Warum nur ging es nicht andersherum?

von Reinhard Schlieker5.04.2016Innenpolitik, Wirtschaft

Ist es eine vertane Chance der Weltgeschichte? Ein singuläres Großereignis, das in die falsche Richtung und damit aus dem Ruder lief? Man wird es nie erfahren, denn die DDR ist vergangen und in der Bundesrepublik, ja leider, aufgegangen. Meint man. Womöglich aber ist noch nicht alles verloren. Der Sozialismus – kommt er zurück?

Vielleicht sind die Errungenschaften des real existierenden Sozialismus, des demokratischsten Staatswesens auf deutschem Boden, insgeheim gerettet worden von einer kleinen Schar mutiger Männer und Frauen, die das Licht der östlichen Weisheit und Erkenntnis gehütet haben wie einen Schatz, damit die Saat auch nach den Wirren jener fürchterlichen, der Wendezeit, aufgehen möge. Größer und schöner als je zuvor. Dann würde sich allerdings so manches erklären, was in der neuen Bundesrepublik mit ihrer alten Verfassung, aber ewigjungem Streben sich langsam zu verwirklichen scheint: Der Sozialismus mit menschlichstem Antlitz, welches aus deutscher Scholle hervorgrinst. Einst nur eine Utopie von manch wackerem Protestanten hinter Mauer und Stacheldraht, heute Alltag im Neuen Deutschland. Es gibt gute Gründe und viele Beispiele.

Mit den Ampelmännchen fing es an. Der Wunsch, dass auch etwas vom Boden der DDR ausgehen solle in den Westen hinein. Hätten die Beschützer des rot-grünen Ampelpaares geahnt, was die Bewegung noch anrichten und ausrichten würde, sie wären sicher glücklich gewesen. Zum Beispiel, wenn es um die Gerechtigkeit geht. Im ganzen Bundesgebiet, und nicht nur zwischen Mecklenburg und Sachsen, sucht das Volk die Gleichheit. Und versucht die Herrschaft des Kapitals einzuhegen. Und soziale Standards einzuhalten, die Lebensleistung zu verrenten und, und, und…

Man hätte das einfacher haben können: Ein Beitritt 1990 zur gerade noch existierenden DDR wäre der schnellere Weg gewesen. Man hatte dort so viele Probleme im Griff – das der öffentlichen Ordnung nur eines davon. Hart, aber herzlos. Nun gut, die Demonstrationen in Leipzig und Ostberlin gingen zuletzt ein bisschen aus dem Leim, aber zusammen mit dem Bundesgrenzschutz hätte man das schon hinbekommen; psychologisch feinfühliger vielleicht mit der Zusicherung, dass ohnehin fast alles in Erfüllung gehen würde, was der Protest sich wünschte: Reisefreiheit etwa. Oder bessere Jobs. Hätte sich wohl machen lassen. Die Gleichheit auf der Straße wäre ihrer Verwirklichung nähergekommen: Trabbis für alle, kein wilder Wunschtraum mehr mit der Wirtschaftskraft des westlichen Beitrittsgebietes. Wer unbedingt einen schwarzen Volvo fahren will, kann das ja problemlos tun – in abgeschirmten Siedlungen nahe Berlin eben wie vormals schon.

In der DDR wäre das nicht passiert!

Um das Auge der Passanten nicht zu beleidigen, hätte sich sicherlich auch ohne Kapitalisten die Altbausubstanz verschönern lassen. Dafür eben gewisse Einschnitte in der Versorgung des Westens mit Bananen und ähnlichen Gütern des dekadenten Bedarfs. Das sind nur kleine Dinge – viel wesentlicher ist es doch, dass die Richtung stimmt: Wer entscheidet? Der Staat, dann nämlich kann alles doch knack und back gehen! Nehmen wir den hypothetischen Fall, dass Reiche (die es ja gar nicht geben sollte) von der Bank (es gibt nur eine) ersucht würden, ihre Millionen (Ostmark?) in Panama zu lagern – das wäre verboten gewesen, natürlich. Und genau so ein Verbot werden die Bundesminister Maas und Gabriel jetzt anstreben für uns alle.

Wie gesagt, nicht alles Gute ist mit der DDR untergegangen. Die posthume Aufholjagd läuft. Renten etwa, für die man Beiträge zahlt, werden auch an jene erhöht ausgeteilt, die kaum Beiträge gezahlt haben. Ganz einfach, weil es gerecht ist. In der heutigen Bundesrepublik geht etwas mehr als jeder zweite Euro durch die Hände staatlicher Institutionen – bei Honecker selig waren es an die 85 Prozent, die kleine Lücke muss doch zu schließen sein. Etwas mühselig verläuft in der real extistierenden Bundesrepublik noch vieles, von der noch nicht ganz verstaatlichten und daher ungerechten Krankenversicherung bis hin zu jungen und alten Pionieren des Guten, Wahren und Schönen, die sich – kaum ausreichend subventioniert – um ureigenste Aufgaben des weisen Staates kümmern müssen: Der Nachweis irreführender Werbung für Lebensmittel, der Frevel der Klimaleugner, die Schnoddrigkeiten der börsenfitten Bahn; der Raubbau an jenen Teilen der Natur, der NGOs gerade wichtig erscheint zwischen Feldhamster und Turmfalke – all das wäre in umfassender Kompetenz eines Bundesamtes ausreichend aufgehoben. Für private Bürgerinitiativen: kein Bedarf.

Ach, und dann die Energiewende mit ihrem geradezu satanischen Sparpotential ein leichtes Spiel, kein zäher Kampf. In den bundeseigenen Motorenwerken gäbe es keine Software, schon gar nicht betrügerische. Globalisierung ein Phänomen, das staunend und mit Schauder betrachtet werden könnte, aber, gottlob nicht uns verunsichernd. Niemand in Amt und damit Würden käme auf solche Ideen wie Freihandel mit TTIP – wozu, womit? Eingebettet auch politisch endlich in eine faire Distanz vom heruntergekommenen Westen. Man genügt sich selbst, mit AfD: Alles für Deutschland sozusagen, gegeben von allen.

Der Weg zu einem derart geordneten Staatswesen mit neuen Menschen ganz ohne Gentechnik wäre sicherlich einfacher gewesen andersherum, aber auch so, nach 26 Jahren Beitrittsgebiet wie es nun mal war, sieht man die Früchte der geistig-moralischen Wende, die das Jahr 1990 irgendwie bedeutet haben muss. Wir sind nur noch zu dicht dran, zu viele denken noch in den alten Bahnen, aber Ochs und Esel werden schwinden und nicht den Sozialismus aufhalten, wie es jener greise Führer einst geweissagt hat.

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