selbstredend alles, was mit Arbeit und Sozialem zu tun hat, all das unterliegt dem moralischen Vorbehalt, und was da nicht grün, links, feministisch und fortschrittlich, außerdem mitfühlend und vorsorgend daherkommt, fällt durch die Prüfung, abgenommen von Leuten mit Binnen-i und Unterstrichen.

Und es geht noch weiter mit der Moralkeule. Dass man ein gutes Gewissen haben kann, wenn man bei Randale und Wut auf der Straße gegen möglichst viele Vorschriften des Strafgesetzbuches verstößt, solange man nur jedem Kritiker (und das sind wenige) entgegenschleudern kann, autonom und antifaschistisch zu sein, ist mittlerweile fast gängiger Konsens. Alle anderen stehen unter schnellem Nazi-Verdacht, insbesondere wenn sie frei nach Henryk Broder zaghaft darauf hinweisen, dass es im Deutschland des Jahres 2016 keines Todesmutes bedarf, gegen den Faschismus zu kämpfen: Je länger die Nazizeit zurückliegt, desto kühner und zahlreicher werden die Antifaschisten, denen als Feindbild dann schon ein harmloser Berliner Ferienwohnungsvermieter dienen muss.

Die Wahl zwischen Anpassung und Untergang

Wer auf sich hält, passt sich an: Als hätte es ihnen eine Bischöfin diktiert, schreiben sämtliche Unternehmen, vor allem börsennotierte, sich die Finger wund an Nachhaltigkeitsberichten und Corporate Social Responsibility-Reports, ohne zu erläutern, was ersteres in einer endlichen Welt eigentlich sein soll und warum letzteres denn so notwendig sei. Kluger Geschäftssinn verbietet jedoch jede Kritik an diesen offenbar unverhandelbaren Aktivitäten, und wenn es der Prämiengestaltung eines Versicherers dient, dann lässt er auch unbelegten und unbelegbaren Unsinn über den Klimawandel vom Stapel.

Die Wahl zwischen Anpassung und Untergang steht offenbar bevor. Da bietet sich an, die Anpassung etwas schneller voranzutreiben. Deutschland kann, ja muss sogar Greenpeace und Foodwatch noch links oben überholen und die hehre Aufgabe, die etwa die Deutsche Umwelthilfe (eine Art grüner Abmahnverein mit quasi-religiösem Sendungsbewusstsein) oder Robin Wood derzeit schultern müssen, auf viele Köpfe zu verteilen wie das Einkommen auch. Die Blaupause für ein solches Deutschland gibt es seit 1944, und sie ist ebenso einfach wie genial: Um die göttlichen Ziele aller Gerechten zu erreichen, seien es Veganer oder Volksfront, Klimaschützer oder TTIP-Gegner, bietet sich ein Konzept an, das einst unter dem Namen „Morgenthau-Plan“ bekannt geworden ist. In geradezu seherischer Weise bannt der allerdings nie ernsthaft erwogene Plan all das aus Deutschland, was der heutige Zeitgeist auch nicht will: Industrie, vor allem chemische und Rüstungsindustrie. Waffen und Schwermetalle. Gift und Galle.

Aber Vorrang für Landwirtschaft, natürlich damals keine ökologische, das will man nochmal verzeihen. Dafür haben literarische Werke aus der Alternativszene, etwa das völlig zu Recht vergessene Werk „Ökotopia“, den Faden schon in den siebziger Jahren weitergesponnen. In einem ländlich geprägten Deutschland mit natürlich wogenden Bächen und kristallklaren Weizenfeldern kämen friedliches Handwerk und Landarbeit der guten Art wieder zu Geltung, und das heutige Deutschland könnte so sicherlich 30 Millionen Menschen in Lohn und Brot bringen, wobei mangels Güterverkehr das Brot wohl auch schon der Lohn wäre. In der Übergangsphase gäbe es sicher ein gewisses Knirschen, aber das legt sich dann schon.

Wer kann, haut ab

Hohe Auswandererzahlen dürften den Druck mindern, und wer dann noch aus der Ferne zu uns kommt in ein solches Land, der hat jede Anerkennung, auch als Flüchtling, schon allein deshalb verdient. Der entscheidende Nachteil liegt auf der Hand: Für die dann herrschende grün-rotgrüne Koalition gäbe es wenig zu regulieren und zu besteuern, und spektakuläre Enthüllungen investigativer Kräfte sowie Protestrallyes aller Art wären wohl eher nicht mehr zu erwarten, die entsprechenden NGOs also überflüssig. Ob das gutgehen kann? „Germany is our problem“ hieß 1945 das Buch von Henry Morgenthau. Da schwang schon damals Verzweiflung mit. Und besser ist es nicht geworden.

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