Trump hat sich damit selbst geschadet | The European

Trumps unwürdiger Abgang

Rainer Zitelmann7.01.2021Gesellschaft & Kultur, Medien, Politik

Donald Trump hat mit seinem Abgang sich selbst geschadet, seiner Partei und den USA. Ein Kommentar zur Lage nach der Erstürmung des Kapitols in Washington von Rainer Zitelmann.

Präsident Trump bei seiner Ansprache während Randalierer das Kapitol stürmten, Foto: imago images / UPI Photo

Dabei hätte er stolz sein können: Durch Steuersenkungen und Deregulierung hatte er einen Wirtschaftsboom ausgelöst. Und davon hatten keineswegs nur die Reichen profitiert, sondern auch Schwarze und Latinos, von denen er deshalb sogar mehr Stimmen bekam als 2016. Seine Äußerungen zu Corona waren teilweise grotesk und lächerlich, aber immerhin hat er – anders als die Europäer – rechtzeitig genug Impfstoff bestellt und das Unternehmen Moderna gefördert. So sind die Amerikaner, über die die Europäer noch vor Monaten den Kopf schüttelten, heute den Europäern beim Impfen voraus. Auch dies hätte er sich als Verdienst zurechnen können. Schließlich: Auch die illegale Zuwanderung hat Trump reduziert, auch wenn er keine Mauer gebaut hat, die von Mexiko bezahlt wurde.

Aber mit seinem Verhalten nach der Wahlniederlage hat er dafür gesorgt, dass all dies nicht in den Köpfen der Menschen bleiben wird. Er gilt einfach als schlechter Verlierer, der bis heute an der Behauptung festhält, er habe die Wahlen haushoch gewonnen, obwohl sämtliche Gerichte – inklusive des konservativ besetzten Supreme Court – diese Behauptung einhellig zurückgewiesen haben. Trump, der stets Autokraten und Diktatoren bewundert hat, hat zudem Zweifel aufkommen lassen, ob er das Militär einsetzen könnte, um an der Macht zu bleiben. Diese Zweifel hatten nicht nur linke Medien, die Trump stets unfair behandelt haben, sondern alle (!) zehn noch lebenden ehemaligen Verteidigungsminister der USA, die sich deshalb in einem offenen Brief an die Öffentlichkeit wandten. Zuletzt gab es den Mitschnitt eines Telefonats mit dem republikanischen Wahlleiter von Georgia, das nur als Anstiftung zum Wahlbetrug ausgelegt werden kann.

Durch sein Agieren hat Trump zuletzt maßgeblich dazu beigetragen, dass die Demokraten bei den Wahlen in dem seit 28 Jahren republikanisch dominierten Georgia erstmals die Mehrheit bekamen. Das ist nicht nur schlecht für die Republikaner, die dadurch die Mehrheit im Senat verloren haben, sondern vor allem schlecht für Amerika. Denn jetzt kann Joe Biden durchregieren und muss nicht mehr Rücksicht auf einen republikanisch dominierten Senat nehmen. Das stärkt wiederum die Position der radikalen Linken in den Reihen der Demokraten, also von Leuten wie Alexandria Ocasio-Cortez und Bernie Sanders, die von einem sozialistischen Amerika träumen. Die radikalen Linken in den Reihen der Demokraten können sich bei Trump bedanken.

Trump ist das egal, vielleicht freut er sich sogar darüber, wenn er es auf diese Weise seiner eigenen Partei heimzahlen kann, die ihm in weiten Teilen bei seiner absurden „Wahlfälschungs“-Kampagne nicht mehr folgten. Das Gute daran ist, dass sich die Republikaner so vielleicht schneller von Trump emanzipieren werden. Wo sind die Hoffnungsträger in dieser Partei, wo ist ein neuer Ronald Reagan?

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