Ein neues Zeitalter der Entdeckungen

Reinhard Schlieker11.03.2016Wirtschaft

Könnte es sein, dass die aktuelle Situation an den Börsen jener gleicht, die bei ihrer Entstehung und kurz danach herrschte? Risikoaffine Kaufleute prägten einst das Bild, die Schiffsreisen ins Ungewisse finanzierten, um nach der erhofften Rückkehr der Segler aus Gebieten, die nicht mal einen Namen hatten, wohl aber Gewürze, Seide und Geschmeide, sagenhaft reich zu werden.

Manchmal haben die Kaufleute früherer Jahrhunderte auch eine Flotte bezahlt, die dann spurlos in den Ozeanen verschwand, das gehörte zum Risiko des Geschäft. Haben wir nun wieder eine Zeit der Entdeckungen, die ungerheuren Wagnisse? Es sieht in der Tat manchmal so aus. Denn es gibt solche Zeitpunkte immer wieder. Der Boom der Eisenbahnaktien in den USA im 19. Jahrhundert war so einer, ein weiterer vielleicht der Neue Markt, der weltweit unter verschiedenen Bezeichnungen Technologie-Aktien forderte und förderte, ehe er daran zugrunde ging.

Die tollkühnen Kaufleute von heute senden Flotten, die auf Namen wie „selbstlernende Anlage-Software“ hören, und sie sind Größenwahn at it’s best: Computer bestimmen das Anlageverhalten großer Fondsgesellschaften, und im Idealfall stellen sie den Kunden Mixturen zusammen, die deren Risikoprofil bedienen. Vergessen scheint die Einsicht, dass Maschinen jeder Façon keinen Verstand haben – so mancher Investor mag sich mit der Erkenntnis begnügen, dass dies erwiesenermaßen auch bei vielen menschlichen Entscheidern der Fall ist.

Zufriedenstellen kann uns das allerdings nicht. Die aufgebotenen Algorithmen ziehen an manchen Tagen eine Spur der Verwüstung durch die Börsenlandschaft. Die Volatilität ist Zeuge davon, wenn ohne erkennbaren Grund Bewegungen und Gegenbewegungen so ausfallen, wie man es in Jahresverläufen zu sehen gewohnt war. Menschliche Händler und Anleger stehen vor enormen Herausforderungen: Sie müssen nicht nur die Große Maschine besiegen, die immer dann obsiegen dürfte, wenn rein rechnerische Ergebnisse gewünscht sind, sondern auch noch darauf achten, dass sie deren Fehler nicht nachahmen. Denn der Computer ist verantwortungslos, wie könnte es denn auch anders sein, und die Folgen des Handelns sind im Alltag völlig entrückt von den Ideengebern, die einst seine Schaltkreise gespeist haben.

Im Ozean der Softwareformeln

Neben der Volatilität droht ein weiteres Risiko des automatisierten Programmhandels: dessen völlige Fehlentwicklung. Dass auch heutzutage mal eine Flotte voll von Werten verschwindet, und zwar im Ozean der Softwareformeln, völlig spurlos: das ist sehr wohl möglich. Vor diesem Hintergrund des neuen, automatisierten Börsenhandels vollzieht sich die allzu menschliche Entwicklung von Politik, Gesellschaft und Wirtschaft auf dem Globus in Bahnen, die wir ebenfalls so nicht kannten. Das gemeinsame Auftreten von gewaltigen Risiken aus allen Lebensbereichen ist heute von einer Wucht, die es zuvor allenfalls im Mittelalter gab, mit Pestepidemien zum Beispiel, die ganze Lebensweisen und Kulturen zerstörten. Wir haben den Syrienkrieg, den Islamischen Staat des Terrors, die Orientierungslosigkeit in China, wo eine starre Regierung alter Männer ein dynamisches Wirtschaftsleben aufbauen wollte und derzeit grandios scheitert.

Wir haben zu allem hin einen Ölpreis, der sich tief unten einpendelt, wo doch nach Überzeugung aller Experten vor noch rund zwanzig Jahren das „schwarze Gold“ immer seltener und teurer werden sollte. Die wenigen Prozentpunkte, die das Öl letzthin wieder stieg, fallen kaum ins Gewicht. Jetzt macht nicht die Knappheit Nigeria oder Venezuela zu scheiternden Staaten, sondern der billige Überfluss. Wir haben Migration über Kontinente hinweg, aus korrupten Diktaturen hin zu europäischen Wohlstandsgesellschaften mit verbrieften Menschenrechten. Die Lücken, die für den Aufbau eigener moderner Staatswesen etwa in Afrika entstehen, sind kaum zu schließen. Was Leute wie „Boko-Haram“-Terroristen auch noch gut finden – sie verhungern sicher als Letzte.

Wir haben einen von hirnloser Politik, weitgehender Kulturlosigkeit und rückständiger Lebensweise geprägten Mittleren Osten, der vor dem Ölzeitalter lange völlig bedeutungslos war und es nun wieder werden würde, wäre da nicht das Gewaltpotenzial. Auf dem Weg in den sicheren Ruin befindet sich Saudi-Arabien, das beim derzeitigen Ölpreis noch vier Jahre durchhalten kann. Der Iran hat sogar noch etwas länger Zeit, da an Sanktionen gewöhnt und leidensfähig: nicht die herrschenden Mullahs, wohl aber die Bevölkerung. In die Gemengelage regiert Russland hinein, mit sowjetisch inspirierter Politik der Landnahme im eigenen Umkreis und militärischer Intervention anderswo, wohl wissend, dass Nato und USA vor allem zurückschrecken, was mit Opfern verbunden sein könnte.

Ein Vorbild aus Norwegen

An den wenigen guten Beispielen nimmt sich kaum jemand ein Vorbild: Der staatliche Pensionsfonds des demokratischen Norwegen etwa, mit 734 Milliarden Euro eine der reichsten Entitäten des Globus, agiert seit 1967 vorausschauend und verdient weit mehr – mit ethisch auch noch vertretbaren Investments! – als man bräuchte, um das norwegische Staatsdefizit zu decken, und das tut er dann auch. Hierzulande würde das Defizit vermutlich deswegen ungebremst steigen, dort herrscht Disziplin. Kuwait ist bekannt für eine ähnliche Strategie zur Sicherung des Zeitalters nach dem Öl. Allerdings ist die materielle Sicherung der Bevölkerung dort mit staatlichen Wohltaten, und das Delegieren der unbeliebten Arbeiten an Zuwanderer mit sklavenähnlichem Status, kein Konzept, das Zukunft haben dürfte. Das müssen die Golfstaaten noch lernen, ebenso wie Saudi-Arabien, dass Frauen autofahren können, wenn man sie lässt, und dass so etwas wie eine „Religionspolizei“ aus sehr gutem Grund in Europa seit Jahrhunderten nicht mehr existiert.

Das Zusammenwachsen der Computernetze, das Virtuelle und Schnelle des Geschäftslebens bei gleichzeitig gar nicht virtuellen Konflikten zwischen dem Geist der Steinzeit und moderner Umwelt wird die beherrschende Frage unseres Lebens bleiben, und nicht nur, aber auch, des Börsenlebens. Die Zeiten der mal schrecklichen, mal beruhigenden Übersichtlichkeit sind vorbei.

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