Wir müssen Transparenz verpflichtend machen. Viviane Reding

Kritik der reichen Vernunft

Die ehemaligen Vorkämpfer der linken Kapitalismuskritik sind längst in den Hintergrund getreten – echte Kritik kommt nunmehr von allen Seiten und fordert statt Revolution lieber einfache Vernunft.

Meine Güte, das ist ja eine richtig aufrüttelnde Fragestellung! „Die linke Kapitalismuskritik“? Hat sich „linke Kapitalismuskritik“ seit 1968 entwickelt? Ich möchte zurückfragen: Haben sich die Klischees über „linke Kapitalismuskritik“ seit 1968 weiterentwickelt oder werden sie heute nur aufgewärmt?

Kapitalismuskritik kommt von allen Seiten

Wenn etwas gerade nicht so im Zentrum steht, dann ist es die „linke Kapitalismuskritik“. Deren Vorkämpfer und Vorkämpferinnen krebsen in Deutschland in Umfragen gerade bei 7 Prozent herum und müssen sich bei ihrem Programmparteitag eines drogenpolitischen Fauxpas bedienen, um außerhalb der eigenen Reihen überhaupt eine Emotion zu wecken.

Kapitalismuskritik hat derzeit tatsächlich Hochkonjunktur, aber nicht, weil sie links wäre, sondern weil sie von allen Seiten kommt: von Seiner Heiligkeit, Papst Benedictus XVI; von Wen Jiabao, dem Ministerpräsidenten der chinesischen Kapitalismus-Variante; von rechts-radikalen Tea-Party-Freaks; von allen Sozialstaatsverteidigern; von spinnerten Zeitgeist-New-Age-Fantasten; vom Vorstandsvorsitzenden der Robert Bosch GmbH; von harmlos-unpolitischen Erst-Demonstranten; von schwäbischen Hausfrauen; von dialektischen Neoliberalen, die den Staaten vorwerfen, durch falsche Regulierung den Kapitalismus auf Abwege gebracht zu haben; vom Welt-Ökonomen Helmut Schmidt; von deutschen und französischen Grünen im etwas dissonanten Duett; von allen Edelfedern und von Nicolas Sarkozy, der Personifikation der Sprunghaftigkeit des Weltgeistes.

Die Grundaussage dieser Kapitalismuskritik von heute ist nicht, wie 1968, die Forderung, den Kapitalismus zugunsten eines schemenhaften Sozialismus zu „überwinden“, sondern die inständige Bitte, dass der Kapitalismus doch – wenn’s geht: heute noch – sein aus den Fugen geratenes Treiben korrigieren und quasi wieder vernünftig werden solle. Die Gewerkschaften, die in der heutigen Kapitalismuskritik keine besonders sichtbare Rolle spielen, könnte man vielleicht bitten, diese Suche nach Mäßigung im Kapitalismus, die ja ihr Organisationsprinzip ist, als Resolution zu formulieren. Die würde dann vielleicht heißen: „Rheinischer Kapitalismus – für alle und global“.

Occupy Wall Street & Co. sind ein Mosaikstein in der aktuell allumfassenden Kapitalismuskritik. Manche meinen, weil Michael Moore und George Soros Occupy Wall Street unterstützen und weil 41 Prozent der US-Amerikaner sich der Tea Party mehr verbunden fühlen als der Occupy-Bewegung, wäre Occupy links. Ich glaube das nicht. Da gibt es linke Leute und andere. Ihr Zorn ist legitim, aber ihre Ziele sind eher unklar. Veränderung, irgendwie.

Besser als Scheingewissheiten

Mir ist die vage, widersprüchliche, uneinheitliche, unausgegorene Kapitalismuskritik, die derzeit en vogue ist, lieber als eine Neuauflage alter Scheingewissheiten. Wenn sich Geschichte schon als Tragödie und Komödie wiederholt hat, soll man keine weiteren Wiederholungen ansetzen. Man muss ja auch nicht vergessen, dass aus dem Versprechen, den Kapitalismus abzuschaffen, sich zwei Wege ergaben, von denen einer in die Barbarei zu führen drohte und einer – de facto zur Modernisierung des Kapitalismus führte. Das wird ein erheblicher Gewinn, wenn Auswege aus den Aporien unserer real existierenden Gesellschaftsordnung nicht mehr in das Versprechen eines „ganz anderen“ gekleidet werden, sondern als Selbstkritik unserer Un-Ordnung daherkommen. Zu Radikalität und Pragmatismus bereit.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Rainer Zitelmann, Franz Sommerfeld, Dietmar Bartsch.

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Mehr zum Thema: Die-linke, Kapitalismuskritik, Occupy-wallstreet

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