Land der Datenzwerge

von Reinhard Clemens30.07.2013Gesellschaft & Kultur, Wirtschaft

Typisch deutsch, Big Data zu verteufeln. Anderswo wird längst gezeigt, was man mit diesem Rohstoff alles anstellen kann.

Deutschland gilt als Land der Skeptiker. Bevor sich Innovationen im Massenmarkt durchsetzen, klopfen wir kritischen Deutschen alles bis ins letzte Detail auf Vor- und Nachteile ab. Die IT-Branche hat diese Skepsis in der Vergangenheit teilweise schmerzlich erfahren.

Doch die Bedeutung der IT als zentrale Drehscheibe jeder Unternehmung nimmt weiter zu. Wir diskutieren aber erneut mehr über eventuelle Risiken als über sich bietende Chancen. Ob mit Cloud Computing, Big Data oder Open Data: In Deutschland finden die Gegner mehr Gehör als die Befürworter. Sind die Argumente zu schwach, oder gehen wir zu wenig auf die Ängste der Skeptiker ein?

Die Wahrheit liegt in der Mitte. Big Data ist eng mit dem Datenschutz verknüpft. Anbieter müssen daher beim Thema Datenschutz alles dafür tun, durch Transparenz das Vertrauen der Kunden zu gewinnen und die offensichtlichen Vorteile dieser Technologien deutlich herauszustellen. Ansonsten droht in der Diskussion um Big Data eine Schieflage.

Derzeit besteht der Eindruck, dass Unternehmen Kundendaten sowie aus dem Internet gefischte Informationen ausschließlich zu ihrem eigenen Vorteil nutzen wollen – und damit zum Nachteil der Kunden. Sie durchleuchten die Verbraucher bis ins letzte Detail, um mit gezielter Werbung noch mehr Druck auf sie auszuüben. Wer Big Data nur auf dieses Szenario reduziert, denkt jedoch zu kurz.

Big Data ist erstens kein Teufelszeug und zweitens mehr als nur eine Technologie. Im Grunde ist Big Data eine gesellschaftliche Haltung, deren Grundpfeiler Datenschutz und Datenbewusstsein sind und die dem Gemeinwohl nützen kann. Die Analyse riesiger Datenmengen jedweder Struktur bringt den Rohstoff Daten in ganz neue Zusammenhänge – es entstehen Informationen zum Vorteil für Verbraucher, Unternehmen und Gesellschaft. Voraussetzung dafür ist, dass wir uns bewusst machen, wie wertvoll Daten sein können – nicht nur im materiellen, auch im immateriellen Sinne.

Ein Beispiel: Dank der Analyse individueller Daten von Frühgeborenen wissen Mediziner heute, bei welchen Symptomen es angeraten ist, einen kleinen Menschen sofort medikamentös zu behandeln, um Schlimmeres zu verhindern. Diese Informationen sind unglaublich wertvoll, haben aber dennoch kein finanzielles Äquivalent. Wer aber von solchen Informationen profitieren kann, ist auch eher bereit, im Gegenzug eigene Daten zur Verfügung zu stellen.

Big Data lebt auch vom Gedanken des Mitmachens, und das steht und fällt mit der Frage des persönlichen Nutzens.

Was daraus erwachsen kann, zeigen Open-Data-Initiativen in Ländern, die öffentliche Daten für jedermann verfügbar und nutzbar machen. Dies sind etwa Daten der öffentlichen Verwaltung. Die USA und Großbritannien sind die Vorreiter­ dieser Bewegung.

US-Präsident Barack Obama hat beispielsweise die Daten der Regierung im Internet auf “www.data.gov”:http://www.data.gov frei zugänglich gemacht. Innovative Software-Entwickler greifen seitdem auf Millionen von Daten zu und bauen daraus nützliche Apps für alle. Sie verknüpfen Rohdaten von Umwelt- und Wetteraufzeichnungen, Energie- und Verbrauchsdaten oder Bildungs- und Gesundheitsdaten mit geografischen Informationen. Daraus entstehen Smartphone-Apps wie Airnow, über die Allergiker Zugriff auf Echtzeitinformationen zur Luftqualität bekommen.

In Kanada veröffentlicht die Website Eatsure die Prüfergebnisse staatlicher Lebensmittelkontrollen, greift dafür auf die Daten der Behörde zu und verbindet sie mit Geodaten. So erhalten Besucher der Seite einen aktuellen Überblick über die Lebensmittelqualität von Restaurants oder Lebensmittelhändlern. Eatsure verrät dann zum Beispiel, dass Domino’s Pizza in der kanadischen Stadt London während einer Kontrolle Mitte Januar 2013 unbekannte giftige Substanzen in unmittelbarer Nähe zu Lebensmitteln gelagert hatte. Eine wertvolle Information für den Verbraucher.

Auch in Deutschland blühen erste zarte Open-Data-Anwendungen auf. Unter “www.frankfurt-gestalten.de”:http://www.frankfurt-gestalten.de verfolgen Bürger lokalpolitische Vorgänge und starten eigene Initiativen. Die Betreiber nutzen Einträge einer Datenbank der Stadt Frankfurt und verknüpfen sie mit Ortsdaten sowie Mitteilungen, Polizei- und Baustellenmeldungen und lokalen Nachrichten anderer Initiativen. So entstehen Diskussionen über geplante Verkehrsprojekte, den Haushalt oder Anträge des Oberbürgermeisters.

Noch ist Deutschland allerdings in Punkto Open Data ein Datenzwerg. Das mit dem US-Portal “www.data.gov”:http://www.data.gov vergleichbare Datenportal für Deutschland “www.govdata.de”:http://www.govdata.de bringt es aktuell auf 14 Apps, während in den USA mehr als 350 Apps zum sofortigen Einsatz bereitstehen.

Transparenz und Vertrauen sind zwei entscheidende Merkmale, um die Skepsis gegenüber neuen Technologien zu verringern. Im Fall von Big Data sind wir Unternehmen gefragt, deutlich zu machen, dass Datenanalysen einen konkreten Nutzen jenseits rein kommerzieller Orientierung haben.

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