Wir müssen in Afghanistan viele gemeinsame Tassen Tee trinken. Rajendra Pachauri

Grexit aus Eigennutz

Die vielzitierte Solidarität mit Griechenland entpuppt sich als Ammenmärchen. Kaum geht von dem Land keine fiskalische Ansteckungsgefahr mehr aus, überlässt man es seinem Schicksal. Ein Grexit wird von der deutschen Bundesregierung bewusst herbeigeredet und der europäische Zusammenhalt preisgegeben.

Die Beziehungen zwischen Athen und Berlin könnten schlechter kaum sein. Beide Seiten unternehmen nicht einmal mehr den Versuch, ihre Meinungsverschiedenheiten hinter den sonst so üblichen diplomatischen Höflichkeitsformeln zu verbergen. Die Pressekonferenzen der Herren Schäuble und Varoufakis sind sinnbildlich für ein Verhältnis zweier Länder, die sich nicht mehr viel zu sagen haben. Profiteur der Krise ist die Satire-Industrie. Oliver Welke und Jan Böhmermann können sich wahrlich nicht über einen Mangel an Footage beklagen und in der Tat ist Humor ein guter Ratgeber, um die Absurditäten der griechisch-deutschen Seifenoper erträglicher zu machen.

Sankt Martin der europäischen Finanzpolitik

Die Entfremdung der beiden Länder ist nicht neu. Schließlich gehören die deutsche und griechische Regierung seit vielen Jahren zu den Antipoden der Euro-Krise. Nichtsdestotrotz erreichte der Zwist zu Jahresbeginn ein neues Level. Aus dem Bundeskanzleramt hieß es im Januar, die deutsche Bundesregierung hielte einen Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone für verkraftbar. Rums! Das hat gesessen.

Das bewusst lancierte Statement war nichts anderes als ein volkswirtschaftliches „Fuck you“ an die Adresse Athens. Einen Mittelfinger brauchte es dafür nicht. Viele Jahre der deutschen Euro-Politik wurden plötzlich von höchster Stelle auf den Kopf gestellt. Doch warum der Sinneswandel? Schließlich war es lange Zeit ein parteiübergreifendes Mantra, ein Ausscheiden Griechenlands aus dem gemeinsamen Währungsraum um alles in der Welt zu verhindern. Nicht selten wurde hierbei mit großem Pathos argumentiert: Europa sei eine Wertegemeinschaft. Griechenland dürfe nicht im Stich gelassen werden. Und schließlich gelte es auch in Zeiten der Krise, solidarisch beieinanderzustehen.

Deutschland stilisierte sich hierbei zum Sankt Martin der europäischen Finanzpolitik. Glaubte man dem herrschenden Mainstream, waren die milliardenschweren Garantien der Bundesrepublik ein aufopferungsvoller und rein altruistischer Beitrag, um den Griechen und allen weiteren Schuldnerstaaten unter die Arme zu greifen. Vollkommen ohne Eigennutz natürlich. Viele Bundesbürger gefielen sich in der Rolle des benevolenten Gönners, war doch endlich die Gelegenheit gekommen, mit dem Vorurteil des spaßbefreiten Deutschen aufzuräumen, dem es an Empathie und Mitmenschlichkeit fehle.

Anti-griechische Ressentiments

Doch weit gefehlt! Der neue Kurs in Sachen Griechenland-Austritt ist ein offenes Eingeständnis, dass es in den vergangenen Jahren eben nicht um Solidarität mit dem verschuldeten Griechenland ging. Die Begründung lieferte das Kanzleramt gleich mit. Denn nach Jahren der europäischen Krisenbewältigung sei die Euro-Zone nun stark genug, um ein Überschwappen einer griechischen Staatspleite auf andere Volkswirtschaften zu verhindern. Die Ansteckungsgefahr sei gebannt. Das heißt im Umkehrschluss aber auch: Wenn es hart auf hart kommt, könne man Griechenland sich selbst überlassen. Paris und Rom aufgepasst: Eine solche Gleichung gilt natürlich für alle pleitebedrohten Staaten, von denen kein Risiko mehr für den Rest Europas zu erwarten ist.

Das Signal, das von einer solchen Denke ausgeht, ist verheerend. Demnach beginnt Solidarität erst dort, wo die Gefahr einer kollektiven Haftung droht. Der vermeintliche Beistand für einen anderen Staat verkommt vor diesem Hintergrund zu einem reinen Akt des staatlichen Eigeninteresses und die Europäische Union zu einer Zweckgemeinschaft. Doch was sind sieben Jahrzehnte europäischer Einigung wert, wenn am Ende dann doch jeder Staat sich selbst der nächste ist? War Europa nicht immer auch ein Projekt zur Überwindung nationaler Egoismen?

Der vom Kanzleramt ins Spiel gebrachte „Grexit“ entwickelt sich zunehmend zur „self-fulfilling prophecy“. Laut Politbarometer befürwortet eine Mehrheit der Deutschen einen Austritt Griechenlands aus dem gemeinsamen Währungsraum. Die Boulevard-Blätter tun ihr Übriges, anti-griechische Ressentiments zu schüren und die Stimmung aufzuwiegeln. Die vorgetragenen Gründe lauten immer gleich: Deutsche Steuergelder dürfen in Griechenland nicht verbraten werden. Doch die Heftigkeit, mit der viele deutsche Meinungsführer gegen die „Pleitegriechen“ wettern, ist neu und verstößt nicht selten gegen gute Manieren der politischen Auseinandersetzung.

Deutschland als Nutznießer europäischer Solidarität

Dabei sollte gerade Deutschland ein besonderes Interesse daran haben, nationalen Klischees und Stigmata einen Riegel vorzuschieben. Die Bundesrepublik war in der jüngsten Vergangenheit ein regelmäßiger Nutznießer europäischer Solidarität – ohne Gegenleistung wohlgemerkt. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs dauerte es nur wenige Jahre, bis die Bundesrepublik von der internationalen Staatengemeinschaft mit offenen Armen aufgenommen wurde; ein Schritt, den viele europäische Staaten mitgetragen haben, die erst kurze Zeit vorher von Nazi-Deutschland mit Krieg und Schrecken überzogen wurden.

Auch die deutsche Wiedervereinigung, die sich dieses Jahr zum 25. Mal jährt, wäre ohne den Beistand und die Zustimmung der Nachbarn nicht möglich gewesen. Die Lösung der deutschen Frage hat Europas Staatenwelt Zeit, Geld, Energie und eine gehörige Portion Nerven gekostet – allesamt Übel, die zurücktreten mussten, um 1989/1990 den Zustand eines geteilten Deutschlands zu beenden. Erinnert sei auch an die 15 Jahre währende Phase wirtschaftlicher Stagnation, die sich an die deutsche Einheit anschloss. Als die Bundesrepublik als „kranker Mann Europas“ galt und selbst einen schmerzhaften Prozess der wirtschaftlichen Gesundung durchschritt, hielten sich die Nachbarn mit unnötigen Belehrungen zurück.

Die in Deutschland verbreitete Europa-Stimmung blendet diese historischen Meilensteine geflissentlich aus. Stattdessen ist es wieder in Mode gekommen, über die Vorzüge deutscher Vormacht auf dem Kontinent zu sprechen.

In die gleiche Kerbe, aber mit anderen Vorzeichen, schlagen die „Isolationisten“, also diejenigen, die meinen, Deutschland könne sich als Insel der Glückseligkeit von den Leiden des restlichen Europas einfach abkoppeln. Pegida und die AfD lassen grüßen. In beiden Fällen steht das nationale Interesse im Vordergrund und wird dem europäischen Anliegen übergeordnet. Gerade in dieser Situation wäre es an der Zeit, sich an die bewährten Tugenden deutscher Europapolitik zu erinnern. Denn ob Adenauer, Brandt, Schmidt, Kohl oder Schröder: deutsche Regierungen haben sich in der Vergangenheit immer dafür eingesetzt, auch die vermeintlich kleinen und weniger einflussreichen europäischen Länder zu vertreten.

Und mehr noch als das: Im Gegensatz zum Hang für Prunk und Gloria des politischen Establishments in Paris und London, war sich die Bundesrepublik nie dafür zu schade, mit Demut und Bescheidenheit auf europäischem Parkett aufzutreten. Insbesondere davon können sich die gegenwärtigen Macher der deutschen Europapolitik eine Scheibe abschneiden. Berlin wäre gut beraten, die Rolle des europäischen Zuchtmeisters abzulegen und stattdessen wieder leise Töne anzuschlagen. Das heißt, auch mit dem nötigen Anstand und Respekt gegenüber unseren europäischen Freunden aufzutreten. Ein unverantwortliches Herbeireden eines griechischen Ausscheidens aus der Euro-Zone entspricht diesem Anspruch definitiv nicht.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Frank Schäffler, Volker Wissing, Markus Söder.

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