Der Mythos staatlicher Souveränität hilft Unternehmen, uns zu bescheißen. Thomas Piketty

In Maßen, nicht Massen

1,3 Millionen Alkoholiker in Deutschland können nicht irren: Alkohol sollte stärker besteuert werden. Denn wer seinen Konsum auf 12 bis 24 Gramm Alkohol reduziert, lebt länger und gesünder. Wer wissen will, wie’s geht, muss in die Schweiz blicken.

Trinken Sie ruhig weiter, wenn Sie als erwachsene Frau täglich nicht mehr als 12 g und als erwachsener Mann nicht mehr als 24 g reinen Alkohol konsumieren. Denn dann sind Sie, laut BMG-Forschungsauftrag, nur an der obersten Grenze der Gruppe mit einer risikoarmen Konsummenge (Jahrbuch Sucht 2010, DHS). Wenn sich ab jetzt alle erwachsenen Deutschen danach richten würden, wäre die Suchthilfe wie auch die Suchtselbsthilfe trotzdem noch Jahre damit beschäftigt, die 1,3 Millionen Alkoholkranken in Deutschland “abzuarbeiten”, die ein abstinentes Dasein lernen müssen, wenn sie gut durchs Leben kommen wollen.

So gesehen würden durch ein genussvolles Trinken in den genannten Mengen die Arbeitsplätze in der Suchthilfe verträglich abgebaut. Die ehrenamtlichen Mitarbeiter in der Suchtselbsthilfe wären lernfähig, auch mit den noch verbleibenden anders Süchtigen, die dann wahrscheinlich vermehrt in der Gesellschaft auftreten würden, umzugehen. Keine Langeweile käme auf.

Nun ist es aber so, dass etwa 9,5 Millionen der deutschen erwachsenen Bevölkerung missbräuchlich alkoholische Getränke zu sich nehmen. Die dadurch entstehenden und entstandenen gesundheitlichen Schäden sind enorm und ihre Behandlung (8,4 Mrd. Euro –JBS2010, DHS) wird von den Krankenkassen bezahlt, sprich: auch von denen, die alkoholabstinent leben oder den obigen Maßstab einhalten.

Zahlen wir doch drauf

Um die Zahl von 9,5 Millionen zu reduzieren, könnte eine Kostensteigerung (deutsche Alkoholsteuern liegen unter dem EU-Durchschnitt) von Alkoholika helfen, ähnlich wie bei der Verteuerung der Alkopops. Denn aus früheren Jahrhunderten wissen wir, dass alkoholische Getränke für Otto Normalverbraucher unerschwinglich waren und nur bei Ritualen und besonderen Festen getrunken wurden, sodass dadurch bedingt nur ein geringes Suchtrisiko bestand. Dass Alkoholverteuerung auch heute nützlich sein kann, diese Erfahrung hat bereits die Schweiz gemacht.

Auch hierin kann die Schweiz uns Vorbild sein, die von der Alkoholsteuer seit Jahrzehnten Gelder für die Suchtprävention und Suchtbehandlung bereitstellt. Gerade in der Suchtprävention erfahren wir als Blaues Kreuz in unseren Jugend- und Streetwork-Einrichtungen, dass Mittel der Jugendhilfe gekürzt, dafür aber an nicht so “überlebenswichtigen” Positionen wie Kultur erhöht werden. Suchtprävention soll helfen, die Lebensprobleme ohne Alkohol oder andere Suchtmittel bewältigen zu können, soll lebensstark machen und zu einem genussvollen Leben verhelfen, von uns aus auch mit alkoholischen Getränken in den oben genannten Mengen.

Gönnen wir uns etwas Gutes

Sollte die Alkoholsteuer drastisch erhöht und damit Suchtprävention und Suchtkrankenhilfe besser finanziert werden, dann wird dies einen Dominoeffekt auslösen: Die neuen Erwachsenen würden lebensstark und weniger suchtkrank; die Suchtkranken würden weniger, weil ihnen eher und mehr geholfen werden könnte – mindestens die jetzigen Zuzahlungen an die Krankenkassen könnten sofort wieder wegfallen und sie würden trotzdem schwarze Zahlen schreiben, weil die Folgekosten des missbräuchlichen und süchtigen Trinkens sich reduzieren würden; der Arbeitgeber könnte sich montags freuen, dass alle Arbeitnehmer pünktlich da wären und er keine Ausfälle hätte wegen Suchtmittelmissbrauchs am Wochenende – wir Deutschen würden gesünder, lebensfroher und damit zufriedener. Wer wünscht sich das nicht?

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Henning Hirsch, Nils Pickert, Albert Wunsch.

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Alkohol, Schweiz, Gesundheit

Debatte

Pflegepersonal-Stärkungsgesetz

Medium_9e2dac0043

Wir brauchen mehr soziale Sicherheit

"Wir sorgen mit dem Versichertenentlastungsgesetz für eine Entlastung aller gesetzlich versicherten Angestellten, deren Beitrag direkt vom Lohn abgezogen wird, indem wir Arbeitgeber und Arbeitnehme... weiterlesen

Medium_2e33ed79dd
von Jens Spahn
12.10.2018

Debatte

Unstatistik des Monats

Medium_810ba412ab

0,5 Prozent erhöhtes Gesundheits-Risiko bei einem Drink pro Tag

Die Unstatistik des Monats August ist eine Analyse der Fachzeitschrift „Lancet“ von 83 Studien mit insgesamt etwa 600.000 Menschen über die Auswirkung von Alkohol. Ein Ergebnis dieser Studie wurde ... weiterlesen

Debatte

Geblendet durch die Gleichheitsbrille

Medium_5b18cc04e2

Der Mythos der Zweiklassenmedizin

Forderungen, wie die nach einer Bürgerversicherung, sind Ausdruck eines unheilvollen Phänomens. Geblendet durch die Gleichheitsbrille werden Scheinprobleme geschaffen und soziale Spaltung betrieben. weiterlesen

Medium_53a9f30f70
von Florian A. Hartjen
20.01.2018
meistgelesen / meistkommentiert