Krankheit gemeldet, Patient tot

Reinhard Kurth21.06.2011Gesellschaft & Kultur, Politik

Die Seuchenbekämpfung in Deutschland krankt an der Bürokratie. Ganze 14 Tage können vergehen, bis die Ausbrüche gefährlicher Krankheiten auf offiziellem Weg gemeldet sind. Mit solchen Abläufen lassen sich Infektionen nicht verhindern.

Am 15. März 2003, einem Samstag, erreichte früh um 8 Uhr ein Anruf aus dem Gesundheitsamt Frankfurt das Robert-Koch-Institut: eine offensichtlich mit SARS infizierte Familie würde in zwei Stunden in Frankfurt landen. SARS, eine akute und oft tödliche Lungeninfektion unbekannter Genese, von Mensch zu Mensch übertragbar, wütete seit Wochen in Südostasien und war der Schrecken der dort lebenden Menschen. Was tun? Patienten isolieren, medizinisches Personal schützen, Therapien versuchen. Die schnelle Identifizierung eines völlig neuartigen Virus war eine Glanzleistung einiger deutscher Virologen. Die Patienten überlebten, der Ausbruch konnte geografisch begrenzt werden. Frankfurt, Hessen und der Bund kooperierten ziemlich erfolgreich.

Superkeim EHEC

EHEC ist auch ein Ausbruch, aber geografisch weitläufiger und damit schwieriger zu bekämpfen. Die in meist gesunden Wiederkäuern ubiquitär verbreiteten Darmbakterien werden fäkal ausgeschieden und können über Verunreinigungen in die Lebensmittelherstellung gelangen. Die meldepflichtige Erkrankung tritt jedes Jahr auf. Der jetzige Ausbruch mit seinen vielen als HUS bezeichneten schweren Verläufen ist das größte jemals in Deutschland registrierte EHEC-Seuchengeschehen. EHEC 2011 illustriert gleichermaßen die Stärken und Schwächen der Seuchenabwehr in Deutschland – und die gesellschaftliche Reaktion darauf. Das Infektionsschutzgesetz regelt unter anderem, dass meldepflichtige Erkrankungen von den diagnostizierenden Ärzten über die über 400 örtlichen Gesundheitsämter an die Landesgesundheitsministerien und von dort schließlich an das RKI gemeldet werden müssen. Der Vorgang darf 14 Tage dauern. Im Einzelfall akzeptabel, bei Ausbrüchen aber völlig unbefriedigend und kontraproduktiv. Krankenhäuser informieren deshalb nicht selten gleichzeitig auch das RKI. Eigentlich eine Gesetzesumgehung, die niemanden aufregt, weil sie hilfreich ist. Der Bund hat bekanntlich bis auf Ausnahmen keine Exekutivgewalt nach innen, was dazu führt, dass im RKI eine sehr gut ausgebildete, hoch motivierte und einsatzbereite Task Force vorgehalten wird, die aber erst tätig werden darf, wenn sie aus den Bundesländern darum gebeten wird. Als ob die Feuerwehr erst dann eingreifen darf, wenn der Hausbesitzer seine Zustimmung gegeben hat. Grotesk.

Der Krankmacher des Föderalismus

EHEC ist rein epidemiologisch gesehen relativ unbedeutend. Nach dem 11. September 2001 und den Milzbrandbriefen in den USA sind bioterroristische Szenarien von ganz anderem Ausmaß und Schweregrad vorstellbar. Alarm- und Abwehrpläne liegen im RKI vor. Sollte bei einem, zugegeben derzeit extrem unwahrscheinlichen Anschlag auch erst der Instanzenweg eingehalten werden? Die Konzentration seuchenhygienischer Verantwortung beim Bund würde auch eine effektivere Information der Öffentlichkeit über die Medien ermöglichen. Angst, gar Hysterie, könnte erfolgreicher durch sachliche Aufklärung begegnet werden. Meinungsführerschaft durch den Bund würde selbsternannte Experten zügeln und die Kakophonie reduzieren. Gelassenheit ohne Nachlässigkeit könnte beruhigen und wirtschaftliche Schäden mindern. Die notwendigen neuen Strukturen sind auch ohne neue Mammutbehörden denkbar. SARS wurde erfolgreich abgewehrt. Nach HIV/AIDS, Rinderwahnsinn, Vogel- und Schweinegrippe werden auch zukünftig immer wieder neue Ausbrüche oder gar Epidemien uns beunruhigen. Wir besitzen die Werkzeuge, damit erfolgreich umzugehen. Wir müssen nur einmal die Werkstatt aufräumen.

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